Initiative mentaltalent.de

Initiative mentaltalent.de

Leistungssportler bewegen sich häufig im Grenzbereich der psychischen und körperlichen Belastbarkeit. Gleichzeitig sind ihre Spitzenleistungen ohne psychische und körperliche Gesundheit nicht realisierbar.

Das von der Sportstiftung NRW und dem Psychologischen Institut an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) 2007 initiierte Projekt mentaltalent.de hilft jugendlichen Spitzenathleten in Nordrhein-Westfalen, einen verantwortlichen Umgang mit sich selbst zu erlernen, um die komplexen und vielseitigen Anforderungen und Belastungen im Leistungssport besser zu bewältigen.

Die Sportstiftung NRW fördert mentaltalent.de bis Ende 2021. Am 7. Mai 2019 hat das Kuratorium 254.200 Euro für den Ausbau dieses deutschlandweit einzigartigen Projekts bewilligt.

Dadurch ermöglicht die Sportstiftung rund 90 jugendlichen Leistungssportlern insgesamt 540 Stunden sportpsychologische Einzelbetreuung. Die Anzahl der Gruppen-Workshops wird durch die fortgesetzte Förderung auf 200 verdoppelt. Landesweit sind 28 Sportpsychologen involviert.

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Im Gespräch klären Univ.-Prof. Dr. Jens Kleinert und Sportpsychologin Johanna Belz auf, was das Projekt auszeichnet. Prof. Kleinert leitet das Psychologische Institut an der DSHS und die Initiative mentaltalent. Dipl.-Psychologin Belz ist Geschäftsführerin der Initiative.

Herr Prof. Kleinert, Frau Belz, mentaltalent wird von der Sportstiftung NRW bis Ende 2020 mit einer viertel Million Euro getragen. Warum ist diese Fördersumme sinnvoll angelegt?

Prof. Dr. Jens Kleinert: In letzter Instanz ist mentale Stärke das entscheidende Quantum, wenn es um Erfolg oder Niederlage geht. Das wurde in verschiedenen Studien belegt. Das Projekt mentaltalent fördert die mentale Leistungsfähigkeit von jugendlichen Elitesportlern, aber auch ihre Persönlichkeitsentwicklung und körperliche und psychische Gesundheit. Unsere Initiative unterstützt die Sportler bei der Bewältigung ihrer Dualen Karriere / Zwillingskarriere.

Athleten leisten ja grundsätzlich gerne viel und dies meist aus eigenem Antrieb. Abgesehen von der sportlichen Leistung möchten wir vor allem auch erreichen, dass sie später gestärkt aus ihrer Leistungssportkarriere hervorgehen. Die Nachwuchsathleten sollen in ihrer gesamten persönlichen Entwicklung vom Sport profitieren – unabhängig vom Nutzen für ihren Verein oder Verband.

Wo steht NRW mit diesem Projekt im nationalen und internationalen Vergleich?

Kleinert: Ich arbeite seit 20 Jahren in der Sportpsychologie. In dieser Form ist mir seitdem kein vergleichbares Projekt begegnet, das die Nachwuchssportförderung auf regionale Ebene so koordiniert abdeckt. NRW ist dabei ganz vorne.

Vor welchen besonderen psychologischen Herausforderungen stehen Athleten am Beginn ihrer Laufbahn?

Johanna Belz: Als Jugendliche müssen sie die Anforderungen von Schule und Leistungssport gleichzeitig bewältigen. Ihre sportlich und ihre spätere berufliche Karriere hängen davon ab. Viele der Athleten sind bereits früh Zuhause ausgezogen und wohnen in einem der NRW-Sportinternate. Es kann passieren, dass sie ihre sozialen Bindungen, die Familie und Freunde vermissen. Auch längere Verletzungspausen, sportliche Misserfolge, Konflikte innerhalb einer Mannschaft oder einer Internatsgemeinschaft und mit dem Trainer können zu einer mentalen Belastung werden. Unsere Sportpsychologen nehmen dann die Rolle eines Entwicklungsbegleiters ein.

