Para Rudern

Codewort Schildkröte

Para Ruderin Amalia Sedlmayr sitzt nach der Amputation beider Unterschenkel wieder im Boot.

22.05.2021 | Sebastian Burg

Amalia hat Kaffee gekocht. Viel, sehr viel, habe sie in den letzten Wochen, nein, Monaten und Jahren getrunken, sagt sie und schenkt großzügig aus. Wir nehmen das Wochenende in Angriff. Ende Juli, Morgensonne, zwitschernde Vögel im Blätterdach. Neben uns parkt der Rolli. Amalia hat besser geschlafen, aber nicht gut und wieder nicht sehr viel. „Mein Schlafdefizit ist gewaltig“, stöhnt sie. Im Schnitt drei Stunden am Stück jede Nacht seit fast einem Jahr. Die kaputten Beine drangsalieren sie.

Wir graben unsere Zehen in feinen Sand, die Knöchel umspielt von warmen, schäumenden Wellen. Danach tapsen wir über dicke Kissen aus Moos. Es sind Glücksgefühle für die Füße, produziert in unseren Gedanken. Real würde die 29-Jährige kaum etwas davon spüren. Nichtsdestotrotz hat sie ihre „Bucket List“ abgearbeitet, alles zum letzten Mal „zu Fuß“ erlebt.

„Ich kann jetzt nicht mehr sagen, dass ich keine Angst habe,“ vertraut mir Amalia an. Am darauffolgenden Montagmorgen wird sie sich beide Unterschenkel amputieren lassen. Sie hofft, dass die Schmerzen mit ihnen verschwinden, und, so skurril es klingen mag, auf mehr Mobilität. Amalia liebt tanzen.

Ihre Leiden sind die Folge einer Bleivergiftung, die sie sich vor acht Jahren zuzog. Amalia war leidenschaftliche Triathletin. Die Erkrankung schwächte ihren gesamten Körper. Besonders die Nerven und Muskeln der unteren Extremitäten trugen bleibende Schäden davon.

Nach langer Reha sattelte sie 2019 auf Para Rudern um, stößt in den Nationalkader vor und arbeitet – keinen Deut weniger leidenschaftlich – an einer Paralympics-Teilnahme. Um in Sport und Studium leistungsfähig zu bleiben, hält sie die Schmerzmedikation gering und drückt ihre Beschwerden so gut es geht beiseite. 2020 zieht sie die Reißleine, als klar ist, dass Tokio um ein Jahr verschoben wird.

Geduld vs. Ehrgeiz

Nachts arbeitet der Kopf. Amalia surft durch das Internet, liest und hinterfragt alles, was sie finden kann. Acht Fachärzte kommen schließlich zu demselben Schluss, dass eine Amputation langfristig die beste Lösung für ihre Ziele ist. Amalia spreizt den Daumen und den kleinen Finger ihrer Hand ab. „Das hang-loose-Maß meines Vertrauensarztes“, erklärt sie. So viel wird abgetrennt, vom Knöchel bis Mitte der Schienbeine. Nicht zu viel, um Spielraum für Nachbesserungen zu haben und um beim Rudern genug Hebelwirkung entwickeln zu können. Die Kraft wird hauptsächlich über die Beine übertragen. Sie werden durch Prothesen ersetzt.

Amalia versucht sich mental zu wappnen. Der Minischritt vom Rolli auf die Toilette wird nach der Operation nicht mehr möglich sein. Mit Bettgymnastik will sie direkt im Krankenhaus loslegen: „Sit-ups gehen immer.“ Geduld ist nicht ihre Stärke. Amalia will jedoch achtsamer mit sich werden und bittet ihre engen Vertrauten um Unterstützung, wenn Ehrgeiz und Perfektionismus mit ihr durchgehen. Das Codewort lautet Schildkröte.

Ihre Füße verabschiedet Amalia schließlich mit Humor. Wer einmal einen Gipsverband hatte und Freunde mit einem Edding, weiß Bescheid. Am letzten Abend vor der OP sucht sie Entspannung im Kraftraum.

Amalia im Sommer 2020, am vorletzten Tag vor der Amputation ihrer Füße.

Ready to row!

Amalia hat Kekse gebacken. „Weihnachtliche Fitness-Cookies. Die zaubern ein Strahlen ins Gesicht“, grinst sie. Sie ist mit dem Rollstuhl gekommen, auch, um sich für die Unterstützung der Sportstiftung zu bedanken, die nie abriss. Ihre Stümpfe stecken in Linern. Diese Überzüge aus Silikon verbinden Stumpf mit Prothese. Sie habe keinerlei Phantomschmerzen, erzählt Amalia, fünf Monate nach der Operation. Und sie kann wieder schlafen.

Die ersten Wochen nach der Amputation verbrachte sie in ihrem kleinen Studentenzimmer, ermattet, die verbliebenen Beinstümpfe hochgelagert, aber glücklich mit ihrer Entscheidung. „Ich war mental schnell erschöpft und habe mich bewusst zurückgezogen – auch aus den sozialen Medien“, erzählt sie. „Die Ratschläge mancher Menschen, die glaubten mich belehren zu müssen, haben meinen Tank zu sehr geleert.“ Das Rudern ist täglich Gesprächsthema und zieht hoch. „Mein Sportlerherz schlägt weiter.“

Vier Wochen nach der Amputation: Die Para Ruderin ist glücklich mit ihrer Entscheidung.

Die ersten Schritte auf Prothesen macht Amalia bereits im September. Eine schwere Nervenverletzung an den Stümpfen wirft sie zurück, zudem stürzt sie viermal unglücklich auf die Wunde. Sie stürzt sich auch in die Reha. „Ich bin ja nicht neu in dem Business“, scherzt sie. Reha-Trainerin Anja Löhr am Olympiastützpunkt NRW/Rheinland „pusht“ die Athletin. Ihr hatte Amalia damals als Erste ihre Gedanken über die Amputation anvertraut. Amalia beginnt mit kurzen Spaziergängen in der Gehschule, zum Krafttraining darf sie im Dezember. Ein Weihnachtsgeschenk.

Anfang 2021 ist Amalia zurück auf der Regattabahn am Fühlinger See, dem Stützpunkt der Para Ruderer in NRW. Sie ist ein wichtiger Baustein des „2. zu 1. Liga“-Projekts. Weil ihre Prothesenfüße kein bewegliches Fußgelenk haben, müssen die Hebelkräfte so verlagert werden, dass sie ans Stemmbrett abgegeben werden. Wasserzeit und Trainingsumfang richten sich nach den Stümpfen. Eine Überbelastung will die Para Athletin nicht riskieren. Die Freude am Rudern ist jedoch zurück: „Ich liebe es, zu wissen, dass es immer besser geht“.

Neue Beine: Am Olympiastützpunkt NRW/Rheinland lernt Amalia das Gehen auf Prothesen.

Und Tokio? Mit ihrem Doppelzweier-Partner Leopold Reimann kann sie sich im Mai noch qualifizieren. „Die Willenskraft ist auf jeden Fall vorhanden“, grinst Amalia. „Für Paris 2024 sowieso. Bremsen war noch nie meine Stärke.“ Der Plan mit der Amputation ist aufgegangen. Codewort Schildkröte existiert noch. Nicht nur im Boot gilt es, den richtigen Rhythmus beizubehalten.