Wasserball
6465 Studium & Sport ist die crunch time

40 sind Durchschnitt, Selbstständige erreichen knapp 50, eine 60-Stunde-Woche ist außergewöhnlich. Für Badmintonspielerin Ann-Kathrin Spöri, Wasserballer Mark Gansen und Para-Reiterin Gianna Regenbrecht ist dieses Pensum mehr Regel als Ausnahme. Ihr Studium neben dem Leistungssport stellt sie vor eine besondere mentale, physische und finanzielle Herausforderung. WestLotto und die Sportstiftung NRW entlasten die Talente gemeinsam mit Hilfe eines Stipendienprogramms.

Unser Filmteam hat die Sportler*innen in ihrem Alltag begleitet und zeigt, wie an welchen Stellen ein Stipendium hilft.

In drei Jahren Schwarz-Rot-Gold und dann der weiße Kittel – Medizinstudentin Gianna von der WWU Münster will bei den Paralympics 2024 in Paris die deutschen Farben vertreten. Ihr zweites großes Ziel, Ärztin zu werden, soll aber nicht zurückstecken. Der 20-jährige Mark träumt von den Olympischen Spielen und auch die gleichaltrige Ann-Kathrin möchte künftig bei den großen Turnieren der Welt mitmischen. Auch sie studieren parallel zu ihrem umfangreichen Trainings- und Wettkampfbetrieb an der Universität Duisburg-Essen bzw. an der Hochschule Ruhr-West. In den Nachwuchsbundeskader haben es alle drei bereits geschafft. Die jetzige Studienzeit ist wegweisend – die „crunch time“ für ihre sportliche und berufliche Ausbildung.

„Der Studienbeginn ist mit mehreren Umbrüchen im Leben eines Leistungssportlers verbunden“, erklärt Dr. Ingo Wolf, Vorstandsvorsitzender der Sportstiftung NRW. Talenten steht der schwierige Sprung vom Junioren- zum Aktivenbereich oder vom Landes- in den Bundeskader bevor. „In vielen Sportarten erreichen die Athleten während der Studienzeit ihr höchstes Leistungsniveau. Parallel werden jedoch die Weichen für das spätere Berufsleben und die Zeit nach dem Leistungssport gestellt“, betont Wolf.

„Sie sind für die Wirtschaft extrem attraktiv.“

Andreas Kötter, Geschäftsführer WestLotto

Werte für die Waagschale

„Junge Menschen, die diese Schwierigkeiten überwinden und nicht aufstecken, sind für uns in der Wirtschaft extrem attraktiv“, sagt WestLotto-Geschäftsführer Andreas Kötter. „Ich finde es toll, was sie in die Waagschale werfen, mit welcher Disziplin, Leidenschaft und Zukunftsfreude sie ihre Ziele angehen. Hier reifen wertvolle Fähigkeiten für unsere Gesellschaft heran.“

Die Sportstiftung NRW und Jubiläumspartner WestLotto haben einen gemeinsamen Weg gewählt, um die drei Talente auf ihrem Weg zu unterstützen. Durch das Deutschlandstipendien-Programm können die Förderer Freiräume für den Sport und das Studium schaffen. „Wir leisten einen Beitrag, damit sich die Athlet*innen auf ihren Sport konzentrieren können,“ sagt Kötter.

„Leistungssport ist nicht nur zeitraubend, sondern wirft fast immer mehr Kosten auf als Einnahmen“, erläutert Wolf, der früher zwölf Jahre in der Hockey-Bundesliga aktiv war. Hinzu kommt: „Ein Nebenjob, um meinen Lebensunterhalt zu stemmen, ist zeitlich quasi unmöglich“, sagt Studentin Gianna.

„Es gibt jemanden, der an Dich glaubt.“

Ann-Kathrin Spöri, Stipendiatin

Wertschätzung und Zukunftssicherheit

Para-Athletin Gianna freut sich über „ordentlich Rückenwind“ durch ihr Stipendium und „die Sicherheit, meine duale Karriere weitermachen zu können. Zu wissen, dass ich mich auf diese Unterstützung verlassen kann, ist für mich ganz viel wert.“ Jugend-Nationalspieler Mark findet: „Das Stipendium motiviert und würdigt unseren Leistungswillen.“

„Es ist berührend zu wissen, dass es jemanden gibt, der an dich glaubt“, sagt Ann-Kathrin. „Man ist dadurch freier und flexibler. Für mich ist es sehr wichtig, mein Studium parallel zu machen, weil ich vom Badminton allein nicht leben kann und es immer ein gewisses Risiko durch Verletzung gibt.“

Monatlich 300 Euro plus Zugänge in den Beruf

Die Stipendiaten erhalten monatlich 300 Euro über zwei Semester. Jeweils zur Hälfte wird das Stipendium von Förderpartnern und dem Bund finanziert. BAföG kann zusätzlich bezogen werden. Vergeben werden die Stipendien von den Hochschulen.

