Paralympics
7694 Über London nach Paris

Herausforderungen im Studium

„Es ist bildungsmäßig die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt Moritz über sein Master-Studium an der London School of Economics and Political Science (LSE): „Du wirst übel hart herausgefordert, bekommst von den Dozenten aber auch die maximale Beachtung. Ich verstehe, warum das eine der besten Unis der Welt ist.“ Die Aufnahmequote liegt bei knapp 6 Prozent, 85 Prozent der Studierenden kommen aus aller Welt, 40 Staatschefs und 19 Nobelpreisträger haben dort studiert, wo Moritz nun den Großteil seiner Zeit verbringt. Das hat seinen Preis: 40.000 Euro bezahlt er für Studium, Miete und Sonstiges.

Tunnelblick: Uni und Sport

Eine Sonderförderung der Sportstiftung NRW, die private Birgit-und-Thomas-Rabe-Stiftung und seine Familie unterstützen ihn. Moritz kann so sein Training neben dem Studium kontinuierlich fortsetzen. „Die ganze Aktion ist für mich ein großer Tunnelblick: Uni und Sport. So eine Chance kriegst du nie wieder“, sagt der Leichlinger. „Da unterrichten dich Leute, die die besten Lehrbücher schreiben und es ist ein Privileg, sich hier austauschen zu dürfen.“ Dafür gibt es eine Anwesenheitspflicht. „Wenn du ein- oder zweimal unentschuldigt fehlst, bist du weg“, erzählt Moritz. Dass er weiter Leistungssport machen kann, ist eher dem Zufall geschuldet „Ich wollte mich auf die Uni konzentrieren und habe immer gesagt: Ich bin glücklich und dankbar für alles, was im Sport möglich ist. Und dann hatte ich sehr viel Glück“, meint der 23-Jährige.

Kurz und knackig

Seine Trainingsgelegenheit fand er über Google Maps an der Central-Line-Haltestelle Mile End. Dort traf er Coach Chris Zah, in Großbritanniens Leichtathletikszene bekannt für 400-Meter-Läufer, die bei Olympia oder den Paralympics gestartet sind. Perfekt! „Hier kommen Siebenjährige aus den Docklands und 65-jährige Rentner. Wir sind eine riesige Gruppe.“ Zah hat Paraplegiker und Spastiker trainiert, kennt sich also aus, was es heißt, dass Moritz eine Hemiparese rechtsseitig hat: „Mit meiner Spastik ist es geiler, morgens nicht zu laufen. Deshalb habe ich um 16 Uhr Einzeltraining – viermal die Woche.“ Zahs Ansatz war ihm neu: „Wir trainieren megaanders. Kern-Essenz der Einheit ist es, kurz richtig zu laufen statt eine Stunde die Konzentration hochzuhalten“, erzählt Moritz.

„So eine Chance kriegst du nie wieder!“

Para Leichtathlet Moritz Raykowski über seinen zweigleisigen Weg: Uni und Sport

Die richtigen Trainingsreize setzen

„Hier ist das Motto: Sei gesund, dann kannst du dich bewegen. Wenn eine Übung wegen der Spastik weh tut, lasse ich sie weg. Ich hatte drei Mal in meinem Leben einen Ermüdungsbruch, aber egal wie frustrierend das ist: Paris 2024 ist das Ziel.“ Moritz‘ Traum von den Paralympics kommt die neue Trainingsmentalität entgegen. „Nach fünf Wochen machen wir eine Woche Pause, dann kommst du frisch wieder. Mir bringt das megaviel.“ Ansonsten sieht der ganzheitliche Ansatz von Zah vor, dass viel geschlafen und auf die Ernährung geachtet werden soll: „Wenn ich eine Klausur habe, gibt es einen anderen Plan. Das Training ist so wettkampfnah, dass ich da nicht zu viel verliere, das ist stark.“

