Athletenförderung im Wasserball

Keine Puppen

Zank mit den großen Brüdern kann ab und zu von Vorteil sein. Zumindest, wenn man wie Gesa und Ira Deike als Wasserballerin durchstarten will.

01.03.2020 | Sebastian Burg
Ira und Gesa Deike, Wasserballerinnen, in ihrem Zimmer

„Beim Training ging es früher oft so weit, bis eine geheult hat.“

Die Wasserball-Geschwister Ira und Gesa Deike

Nudeln auf dem Kopf waren ein eindeutiges Zeichen. Gesa kochte. Nicht am Herd, sondern vor Ärger. Die drei großen Brüder hatten ihre Händeleien wieder einmal übertrieben. Gesas Missmut musste raus. Die Pasta flog durch das Zimmer. Kopftreffer. Böses Foul. Aber ein klarer Tatbestand vor dem elterlichen Schiedsgericht: Es war Notwehr. 

Wer mit älteren Geschwistern aufwächst, noch dazu als Mädchen unter Kerlen, entwickelt entweder rechtzeitig Ellbogen oder wird unsichtbar. Noch härter erwischte es Ira. Als jüngstes und bis heute kleinstes Familienmitglied reiht sie sich hinter Gesa ein. Bei ihr entlud sich daher bisweilen die Frustrationskette. 

Ruppig und reißfest

„Wer sich ergibt, bekommt kein Foul gepfiffen“, zitiert Gesa aus dem ungeschriebenen Gesetzbuch des Wasserballsports. „Man muss den Ball schon behaupten wollen“, sagt Ira. Es klingt wie ein Freibrief für zügellose Körperlichkeit im Spiel. „Vielleicht sind wir deshalb härter im Nehmen als andere Sportlerinnen. Wir können mehr einstecken“, vermuten die Schwestern. Wer einmal ein Wasserballspiel verfolgt hat, weiß diese Eigenschaften zu schätzen. Es geht schnell ruppig zu. Badeanzüge sollten reißfest sein. Was unter Wasser geschieht, entzieht sich leicht dem Blick der Schiedsrichter. Es hat also auch sein Gutes, wenn man sich in unzähligen Kinderzimmerkämpfen behaupten muss.

Keine Puppen

„Beim Training zu zweit ging es früher oft so weit, bis eine geheult hat“, erinnert sich die 21-jährige Ira. Bis zur D-Jugend trainierten die Schwestern in ihrer Heimatstadt Hannover mit der Jungenmannschaft. Vater Jörg gründete 2008 den Verein White Sharks Hannover und nahm seine Töchter auf. „Mit Puppen habe ich nie gespielt“, sagt Gesa, 24. Sie ist die bessere Schwimmerin. Ihre Paradestrecke waren die 200 Meter Brust. Gesa besuchte ein Teilzeitinternat, aber der Spaß am „Kacheln zählen“ ließ mit 16 Jahren nach. „Ich habe mich vor Wettkämpfen manchmal besonders langsam umgezogen, damit ich den Start verpasse“, gesteht die Studentin. „Im Wasserball konnte ich erfolgreicher sein.“ Die solide Schwimmausbildung kommt ihr heute zugute. Gesa ist die perfekte Konterspielerin: „Ich weiß, wie ich 500 Meter am Stück schnell schwimme.“ Das hebt sie von vielen Mannschaftskameradinnen beim SV Bayer Uerdingen und in der Nationalmannschaft ab. Auch von Ira.

Aber der 1,60 Meter großen kleinen Schwester entschlüpfte, trotz geringerer Schwimmkunst, so einfach kein Gegner. Gesa verdreht die Augen: „Ira ist wie eine Klette. Außerdem ist sie immer gut für die wichtigen Tore und Aktionen. Ira schießt nicht oft aufs Tor, aber wenn sie schießt, ist der Ball drin.“

Das neue Wasserballoutfit ist Thema beim Kaffee. Ira und Gesa (r.) in der Küche ihrer Kölner Wohnung.

Gegenwind auf dem EM-Kurs

Hohes Schwimmtempo ist die Grundlage für schnelles Umschaltspiel. Hier besteht Nachholbedarf im Nationalteam, hat der Deutsche Wasserballverband (DSV) festgestellt und legte den Damen einen Schwimmtest auf. Neun Wochen lang trainierten sie nichts anderes. Ohne Bestehen sollte das Team nicht zur Europameisterschaft 2020 nach Budapest fahren dürfen, gab der DSV vor. 

