Wenn sich gehörlose Athletinnen blind verstehen, wird aus Harmonie Erfolg. Am vorletzten Wettkampftag der Deaflympics sprinten die deutschen Leichtathletinnen in den Staffeln zu Gold und Silber. Delia ist mittendrin. Auf dem Zuschauerrang kommen Mama die Tränen. Alle Eltern sind nach Tokio mitgereist. Auf dem Tartan liegen sich die Töchter in den Armen. „Mein schönster Moment“, sagt Delia. „Die 4×100-Meter-Staffel war das absolute Highlight.“
Es folgt eine Überraschung in der 4×400- Meter Staffel. Mit Silber hat das NRW-Quartett um Jelisa Gräf, Fiona Proba, Tessa Lange und Delia nicht gerechnet. Die fünfte Athletin in diesem Bunde, Sheila Schlechter aus Bünde, war knapp eine Stunde zuvor mit Delia in der siegreichen 4×100-Meter-Staffel gestartet, bevor es ins 4×400-Meter-Finale ging.
„Ich hatte großes Vertrauen in uns“, sagt Delia. „In der Staffel konnte ich abrufen, was ich kann.“ Die Tage zuvor glichen einer „emotionalen Achterbahnfahrt“. Im Vorlauf gelang die Stabübergabe zwischen Tessa und Delia gerade noch innerhalb der Wechselzone. Mit ihren beiden sechsten Plätzen in den Einzelstarts hadert sie zwar, doch vor dem Teamwettbewerb ist alles abgehakt.

Sommerspiele im November
Bei den Deaflympics starten mehr Leichtathleten als bei Weltmeisterschaften. Delia absolviert neun Rennen in nur einer Woche. Dabei beginnen ihre Tage früh und enden früh in winterlicher Dunkelheit. Denn der Transfer zum Teamhotel dauert gut eine Stunde und die Sonne geht in Tokio im November bereits am Nachmittag unter. Flutlicht gibt es im Wettkampfstadion nicht.
Die Wettbewerbe anderer Sportarten verfolgt sie über eine Leinwand, die das um sichtige Organisationsteam kurzerhand im Hotel aufgebaut hat. Der Gastgeber war auf die Ankunft gehörloser Athleten vorbereitet. „Wir mussten uns nie erklären“, schildert Delia. „Es war ein Wohlfühlsetting für Gehörlose. Die Menschen hatten Freude daran, uns zuzuschauen, und zollten uns echte Anerkennung. “
Tokio waren ihre dritten Deaflympics. Einen Tag vor der Eröffnungsfeier erfuhr die Kölnerin vom Deutschen Gehörlosen-Sportverband, dass sie gemeinsam mit Schwimmer Lars Kochmann als Fahnenträgerin einmarschieren würde. „Ich war nicht aufgeregt. Mit der Mannschaft im Rücken habe ich mich einfach gefreut“, erzählt die 26-jährige Studentin. „Mit den Deaflympics verbinde ich vor allem Gemeinschaft, nicht nur das sportliche Event.“
NRW in Tokio
Die Deaflympics gelten als das weltweit bedeutendste Sportereignis für gehörlose Athletinnen und Athleten. Bei der 25. Ausgabe in Tokio waren etwa 3.000 Wettkämpfer aus 79 Nationen am Start. Aus Nordrhein-Westfalen waren 13 Athletinnen und Athleten nominiert. Sie waren an 10 der insgesamt 24 Medaillen der 67-köpfigen deutschen Mannschaft (6x Gold, 8x Silber, 10x Bronze) beteiligt. Dies ist die beste deutsche Bilanz seit 20 Jahren. Die ersten Spiele für Menschen mit Hörbeeinträchtigung fanden 1924 statt.

Delia Gaeda
geb. 1999, aus Köln. Sie startet für den Düsseldorfer SV 04 und das LT DSHS Köln und studiert B.Sc. Sport & Leistung an der Deutschen Sporthochschule Köln.
Erfolge 2025:
1. Platz Deaflympics
mit der 4×100-m-Staffel und
2. Platz über 100 m und 200 m
6. Platz mit der 4×400-m-Staffel
Erfolge 2024:
3. Platz WM über 200 m sowie
2. Platz mit der 4×100-m-Staffel