Der Blick nach vorne

Zur deutschen Meisterschaft 2022 wird Moritz nach Regensburg fliegen, um seinen deutschen Rekord über 400 Meter zu unterbieten. Wenn sein Master beendet ist, will er wieder beim TSV Bayer Leverkusen trainieren und in Köln promovieren. Am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung gibt es ein Unterinstitut, wo er ab Oktober arbeiten und forschen möchte. Die Zeit in London hat ihm wichtige Erkenntnisse verschafft: „Es ist ein Segen zu wissen: Mit dem Programm, das ich aktuell habe, kann ich mit meiner Spastik mit viermal Training gewisse Dinge erreichen und gesund arbeiten.“

Moritz Raykowski

Para Leichtathlet, Jg. 1999, aus Leverkusen
TSV Bayer 04 Leverkusen, Startklasse T 37

Erfolge:
2018 5. Platz EM 400m
2017 4. Platz Jun.-WM 800m
2016 Jun.-WM 2. Platz 100 m, 3. Platz 800m
2015 Jun.-WM 2. Platz 200m, 3. Platz 100m und 400m

Berufsziel Professor: Moritz Raykowski studiert an der renommierten London School of Economics and Political Science. Foto: Oliver Heuser

Categories: Story Schlagwörter: , , | Comments 5847 Auf Tokio und 20 Jahre!

Am 21. September, dem vorletzten Tag des kalendarischen Sommers 2021 hat die Sportstiftung NRW auf Gut Gnadental in Neuss eingeladen. Vorstandsvorsitzender Dr. Ingo Wolf und Geschäftsführer Maximilian Hartung empfingen rund 100 Gäste aus dem Sportland NRW. Bei spätsommerlich-sonnigem Wetter wurde gemeinsam auf die Teilnehmer*innen der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio sowie auf das 20-Jahre-Jubiläum der Sportstiftung angestoßen.

Nach über 2 Jahren Coronabedingter Pause konnte das Sommerfest wieder stattfinden – zum dritten Mal auf der historischen Hofanlage der Unternehmerfamilie Zülow. Alle Teilnehmer waren geimpft, genesen oder getestet. Der Abend mit Köstlichkeiten vom Grillbuffet klang stimmungsvoll mit Musik der Marching-Band „Super Jazz“ aus.

Bildergalerie

Mehr Lesestoff
Categories: News Schlagwörter: , , , , , , , , | Comments 5835 Was macht eigentlich Irmgard?

Para Leichtathletin Irmgard,
Wirtschaftsprüfungsassistentin bei KPMG Düsseldorf

Null Komma eins. Bei der Para Leichtathletik-WM 2019 reichte Irmgard weniger als ein Wimpernschlag, nämlich eine Zehntel­sekunde Vorsprung, zu Gold über die 100 Meter. In ungleich gigantischeren Dimensionen denkt die Sportlerin, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt. „Seit drei Jahren arbeite ich an meinem Vorsprung“, erklärt sie. Niemand stoppt diese Zeit. Doch Irmgard weiß insgeheim, dass sie das Ziel bereits erreicht hat.

Mit dem Zeithaben ist das bei Irmgard so eine Sache. Die 30-Jährige hat eine halbe Stelle als Wirtschaftsprüfungsassistentin in der KPMG-Niederlassung Düsseldorf. Den restlichen Tag ist sie Athletin. Das erste Training ist um 8.30 Uhr. KPMG bietet flexible Arbeitszeitmodelle für Leistungssportler*innen.

„Ich hasse es, still zu sitzen“, lacht Irmgard. Ihr Motto: „Je weniger Zeit man hat, desto mehr schafft man. Wenn ich nur eine Stunde für das Training oder einen Auftrag habe, verliere ich keine Zeit mit Quatschen.“ Sie lebt ganz im Moment, im Jetzt. „Effektivität ist doch eigentlich eine sehr deutsche Eigenschaft“, wundert sich die gebürtige Südafrikanerin. „Meine Mutter hat fünf Kinder großgezogen und war Geschäftsführerin. Meiner ganzen Familie fällt es schwer, mal nichts zu tun.“

Als Irmgard 18 Jahre alt war, stürzte sie beim Training über eine Hürde. Dabei durchtrennten sich die Nerven des rechten Fußes. Weil eine Zertifizierung für den Behindertensport in Kapstadt scheiterte, fand sie 2014 auch dank ihrer deutschen Mutter den Weg ins Parasport-Zentrum des TSV Bayer 04 Leverkusen. In Rio lief sie für Deutschland dreimal zu Silber (100, 200 und 400 Meter), in Tokio 2021 kamen zwei weitere Zweite Plätze dazu.

