Werkstudent
5825 Was macht eigentlich Yanna?

Taekwondo-Kämpferin Yanna,
Werkstudentin bei der Kreissparkasse Köln

Schwedische Architekten sind nicht dafür bekannt, dass sie zu niedrige oder instabile Gebäude bauen. Tatsache war jedoch, dass Yanna Schneider in ihrem Hotelzimmer die Decke auf den Kopf fiel. Es musste damit zusammenhängen, dass sie seit geraumer Zeit Löcher hineingestarrt hatte.

„Eigentlich war ich happy, wie positiv es nach meinem Handbruch schon wieder lief“, erzählt Yanna. „Ich war gerade deutsche Meisterin geworden und mit dem Bachelorstudium fertig.“ Das Turnier in Schweden im Februar 2020 war das erste im vermeintlichen Olympiajahr. Ihr standen entscheidende Monate in der Sportblase bevor. Aber ihre Gedanken zogen viel weitere Kreise.

Die Bonnerin trainiert fast täglich morgens und abends. Dafür pendelt sie zum Taekwondo-Leistungsstützpunkt nach Swisttal. Ohne das Studium zog sich der restliche Tag wie Kaugummi.

Ich wurde neidisch auf Leute, die arbeiten gehen und Termine haben“, erzählt Yanna. „Manchmal hätte es mir einfach gutgetan, mich mit anderen Dingen anstatt nur mit dem Training beschäftigen zu können.“

Nach der Rückkehr aus Schweden folgte Yanna dem Rat von Laufbahnberaterin Annika Reese am Olympiastützpunkt NRW/Rheinland und bewarb sich für den Masterstudiengang in Wirtschaftspsychologie. Die Zusage der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg traf zeitgleich mit dem ersten Lockdown im März ein. Yanna ahnte nicht, dass sie in diesem Jahr keinen einzigen Wettkampf mehr bestreiten sollte. Corona machte die Sportlerin zu einer normalen Vollzeitstudentin. Ihre Noten kletterten Richtung Einser-Schnitt. Doch im Sommer wurde die vorlesungsfreie Zeit auf die doppelte Dauer gestreckt. Viereinhalb Monate nur Training ohne ein konkretes Ziel – für Yanna eine erneute Herausforderung.

„Am Anfang war es mir unangenehm, wieder bei der Sportstiftung anzuklopfen“, druckst sie. „Das wirkt, als würde man es alleine nicht gebacken kriegen.“

Wieder der richtige Fingerzeig

Direkt nach dem Abitur hatte Yanna ihre Zwillingskarriere gestartet, erst ein Orientierungspraktikum beim TÜV Rheinland absolviert, später ein Praxissemester beim Beratungsunternehmen Advyce eingelegt. Beide Stellen hatte die Sportstiftung NRW vermittelt. Ihr Trainer und ein Anruf räumten Yannas schließlich Zurückhaltung aus.

Die Fortsetzung einer Zwillingskarriere ist jederzeit möglich. Yanna bewarb sich für die Semesterferien als Werkstudentin bei der Kreissparkasse Köln. Das Geldinstitut ist Teil der Community Wirtschaft & Leistungssport, einer Gemeinschaft aus Unternehmen, die Spitzenathlet*innen an eine berufliche Karriere heranführen. Yannas Bachelor in Wirtschaftspsychologie lieferte die Vorlage, um konzeptionell auf Augenhöhe mitzuarbeiten, zum Beispiel am Bewerbungsverfahren der Bank. Ihr Fazit: „Ich glaube, ich habe einen guten Job gemacht“. Yanna wird ihr Studium als Stipen­diatin zu Ende bringen können. Sie erhielt ein Deutschlandstipen­dium, das ihre Hochschule vergibt und die Sportstiftung NRW fördert.

„Durch die Kombination Sport mit Studium oder Arbeit bin ich insgesamt leistungsfähiger und fühle mich zufrieden“, sagt sie. Der Fingerzeig der Sportstiftung war auch im dritten Anlauf passend. „Ich konnte immer meine Wünsche anbringen. Mir wurde nie etwas aufgezwungen“, erklärt die Athletin. „Es hieß: Yanna, wenn du unzufrieden bist, dann suchen wir weiter. Es geht um Dich.“ Das Jahr sei am Ende perfekt verlaufen, findet Yanna. Japanische Architekten brauchen sich wohl keine Sorgen um löchrige Wände im Olympischen Dorf machen.

