Para Sport
16655 Vom Sehen und Gesehen-Werden

Marc Lembeck hat seiner ehemaligen Lehrerin vermutlich sehr oft gedankt. Er besuchte eine Förderschule, wo Frau Zeller seine Sportlichkeit auffiel. Sie machte ihn auf das Leichtathletiktraining beim TSV Bayer 04 Leverkusen aufmerksam. Marc ging hin, wurde gefördert und erreichte 2008 seine erste Paralympics-Teilnahme im Sprint über 200 und 400 Meter. 16 Jahre später ist er im Rudern Weltspitze. Wenn er im Sommer Postkarten aus Paris verschickt, darf eine Adressatin nicht fehlen.

Bei den Paralympics 2024 wird Marc noch einmal demonstrieren, wohin der Weg vom Talent zum gestandenen Athleten führen kann. Dem PR3 Mixed Vierer gelang bei der WM im vergangenen Jahr als erstem Boot des Deutschen Ruderverbands die Qualifikation für Paris. Inmitten der Metropole wird Marc so sichtbar sein, wie ein paralympischer Ruderer jemals sein kann.

Trotz Sehbehinderung beeinflussen, was andere sehen

Marc Lembeck ist Talentscout für Para Sport in NRW.

Um das Gesehen-Werden dreht es sich auch in Marcs anderer Rolle. Im Oktober übernahm er die Aufgabe, seine potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolger aufzuspüren. Als Talentscout für den Para Sport in Nordrhein-Westfalen bekleidet er eine Position, die 2019 beim Behinderten und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen e. V. (BRSNW) in Pionierarbeit geschaffen wurde, und seitdem weitgehend von der Sportstiftung NRW ermöglicht wird.

Marc hat über drei Jahrzehnte gelernt, mit seiner Behinderung zu leben, einer degenerativen Erkrankung des Sehnervs. Fünf Prozent Sehstärke hinderten den gebürtigen Solinger nicht daran, Edelmetall bei Welt- und Europameisterschaften zu gewinnen. Marc kann den Verlust seiner Sehkraft nicht beeinflussen. Dafür kann er beeinflussen, was andere sehen. Er hat sich vorgenommen, mehr Sichtbarkeit für den Para Sport und dessen Angebote für Einsteiger zu erzeugen. Daran hapert es noch im Para Sportland NRW, meint er. Im einwohnerreichsten Bundesland verbergen sich mehr Talente, ist Marc überzeugt.

Viele Wege führen nach Rom

Die von Marcs Vorgängerinnen initiierten Schnuppertage, die Para Sport Tour, wird fortgeführt, erklärt er. Es handelt sich um bis zu drei Wochenenden, an denen Menschen jeden Alters mehrere paralympische Sportarten an einem Ort ausprobieren können. Entscheidende Unterstützung verspricht sich Marc dabei von gestandenen Para Athleten, die als Gesichter der Tour einen Wiedererkennungswert schaffen und als Vorbilder wirken sollen. „Ein kleiner Facelift für die Tour“, sagt Marc. Er möchte das Angebot außerdem ambitionierter auf Leistungssport ausrichten, passend zu den mitwirkenden Athletinnen und Athleten. Wer bei einem Schnuppertag die Lust an der Bewegung entdeckt hat, es aber langsam angehen möchte, wird natürlich trotzdem vernetzt:

„Ich bin die Schnittstelle zu unserem Breitensportreferenten“, erklärt Marc und schiebt hinterher: „Ich versuche, besorgten Eltern zu vermitteln, dass ein Leistungssportler bewusst an seine körperlichen Grenzen geht.“

„Viele Kaderathleten sind mit ihrem Sport zufällig in Kontakt gekommen, meist durch Familie und Freunde“, weiß Marc aus einer Studie des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft (Quantitative Befragung von DBS Bundeskaderathleten 2023), die ihn an seine eigene Vita erinnert. „Das eine Best-Practice Beispiel der Talentfindung gibt es nicht“, sagt Marc. „Wir versuchen deshalb immer wieder neue Wege in den Para Sport zu öffnen.“ Größere Präsenz in Social Media ist eine Möglichkeit. Marcs Kumpel, der Weitspringer Markus Rehm, ist einer der bekanntesten deutschen Para Athleten. Als „thebladejumper“ hat er 12.000 Follower bei Instagram.

Inklusion in Vereinen leben

Wurde ein Talent identifiziert, braucht es Trainingsmöglichkeiten im Verein, möglichst nah am Wohnort. „Wir können es uns nicht erlauben, Talente direkt wieder zu verlieren, weil sie zwei Stunden zum Training fahren müssen“, sagt Marc. Er glaubt, dass die Vereinslandschaft in NRW das Potenzial hat, sich für Para Athletinnen und Athleten mehr zu öffnen.

Bevor Marc Talentscout wurde, arbeitete der gelernte Bürokaufmann als Event-Inklusionsmanager für den Deutschen Ruderverband, davor viele Jahre beim Deutschen Behindertensportverband. „In vielen Fällen ist es möglich, Inklusion zu praktizieren. Klar, es gibt Grenzen. Aber in der Regel ist es der einfachste Weg, einen Para Sportler in ein bestehendes System zu integrieren. Das spart Ressourcen. Es sind dieselben Trainingszeiten und dasselbe Personal“, erklärt er. „Jeder weiß, dass er sich in einem Verein verantwortungsvoll gegenüber sich selbst und anderen verhalten muss. Das gilt gleichermaßen für Menschen mit einer körperlichen Behinderung. Wir müssen Barrieren im Kopf abbauen und die Angst vor dem Unbekannten nehmen.“ Hundert Prozent scharfsichtig.

Paralympisches Zentrum – Förderungen deutlich erhöht

Das Paralympische Zentrum bezeichnet ein Netzwerk aus Unterstützern des paralympischen Sports in NRW. Die Sportstiftung trägt in enger Partnerschaft mit dem Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW (BRSNW) dazu bei, erfolgreiche Nachwuchsarbeit zu gestalten und den Athletinnen und Athleten herausragende Rahmenbedingungen für Training, Studium und Berufsausbildung anbieten zu können.

Neben der unmittelbaren Athletenförderung unterstützt die Stiftung auch Personalstellen im paralympischen und deaflympischen Sport, darunter der Talentscout, Trainer, Stützpunktleiter sowie die Stelle des Klassifizierers. Dafür wurden im Jahr 2023 Mittel in Höhe von rund 400.000 Euro bereitgestellt. Im April 2024 hat das Kuratorium der Sportstiftung beschlossen, die Förderung für Leistungssportpersonal sowie für Wettkampf- und Trainingsmaßnahmen im paralympischen Sport auf jährlich 650.000 Euro zu erhöhen.

Ansprechpartner
Marc Lembeck
Marc Lembeck

Talentscout beim BRSNW
02037174170
0160 97264102
lembeck@brsnw.de

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