Vorsprung durch Erfahrung

In der Disziplin Zwillingskarriere trat sie 2018 an. Mit Unterstützung der Sportstiftung NRW konnte sich Irmgard bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG vorstellen. „Durch die Beratung der Sportstiftung ist viel mehr herausgekommen, als ich mir erhofft hatte“, sagt sie. Von Teilzeitstellen und einer Sportkarriere neben dem Beruf hatte sie nie gehört. „Ich habe einen Traumjob und kann weiter laufen. Ich kann mich nicht genug dafür bedanken.“

Um den Abschluss als Wirtschaftsprüferin zu erlangen, sammelt Irmgard bei KPMG die erforderlich Praxiserfahrung. Ihr wurden Mandanten am Trainingsort Leverkusen und Umgebung zugeteilt. Sie prüft Konzern- und Jahresabschlüsse. „Man lernt mit Büchern, aber das Leben draußen ist anders, hat sie erkannt. Ich arbeite international und lerne sehr viele große Unternehmen kennen. Das ist enorm wertvoll.“ Die Erfahrung ist Irmgards Vorsprung vor anderen Berufseinsteigern.

Nach den Paralympics in Tokio möchte die Para Sprinterin ihre Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden aufstocken, in der direkten Vorbereitung auf Paris 2024 dann wieder reduzieren. Sie plant außerdem, zwei Jahre für KPMG in Südafrika zu arbeiten, um dort ihr Wirtschaftsprüfer-Examen abzulegen. Arbeitsjahre in Deutschland werden dafür nicht angerechnet. „KPMG kommt mir bei allen entgegen.“ Eins Komma null.

„So eine Chance kriegst du nie wieder!“

Para Leichtathlet Moritz Raykowski über seinen zweigleisigen Weg: Uni und Sport

Categories: Story Schlagwörter: , , , , , | Comments 5683 Paralympics mit 39 NRW-Teilnehmern

Rund 4.000 Athlet*innen aus 160 Nationen kämpfen vom 24. August bis zum 5. September 2021 bei den XVI. Paralympischen Spielen um Medaillen und Platzierungen. Deutschland geht beim weltgrößten Sportereignis für Menschen mit Behinderungen mit rund 130 Athletinnen und Athleten an den Start. 39 dieser Sportler*innen kommen aus dem Sportland.NRW. Tokio richtet 2021 erstmals Paralympische Spiele aus.

Nordrhein-Westfalen ist bei den Paralympischen Spielen seit Langem das erfolgreichste Bundesland.

So wurden 2016 in Rio de Janeiro 31 der insgesamt 57 deutschen Medaillen von nordrhein-westfälischen Para Sportler*innen gewonnen. Für die Vorbereitung stehen den Athlet*innen neben den drei Olympiastützpunkten die drei nordrhein-westfälischen Para-Bundesstützpunkte sowie die paralympischen Trainingszentren in NRW zur Verfügung. Das Sportland.NRW ist zudem Heimat des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) mit seinem Hauptquartier in der Bundesstadt Bonn.

Ministerpräsident Armin Laschet: „Die Paralympischen Spiele sind ein faszinierendes Weltsportereignis und ein bedeutsames Signal für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Dass das Internationale Olympische Komitee mit Sitz in Bonn seine internationale Arbeit und die Vorbereitung der Spiele von Nordrhein-Westfalen aus koordiniert, unterstreicht, welche große Bedeutung der Parasport im Sportland.NRW hat.