Durch Förderpartner aus der Wirtschaft, wie WestLotto, öffnen sich den Stipendiaten zudem Zugänge in die Berufspraxis, die vor allem in der Pandemie zu kurz kamen. Das Spitzensport-Stipendium gibt eine Orientierungshilfe für die Zeit nach der Laufbahn. „Persönliche Kontakte sind das Einfallstor für nachfolgende Kooperationen, zum Bespiele bei Abschlussarbeiten, Praktika oder Werkstudentenstellen“, sagt Andreas Kötter.

Ingo Wolf: „Wir zeigen den Athleten, dass wir sie auf ihrem außergewöhnlich mutigen und anspruchsvollen Karriereweg begleiten und bestärken. WestLotto ist für uns seit 20 Jahren ein sehr zuverlässiger Partner.“

Im Förderzeitraum 2020/21 hat die Sportstiftung NRW rund 120 olympische und paralympische Spitzensportlerinnen und -sportler an 18 NRW-Hochschulen mit einem Deutschlandstipendium unterstützt. Mehr als Drittel der Stipendien fördert die Stiftung gemeinsam mit Unternehmenspartnern. Die neue Förderphase startet jährlich mit Beginn des Wintersemesters.

Steckbriefe:

Mark Gansen, 20 Jahre, ist Lehramtsstudent der Universität Duisburg-Essen und spielt in der Wasserball-Bundesliga für den ASC Duisburg. Seine größten Erfolge: Debüt in der Herren-Nationalmannschaft 2021, Jugend-EM- und Europaleague-Teilnahme.

Gianna Regenbrecht, 27 Jahre, absolviert ihr Medizinstudium an der WWU Münster und trainiert an der Westfälischen Reit- und Fahrschule Münster. Ihre größten Erfolge: 2019 Deutsche Vizemeisterin Dressur im Grade 2 und 2021 der 4. Platz auf dem Internationalen Para-Turnier in München.

Ann-Kathrin Spöri, 20 Jahre, studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Ruhr-Universität West und trainiert am Badminton-Bundesstützpunkt Mülheim an der Ruhr. Ihre größten Erfolge: Vize-Europameisterin 2020 im Team, 5. Platz bei den Olympischen Jugendspielen 2018.

Ansprechpartner Stipendienprogramm
Haider Hassen
Haider Hassen

Referent Athletenförderung
haider.hassan@sportstiftung-nrw.de
0221 4982 6028

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Categories: News Schlagwörter: , , , , , , , , | Comments 1262 Keine Puppen

„Beim Training ging es früher oft so weit, bis eine geheult hat.“

Die Wasserball-Geschwister Ira und Gesa Deike

Nudeln auf dem Kopf waren ein eindeutiges Zeichen. Gesa kochte. Nicht am Herd, sondern vor Ärger. Die drei großen Brüder hatten ihre Händeleien wieder einmal übertrieben. Gesas Missmut musste raus. Die Pasta flog durch das Zimmer. Kopftreffer. Böses Foul. Aber ein klarer Tatbestand vor dem elterlichen Schiedsgericht: Es war Notwehr. 

Wer mit älteren Geschwistern aufwächst, noch dazu als Mädchen unter Kerlen, entwickelt entweder rechtzeitig Ellbogen oder wird unsichtbar. Noch härter erwischte es Ira. Als jüngstes und bis heute kleinstes Familienmitglied reiht sie sich hinter Gesa ein. Bei ihr entlud sich daher bisweilen die Frustrationskette. 