Ihr EM-Ticket löste die Mannschaft von Bundestrainer Arno Troost im Oktober. Im Qualifikationsrückspiel gegen Rumänien in Krefeld erkämpften Gesa, Ira und Co. haarscharf ein 14:11 nach Fünfmeterwerfen. 40 Sekunden vor Spielende liegt die deutsche Mannschaft mit einem Tor zurück und wäre ausgeschieden. Ira gelingt der Ballgewinn, der den Ausgleichstreffer einleitet und ihr Team ins Penaltyschießen rettet. Kapitänin Gesa verwandelte den entscheidenden, letzten Wurf. 

Mehr Zweifel als Glaube

Die EM schloss die Mannschaft auf Platz elf ab. Nach fünf Niederlagen in der Vorrunde gegen Italien (4:13), die Niederlande (3:23), Frankreich (5:17), Spanien (4:19) und Israel (3:10) gelang zum Abschluss ein 15:13 nach Fünf-Meter-Schießen gegen Serbien. Damit hatten sie die Teilnahme an einem Olympia-Qualifikationsturnier dennoch klar verpasst. 

Die Qualität im deutschen Kader reiche noch nicht, glauben Gesa und Ira: „Wir könnten viel besser sein.“ Wie, das wird ihnen quasi nebenan vor Augen geführt. Eine Zentralisierung wie in den Niederlanden würde Deutschland voranbringen. Dort sind die Spielerinnen fast die ganze Woche an einem Standort zusammen. Der Verband zahlt ihnen ein Grundgehalt. 

„Wir brauchen mehr Teameinheiten, um das Zusammenspiel zu verbessern, mehr Taktikschulungen, mehr individuell angepasstes Training“, wünschen sich Ira und Gesa. Einmal fiel eine Woche lang das Training aus, weil kein Geld für das Trainingslager zur Verfügung stand. Am Leistungsvermögen der deutschen Wasserballerinnen gibt es mehr Zweifel als Glaube. 

Harte Maßgaben erfüllt

Restlos überzeugt ist die Deutsche Sporthochschule Köln von ihrer Studentin Gesa. Die Uni hat ihr gerade eins der begehrten Deutschlandstipendien verliehen. Förderpartner ist die Sportstiftung NRW, die die Hälfte der monatlichen Unterstützung in Höhe von 300 Euro für zwei Semester übernimmt. Die Maßgaben an Stipendiaten sind anspruchsvoll. Gefordert werden sehr gute Leistungen im Studium und ein Bundeskaderstatus. Gesa arbeitet an ihrem Master in Bereich „Leistung, Training und Coaching im Spitzensport“. 

Ira studiert Medizin an der Universität zu Köln. Die Sportstiftung vermittelte ihr ein Pflegepraktikum und plant mit ihr die nächsten Schritte ihrer Zwillingskarriere. Ira setzt auf ein frühes Miteinander von Leistungssport und Berufseinstieg. „Ira war schon immer die Schlauste unter uns Geschwistern“, sagt Gesa. 

Fünfmal abends im Verein in Krefeld, zweimal morgens im Kraftraum des Olympiastützpunkts Rheinland wird jede Woche neben dem Studium gemeinsam trainiert. „Da geht mehr.“ Am Willen der beiden Schwestern sollen große Ziele nicht scheitern. Gesa und Ira haben große Brüder. Und Ellbogen. Das Fernziel Paris 2024 ist realistisch. Außerdem: Wer sich ergibt, nach dem pfeift kein Schwein. 

Update:

Deutschlands Wasserballerinnen haben die Europameisterschaft im Januar 2020 auf Platz elf abgeschlossen. Nach fünf Niederlagen in der Vorrunde gegen Italien (4:13), die Niederlande (3:23), Frankreich (5:17), Spanien (4:19) und Israel (3:10) gelang ihnen zum Abschluss ein 15:13 nach Fünf-Meter-Schießen gegen Serbien. Damit haben sie dennoch die Teilnahme an einem Olympia-Qualifikationsturnier verpasst.

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