Unter www.teamsportland.nrw sind alle 39 Paralympics-Starter*innen aus NRW und ein Wettkampfkalender mit allen Startzeiten des Team Sportland.NRW aufgeführt.

Teamsportland NRW Key visual

Der neue Internetauftritt ist ein Projekt unter Beteiligung des Landessportbundes NRW sowie den Partnern Sportstiftung NRW, Behinderten- und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen (BRSNW), den drei Olympiastützpunkten NRW in Rheinland, Rhein-Ruhr und Westfalen sowie dem Sportland NRW.

Direkt-Botschaften an die Athlet*innen

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat in diesem Jahr das „Deutsche Haus Digital“ entwickelt. Die Begegnungsstätte im digitalen Raum, kann von allen genutzt werden, die den Athlet*innen von zu Hause aus bestmögliche Unterstützung zusichern wollen. Fans, Freunde und Familien können den TokyoTree mit ihren Grüßen, Glückwünschen und digitalem Daumendrücken zum Erblühen bringen. Platziert im Team D Quartier im Olympischen Dorf wird jede Nachricht am TokyoTree wie ein Kirschblütenblatt ausgedruckt und fällt den Athlet*innen direkt in die Hände.

Categories: News Schlagwörter: , , , , , | Comments 4761 Die letzte Chance genutzt

(Aktualisierter Beitrag, 07.06.2021)
Die Ausgangslage war klar: Nur der Sieger des Finals darf zu den Paralympics nach Tokio. Deutschland hatte in der ersten Gruppenphase mit 0:3-Sätzen gegen Kasachstan verloren. Im Finale trafen bei Teams erneut aufeinander – mit dem besseren Ausgang dieses Mal für Deutschland. Endstand: 3:1 nach Sätzen (17:25, 25:13, 25:21, 25:23).

Bei den Paralympics trifft die deutsche Auswahl in ihrer Gruppe auf China, Brasilien sowie mit dem Iran auf die aktuell beste Mannschaft der Welt. Die Paralympics werden am 24. August eröffnet.

Vor dem Turnier in Duisburg hatten wir mit Vize-Kapitän Lukas Schiwy zum Interview gebeten:

Lukas, zuletzt gab es für euch „nur“ Bronze bei der EM. Welche Chancen rechnet ihr euch beim letzten Qualifikationsturnier für die Paralympics aus?

Lukas Schiwy: Wir rechnen uns große Chancen aus. Es wird natürlich kein einfaches Turnier – alle gegnerischen Teams sind hoch motiviert. Die Stimmung ist emotional aufgeladen. Allein dadurch kann auch gegen vermeintlich stärkere Teams schnell eine Patt-Situation entstehen. Daher nehmen wir jedes Spiel sehr ernst, denn wir wollen das Ticket unbedingt lösen.

Wer ist euer größter Konkurrent, nun da Europameister Russland nicht mitspielt?

Gegen Kasachstan wird es hart. Das Team konnte im gesamten vergangenen Jahr wie gewohnt trainieren. Wir mussten während des ersten Corona-Lockdowns eine Pause einlegen. Die kasachische Mannschaft haben wir bereits im Trainingslager in Kienbaum erlebt. Bei der WM 2018 hatten sie uns im Spiel um Platz 9 besiegt.

Ihr musstet monatelang auf diese letzte Chance warten. Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen?

Es ist nicht einfach. Wir waren darauf vorbereitet, das Turnier im März letzten Jahres in den USA zu spielen und uns zu qualifizieren. Amerika wurde aber zum Horrortrip. Direkt nach unserer Anreise wurde das Turnier gesagt. Danach wurde es nochmal verschoben. Das war nicht leicht zu verdauen. Wir haben versucht, teamintern viel miteinander zu reden. Es wurden Fragerunden vor jedem Trainingslager eingebaut. Unser Tag beginnt immer damit, dass unser Trainer fragt, wie es uns geht, was uns auf dem Herzen liegt. Wir quatschen echt viel. Dieser Austausch ist superwichtig.