„Ich bin leistungsfähiger durch die Kombination Sport mit Studium oder Arbeit.“

Yanna Schneider, Deutsche Meisterin im Taekwondo

Categories: Story Schlagwörter: , , , , | Comments 5809 Was macht eigentlich Alessio?

Judoka Alessio,
Werkstudent im Architekturbüro HKR+ in Köln

Köln-Ehrenfeld im Kleinformat. Ein modern überdachter Marktplatz. Die Abstraktion eines Gebäudes. Alessio Murrone ist in einer neuen Welt angekommen. In einer, wo feine Skizzen, ausgeklügelte Modelle und explosiver Kampfsport sich verstehen. „Ich merke, dass ich meinen eigenen Weg gehe und immer weniger Zweifel habe“, sagt Alessio. Das Jahr 2020 habe seine Einstellung umgepolt.

Der 21-Jährige studiert seit November Architektur an der Technischen Hochschule Köln. „Als Ausgleich zum Judo habe ich schon immer viel gezeichnet“, sagt er. Viele Erstsemester überstehen die künstlerische Eignungsprüfung der TH nicht. Alessio fiel sie leicht. Wochenlang war er in seinen Projekten versunken, er zeichnete wie im Flow. „Ich habe einfach nicht mehr aufgehört und bin lediglich zwischendurch zum Training gefahren.“ Am Tag der offenen Tür an der TH wurden seine Entwürfe sogar zur Schau gestellt. Alessio führt diesen Achtungserfolg auf sein anderes Spezial­gebiet zurück: „Leistungssportler zeigen von vornherein mehr Biss, wo andere vielleicht eher chillen.“

Das Jahr habe ihn abgehärtet, meint Alessio. Sportlich raubte ihm der Lockdown die Wettkämpfe und zeitweise auch die Trainingsmöglichkeiten: „Es war ein Hin und Her, wann ich in die Halle durfte.“ Als Neuling im Männerbereich in der Gewichtsklasse bis 60 Kilogramm braucht er jede Gelegenheit, um sich den Bundestrainern zu zeigen. Brenzlig wurde es vor dem Studium. Alessio suchte monatelang vergebens nach einer Stelle für das Grundpraktikum, welches jeder Bewerber vorweisen muss. „Das hat mich mental sehr belastet“, räumt der Judoka ein. Ein kleines Puzzleteil fehlte.

Passendes Puzzleteil vor dem drohenden Karrierechaos

„Ich finde es einfach nur wichtig, was die Sportstiftung NRW in diesen Situationen für Athleten leistet“, bekräftigt Alessio. Während der Pandemie wurde die Förderung von Talenten wie ihm ohne Einschränkung aufrechterhalten. Zudem fand die Sportstiftung das passende Gegenstück im drohenden Karrierechaos.

Für Rolf Kursawe und das Architekturbüro HKR+ ist Alessios Zwillingskarriere ebenfalls ein Gewinn. „Alessio ist pfiffig und talentiert“, freut sich HRK-Partner Kursawe. „Nach zwei Wochen Praktikum haben wir ihm angeboten, als Werkstudent bei uns zu bleiben – so lange, wie er möchte.“

Alessio musste nicht lange überlegen. „Statt eines Arbeitgebers habe ich hier einen Mentor gefunden. Das ist sehr besonders,“ schwärmt Alessio. „Ich bekomme Freiräume für meinen Sport und für mein Studium. Die Chemie stimmt und ich glaube, mein Mentor hat auch Spaß daran, einen jungen Studenten mit zu formen.“

Die Olympischen Spiele 2024 und 2028 hat der Athlet fest im Blick. Judo steckt seine Ziele, im Studium blüht er auf, sein neuer Unterstützer trägt beide Leidenschaften. Für Alessio gibt es keinen besseren Weg als die Zwillingskarriere: „Ich werde durchmarschieren.“

„Leistungssportler haben mehr Biss.“

Alessio Murrone, Judoka und Architekturstudent

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