Kleinert: Fakt ist außerdem, wir verlieren Athleten häufig nicht, weil sie sportlich zu schlecht sind, sondern aus psychologischen oder psychosozialen Gründen. Aber auch nach einem sogenannten Drop-out werden die Sportler von uns weiter begleitet.

Welchen präventiven Ansatz verfolgt mentaltalent?

Belz: Wir schulen unter anderem den Umgang mit Stress und Leistungsdruck. Wir fördern die Fähigkeit der jungen Sportler sich zu erholen und klären zum Beispiel in Gruppenworkshops auf, wie eine gute Erholung überhaupt aussieht. Häufig nutzen wir dabei die Peer Teaching-Methode: Die Teilnehmer erarbeiten sich und erlernen dabei miteinander mentale Strategien und Techniken. Die Akzeptanz ist größer, wenn das Feedback aus der Gruppe kommt. Der Sportpsychologe moderiert den Prozess.

Zudem unterstützen wir die Sportler bei ihrer Emotionsregulation. Wir helfen ihnen dabei angemessene Ziele zu setzen, sich selbst zu motivieren oder ihre Selbstgespräche in eine konstruktive Richtung zu lenken. Gemeinsam erarbeitet Wettkampfroutinen können den Athleten helfen, mit ihrer Nervosität besser umzugehen. Auch unterstützen wir Mannschaften und Trainingsgruppen bei Gruppenprozessen, indem wir an der Kommunikation untereinander arbeiten oder Hilfestellung im Umgang mit Kritik geben.

Wann benötigt ein Athlet Unterstützung?

Kleinert: Die Befindlichkeit ist ein ganz entscheidender Parameter, aber auch das Verhalten, zum Beispiel der Schlafrhythmus. Die Trainer bekommen meist mit, wenn plötzlich unerklärliche Leistungseinbrüche oder ein Stimmungstief auftreten. Oft können sie diese Warnsymptome jedoch nicht deuten. Dabei hilft, dass sich junge Athleten mehr reflektieren als man annimmt. Sie sind es gewohnt in sich hineinzuschauen.

Von 100 Athleten haben schätzungsweise drei bis fünf Stimmungsprobleme, die professionelle Hilfe erfordern.

Unterstützung ist auch im Lebensalltag notwendig.

Kleinert: Ja, viele Leistungssportler müssen sich schon in jungen Jahren selbstständig um viele Dinge in ihrem Alltag kümmern. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie die alltäglichen Herausforderungen auch bewältigen können.

Welche Voraussetzungen müssen Sportpsychologen erfüllen, um an dem Projekt mitzuwirken?

Belz: Die Sportpsychologen und sportpsychologischen Experten, die zum Netzwerk von mentaltalent gehören, sind auf der Expertendatenbank für Sportpsychologie im Spitzensport des Bundesinstituts für Sportwissenschaft gelistet. Dies bedeutet, dass auf dem Gebiet der Psychologie und der Sportwissenschaft qualifiziert sind und erfahren in der Arbeit mit Leistungssportlern sind.

Zudem achten wir, wenn möglich, auf Expertise in der jeweiligen Sportart. Wenn ein Athlet beispielsweise unter Wettkampfangst leidet, ist das manchmal schwer für jemanden nachvollziehbar, der keine Ahnung von der Disziplin hat. Und natürlich berücksichtigen wir, dass die Betreuung ortsnah für die Sportler angeboten werden kann. Unsere Experten sind deshalb in ganz NRW verteilt. Die Nachfrage nach sportpsychologischer Betreuung ist allgemein stark gestiegen und wächst weiter. Unsere Sportpsychologen und sportpsychologischen Experten sind daher gut ausgelastet.

 

Kontakt: 0221 4982 8700
mentaltalent@­dshs-koeln.de

www.mentaltalent.de