„Die Stimmung steigt immer mehr je näher das erste Spiel rückt.“

Lukas Schiwy, Angreifer in der deutschen Sitzvolleyball Nationalmannschaft

Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Gut und sie wurde noch einmal besser, als feststand, dass das Turnier jetzt nachgeholt wird. Die Stimmung steigt immer mehr je näher das erste Spiel rückt. Durch die Trainingslager sind wir alle wieder hochmotiviert, allerdings auch angespannt. Es ist ja nicht so, dass wir alles (Anmerk.: zweifache Verschiebung, Trainingsausfall) so einfach verarbeiten. Ich finde das aber auch wichtig, weil es zeigt, dass wir unser Ziel wirklich ernst nehmen und es bestmöglich machen wollen.

Wie bereitet ihr euch in dieser besonderen Situation vor?

Wir hatten eine Sportpsychologin in der Mannschaft, die uns toll beraten hat mit Tipps und Tricks. Ein wichtiges Element ist, wie gesagt, dass wir viel miteinander reden. Aber auch, dass jeder versucht zum Ruhepol zu werden. Gerade, wenn es im Spiel turbulent zugeht, muss man versuchen, sozusagen der Fels in der Brandung zu sein. Das muss man immer wieder trainieren. Das ist quasi unsere zweite Trainingsebene neben dem Ball- und Krafttraining.

„Unser Kader ist jetzt viel besser als vor einem Jahr.“

Konntet ihr den vielen Verschiebungen auch etwas Positives abgewinnen?

Ja, tatsächlich schon. Ein paar Spieler, die nach Rio 2016 ihre Karrieren beendet hatten, sind ins Team zurückgekehrt sind, als sie hörten, dass wir uns immer noch qualifizieren wollen. Diese Spieler sind jetzt wieder in vollem Umfang dabei und eine super Unterstützung für unser Team. Ich würde sogar sagen, dass unser Kader für das Turnier jetzt viel besser aufgestellt ist als vor einem Jahr.

Wie habt ihr euren Leistungsstand während der Lockdowns aufrechterhalten?

Das war sehr schwierig. Wir haben uns so gut es ging zu virtuellen Workouts verabredet, wodurch wir einigermaßen fit geblieben sind. Im Zuge der Lockerungen haben wir als Leistungssportler eine Sondergenehmigung für das Training in der Halle erhalten. Seit Herbst haben wir wieder unseren normalen Trainingsumfang und spielen viermal pro Woche. Die Nationalmannschaft darf auch in kompletter Aufstellung trainieren, also mit allen Ersatzspielern. Für das Training haben wir uns selber strenge Hygieneauflagen gegeben: Wir testen uns vor jeder Einheit mit einem Schnelltest und einmal pro Woche auch von Ärzten. Daher sind wir hoffentlich sicher unterwegs.

Lukas Schiwy

Welche Rolle hast Du in der Mannschaft?

Zwischen den erfahrenen, zurückgekehrten Spielern und den Jüngeren und Neueren sehe ich mich eigentlich gut in der Mitte aufgehoben. Ich war in Rio dabei, auch wenn ich damals noch nicht so viel gespielt habe. Jetzt bin ich festes Mitglied der Stammmannschaft und habe als Angreifer auch schon gut Erfahrungen sammeln können. Aktuell bin ich auch Vize-Kapitän – das ist schon ganz cool.

Wie geht es mit oder ohne das Tokio-Ticket weiter?

Durch die Verschiebung der Paralympics ist in diesem Jahr noch die Europameisterschaft. 2021 ist mit Terminen echt voll gepackt, sodass wir auch ein Highlight hätten, falls Tokio ohne uns stattfindet. Dann hätte eine Medaille bei der EM Priorität. Klar wollen wir immer bestmöglich spielen, aber wenn man bei den Paralympics war, flacht die Spannungskurve direkt danach schon ein bisschen ab.

