Der erste Talentscout im Parasport

Lina Neumair betrat Neuland. Sie ist die erste hauptamtliche Talentscoutin für den Para Sport in Nordrhein-Westfalen. Seit April 2019 sichtet die Hattingerin talentierte Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Auch Quereinsteiger, zum Beispiel Menschen, die nach einem Unfall mit einem Handicap leben, versucht sie für den Sport zu begeistern. Lina berät Sportler, Familien, Schulen und Vereine.

„NRW hat im Behindertensport definitiv Potenzial“, sagt Lina. Ihr leistet einen wichtigen Beitrag für die Nachwuchsarbeit. Bundesweit gibt es keine vergleichbare Vollzeitstelle.

 

Der erste Talentscout im Parasport

Text: Sebastian Burg, Foto: Uwe Miserius

Das Pilotprojekt Talentscout wird zu 75 Prozent von der Sportstiftung NRW gefördert. Angestellt ist Lina Neumair beim Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW (BRSNW). Sie ist Sport- und Fitnesskauffrau und hat ein Duales Bachelorstudium in „Sportwissenschaft & angewandte Trainingswissenschaft“ abgeschlossen.

Lina, wie hast Du dich in Deiner neuen Rolle im Behindertensport zurechtgefunden? 

Lina Neumair: Mein Studium war nützlich, aber in der Praxis ist vieles anders als in der Theorie. Mir hilft vor allem, dass ich parallel zu Ausbildung und Studium sieben Jahre als Trainerin im Kinder- und Jugendsport gearbeitet habe und so täglich in der Halle stand. Ich konnte mit den Kleinsten, die erst sechs Monate alt waren, bis zu den älteren Jugendlichen meine Erfahrungen sammeln. Ich weiß, wie ich eine Trainingsstunde pädagogisch sinnvoll aufbaue und wie ich individuell fördern kann. 

Du hast keine Vorgänger, an dem Du dich orientieren kannst. 

Ich wusste, was auf mich zukommt, da ich zuvor ein sechsmonatiges Praktikum im Behindertensport gemacht hatte. Aber es gibt jetzt tatsächlich erstmal nur mich. Alles wird an mir gemessen. Also habe ich viele verschiedene Wege ausprobiert und geschaut, welche Früchte tragen. Zu meinem Dozenten, der mich bis zur Bachelorarbeit begleitete, pflege ich immer noch Kontakt. Er war Cheftrainer am Olympia- und Bundesstützpunkt Schwimmen in Dortmund. In seinem Promotionsstudium lag ein Schwerpunkt auf Talentsuche und Talentfindung. Ihn habe ich mir ein bisschen zum Vorbild genommen. 

Welche Ziele verfolgt ein Talentscout? 

Ich zeige den Menschen, wie vielfältig der Behindertensport ist. Ich möchte ihnen nahebringen, was sie durch Sport alles erreichen können und welche Fördermöglichkeiten es gibt. Wer sich zum Beispiel anfangs im Breitensport bewegt, dem kann ich helfen, in den Leistungssport zu finden. Ich suche immer den persönlichen Kontakt und nehme jeden an die Hand, der Unterstützung benötigt. 

Wie schwierig ist die Talentsuche im Behindertensport? 

Es gibt Hürden und wir haben nicht die Breite an Talenten wie im olympischen Sport. Ein Talent kann sich in einem Verein verbergen, der keinen Behindertensport anbietet. Das Kind ist dort vielleicht in einer Regelsportgruppe integriert. Davon etwas zu erfahren, ist schwierig, wenn der Verein es nicht bekannt macht. Ich würde mir wünschen, dass sich Vereine mit größerer Selbstverständlichkeit dem Thema Behindertensport widmen. Ausschau nach Talenten halte ich zum Beispiel bei Meisterschaften. Die Landestrainer unterstützen mich, doch es ist oft die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Aber ich bin hartnäckig. 

Mit Erfolg.

Ja, das erste Talent, das ich vermitteln konnte, war ein zehnjähriger Junge mit verkürzen Armen (Dysmelie). Er hat beim TV Wattenscheid eine neue sportliche Heimat gefunden und bereits erfolgreich an Wettkämpfen teilgenommen. Ich würde aber einem Kind, das Potenzial hat, jedoch nie empfehlen, eine Gruppe zu verlassen, in der es sich wohlfühlt. Es gibt immer einen parallelen Weg, der in Richtung Leistungssport führen kann.

Wie reagieren Eltern auf deine Arbeit? 

In den Gesprächen mit den Eltern sind Fingerspitzengefühl und Empathie gefragt. Sie trauen ihren Kindern oft zu wenig zu und sind übervorsichtig. Diese Denkweise versuche ich aufzubrechen.

Wie fällt dein Fazit nach dem ersten Jahr aus?

Der Anfang war mühselig und das Feedback verhalten. Es wurde jedoch immer besser, auch das mediale Interesse. Sehr gut ist die Resonanz auf meine Idee, Schnuppertage in verschiedenen Sportarten anzubieten. Solche Veranstaltungen gab es schon in der Para Leichtathletik, im Sitzvolleyball, Para Tischtennis, Para Schwimmen und Para Rudern. Beim ersten Schnuppertag am Fühlinger See in Köln, konnte jeder Teilnehmer im Boot rudern und beim Tischtennis in Düsseldorf bekamen alle die Chance gegen einen Para Spieler wie Sandra Mikolaschek zu spielen. Jeder konnte miterleben wie Spitzenathleten trainieren.

Was hast Du in Zukunft noch geplant?

Ich möchte mein Netzwerk noch enger stricken und noch mehr Partner gewinnen. Das Konzept der Schnuppertage wird ausgebaut – während Corona auch mit Online-Seminaren. Ich möchte Para Kanu und Para Badminton vermehrt einbinden. Bei unseren Schnuppertagen kann übrigens jeder gerne auch spontan mitmachen. 

Welche Rolle spielt die Sportstiftung NRW? 

Ich bin dankbar, dass die Sportstiftung das Potenzial im Para Sport erkannt hat. Ich bekomme die nötigen kreativen Freiräume und kann viele Ideen umsetzen. Das schätze ich auch an meinem Arbeitgeber dem Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW. Meine Arbeit als Talentscout macht mir großen Spaß. 

Deine Ansprechpartnerin
Lina Neumair
Lina Neumair

Talentscout Parasport beim BRSNW e.V.
neumair@brsnw.de
0160 9726 4102