Lukas Schiwy, 26 Jahre aus Köln, studiert BWL an der Uni zu Köln. In seinem Verein, dem TSV Bayer Leverkusen hat er bereits viele Sportarten ausprobiert: angefangen mit Schwimmen und Turnen, begeisterte ihn Para Sport Stützpunktleiter Jörg Frischmann schließlich für Sitzvolleyball. Sitzvolleyball ist ein der Para Kernsportarten in NRW und wird von der Sportstiftung NRW gefördert. Als Bundeskaderathlet wird Lukas auch individuell unterstützt: Er erhält unter anderem eine monatliche Förderung durch das Deutschlandstipendium.

Mehr Lesestoff
Lukas Schiwy, Sitzvolleyballer in der Deutschen Nationalmannschaft Categories: Story Schlagwörter: , , , , , , | Comments 4706 Codewort Schildkröte

Amalia hat Kaffee gekocht. Viel, sehr viel, habe sie in den letzten Wochen, nein, Monaten und Jahren getrunken, sagt sie und schenkt großzügig aus. Wir nehmen das Wochenende in Angriff. Ende Juli, Morgensonne, zwitschernde Vögel im Blätterdach. Neben uns parkt der Rolli. Amalia hat besser geschlafen, aber nicht gut und wieder nicht sehr viel. „Mein Schlafdefizit ist gewaltig“, stöhnt sie. Im Schnitt drei Stunden am Stück jede Nacht seit fast einem Jahr. Die kaputten Beine drangsalieren sie.

Wir graben unsere Zehen in feinen Sand, die Knöchel umspielt von warmen, schäumenden Wellen. Danach tapsen wir über dicke Kissen aus Moos. Es sind Glücksgefühle für die Füße, produziert in unseren Gedanken. Real würde die 29-Jährige kaum etwas davon spüren. Nichtsdestotrotz hat sie ihre „Bucket List“ abgearbeitet, alles zum letzten Mal „zu Fuß“ erlebt.

„Ich kann jetzt nicht mehr sagen, dass ich keine Angst habe,“ vertraut mir Amalia an. Am darauffolgenden Montagmorgen wird sie sich beide Unterschenkel amputieren lassen. Sie hofft, dass die Schmerzen mit ihnen verschwinden, und, so skurril es klingen mag, auf mehr Mobilität. Amalia liebt tanzen.

Ihre Leiden sind die Folge einer Bleivergiftung, die sie sich vor acht Jahren zuzog. Amalia war leidenschaftliche Triathletin. Die Erkrankung schwächte ihren gesamten Körper. Besonders die Nerven und Muskeln der unteren Extremitäten trugen bleibende Schäden davon.

Nach langer Reha sattelte sie 2019 auf Para Rudern um, stößt in den Nationalkader vor und arbeitet – keinen Deut weniger leidenschaftlich – an einer Paralympics-Teilnahme. Um in Sport und Studium leistungsfähig zu bleiben, hält sie die Schmerzmedikation gering und drückt ihre Beschwerden so gut es geht beiseite. 2020 zieht sie die Reißleine, als klar ist, dass Tokio um ein Jahr verschoben wird.

Geduld vs. Ehrgeiz

Nachts arbeitet der Kopf. Amalia surft durch das Internet, liest und hinterfragt alles, was sie finden kann. Acht Fachärzte kommen schließlich zu demselben Schluss, dass eine Amputation langfristig die beste Lösung für ihre Ziele ist. Amalia spreizt den Daumen und den kleinen Finger ihrer Hand ab. „Das hang-loose-Maß meines Vertrauensarztes“, erklärt sie. So viel wird abgetrennt, vom Knöchel bis Mitte der Schienbeine. Nicht zu viel, um Spielraum für Nachbesserungen zu haben und um beim Rudern genug Hebelwirkung entwickeln zu können. Die Kraft wird hauptsächlich über die Beine übertragen. Sie werden durch Prothesen ersetzt.

Amalia versucht sich mental zu wappnen. Der Minischritt vom Rolli auf die Toilette wird nach der Operation nicht mehr möglich sein. Mit Bettgymnastik will sie direkt im Krankenhaus loslegen: „Sit-ups gehen immer.“ Geduld ist nicht ihre Stärke. Amalia will jedoch achtsamer mit sich werden und bittet ihre engen Vertrauten um Unterstützung, wenn Ehrgeiz und Perfektionismus mit ihr durchgehen. Das Codewort lautet Schildkröte.

Ihre Füße verabschiedet Amalia schließlich mit Humor. Wer einmal einen Gipsverband hatte und Freunde mit einem Edding, weiß Bescheid. Am letzten Abend vor der OP sucht sie Entspannung im Kraftraum.

Amalia im Sommer 2020, am vorletzten Tag vor der Amputation ihrer Füße.

Ready to row!

Amalia hat Kekse gebacken. „Weihnachtliche Fitness-Cookies. Die zaubern ein Strahlen ins Gesicht“, grinst sie. Sie ist mit dem Rollstuhl gekommen, auch, um sich für die Unterstützung der Sportstiftung zu bedanken, die nie abriss. Ihre Stümpfe stecken in Linern. Diese Überzüge aus Silikon verbinden Stumpf mit Prothese. Sie habe keinerlei Phantomschmerzen, erzählt Amalia, fünf Monate nach der Operation. Und sie kann wieder schlafen.

Die ersten Wochen nach der Amputation verbrachte sie in ihrem kleinen Studentenzimmer, ermattet, die verbliebenen Beinstümpfe hochgelagert, aber glücklich mit ihrer Entscheidung. „Ich war mental schnell erschöpft und habe mich bewusst zurückgezogen – auch aus den sozialen Medien“, erzählt sie. „Die Ratschläge mancher Menschen, die glaubten mich belehren zu müssen, haben meinen Tank zu sehr geleert.“ Das Rudern ist täglich Gesprächsthema und zieht hoch. „Mein Sportlerherz schlägt weiter.“

Vier Wochen nach der Amputation: Die Para Ruderin ist glücklich mit ihrer Entscheidung.

Die ersten Schritte auf Prothesen macht Amalia bereits im September. Eine schwere Nervenverletzung an den Stümpfen wirft sie zurück, zudem stürzt sie viermal unglücklich auf die Wunde. Sie stürzt sich auch in die Reha. „Ich bin ja nicht neu in dem Business“, scherzt sie. Reha-Trainerin Anja Löhr am Olympiastützpunkt NRW/Rheinland „pusht“ die Athletin. Ihr hatte Amalia damals als Erste ihre Gedanken über die Amputation anvertraut. Amalia beginnt mit kurzen Spaziergängen in der Gehschule, zum Krafttraining darf sie im Dezember. Ein Weihnachtsgeschenk.

Anfang 2021 ist Amalia zurück auf der Regattabahn am Fühlinger See, dem Stützpunkt der Para Ruderer in NRW. Sie ist ein wichtiger Baustein des „2. zu 1. Liga“-Projekts. Weil ihre Prothesenfüße kein bewegliches Fußgelenk haben, müssen die Hebelkräfte so verlagert werden, dass sie ans Stemmbrett abgegeben werden. Wasserzeit und Trainingsumfang richten sich nach den Stümpfen. Eine Überbelastung will die Para Athletin nicht riskieren. Die Freude am Rudern ist jedoch zurück: „Ich liebe es, zu wissen, dass es immer besser geht“.

Neue Beine: Am Olympiastützpunkt NRW/Rheinland lernt Amalia das Gehen auf Prothesen.

Und Tokio? Mit ihrem Doppelzweier-Partner Leopold Reimann kann sie sich im Mai noch qualifizieren. „Die Willenskraft ist auf jeden Fall vorhanden“, grinst Amalia. „Für Paris 2024 sowieso. Bremsen war noch nie meine Stärke.“ Der Plan mit der Amputation ist aufgegangen. Codewort Schildkröte existiert noch. Nicht nur im Boot gilt es, den richtigen Rhythmus beizubehalten.

Categories: Story Schlagwörter: , , , , , , , | Comments