Ruppig und reißfest

„Wer sich ergibt, bekommt kein Foul gepfiffen“, zitiert Gesa aus dem ungeschriebenen Gesetzbuch des Wasserballsports. „Man muss den Ball schon behaupten wollen“, sagt Ira. Es klingt wie ein Freibrief für zügellose Körperlichkeit im Spiel. „Vielleicht sind wir deshalb härter im Nehmen als andere Sportlerinnen. Wir können mehr einstecken“, vermuten die Schwestern. Wer einmal ein Wasserballspiel verfolgt hat, weiß diese Eigenschaften zu schätzen. Es geht schnell ruppig zu. Badeanzüge sollten reißfest sein. Was unter Wasser geschieht, entzieht sich leicht dem Blick der Schiedsrichter. Es hat also auch sein Gutes, wenn man sich in unzähligen Kinderzimmerkämpfen behaupten muss.

Keine Puppen

„Beim Training zu zweit ging es früher oft so weit, bis eine geheult hat“, erinnert sich die 21-jährige Ira. Bis zur D-Jugend trainierten die Schwestern in ihrer Heimatstadt Hannover mit der Jungenmannschaft. Vater Jörg gründete 2008 den Verein White Sharks Hannover und nahm seine Töchter auf. „Mit Puppen habe ich nie gespielt“, sagt Gesa, 24. Sie ist die bessere Schwimmerin. Ihre Paradestrecke waren die 200 Meter Brust. Gesa besuchte ein Teilzeitinternat, aber der Spaß am „Kacheln zählen“ ließ mit 16 Jahren nach. „Ich habe mich vor Wettkämpfen manchmal besonders langsam umgezogen, damit ich den Start verpasse“, gesteht die Studentin. „Im Wasserball konnte ich erfolgreicher sein.“ Die solide Schwimmausbildung kommt ihr heute zugute. Gesa ist die perfekte Konterspielerin: „Ich weiß, wie ich 500 Meter am Stück schnell schwimme.“ Das hebt sie von vielen Mannschaftskameradinnen beim SV Bayer Uerdingen und in der Nationalmannschaft ab. Auch von Ira.

Aber der 1,60 Meter großen kleinen Schwester entschlüpfte, trotz geringerer Schwimmkunst, so einfach kein Gegner. Gesa verdreht die Augen: „Ira ist wie eine Klette. Außerdem ist sie immer gut für die wichtigen Tore und Aktionen. Ira schießt nicht oft aufs Tor, aber wenn sie schießt, ist der Ball drin.“

Das neue Wasserballoutfit ist Thema beim Kaffee. Ira und Gesa (r.) in der Küche ihrer Kölner Wohnung.

Gegenwind auf dem EM-Kurs

Hohes Schwimmtempo ist die Grundlage für schnelles Umschaltspiel. Hier besteht Nachholbedarf im Nationalteam, hat der Deutsche Wasserballverband (DSV) festgestellt und legte den Damen einen Schwimmtest auf. Neun Wochen lang trainierten sie nichts anderes. Ohne Bestehen sollte das Team nicht zur Europameisterschaft 2020 nach Budapest fahren dürfen, gab der DSV vor. 

Ihr EM-Ticket löste die Mannschaft von Bundestrainer Arno Troost im Oktober. Im Qualifikationsrückspiel gegen Rumänien in Krefeld erkämpften Gesa, Ira und Co. haarscharf ein 14:11 nach Fünfmeterwerfen. 40 Sekunden vor Spielende liegt die deutsche Mannschaft mit einem Tor zurück und wäre ausgeschieden. Ira gelingt der Ballgewinn, der den Ausgleichstreffer einleitet und ihr Team ins Penaltyschießen rettet. Kapitänin Gesa verwandelte den entscheidenden, letzten Wurf. 

Mehr Zweifel als Glaube

Die EM schloss die Mannschaft auf Platz elf ab. Nach fünf Niederlagen in der Vorrunde gegen Italien (4:13), die Niederlande (3:23), Frankreich (5:17), Spanien (4:19) und Israel (3:10) gelang zum Abschluss ein 15:13 nach Fünf-Meter-Schießen gegen Serbien. Damit hatten sie die Teilnahme an einem Olympia-Qualifikationsturnier dennoch klar verpasst. 

Die Qualität im deutschen Kader reiche noch nicht, glauben Gesa und Ira: „Wir könnten viel besser sein.“ Wie, das wird ihnen quasi nebenan vor Augen geführt. Eine Zentralisierung wie in den Niederlanden würde Deutschland voranbringen. Dort sind die Spielerinnen fast die ganze Woche an einem Standort zusammen. Der Verband zahlt ihnen ein Grundgehalt. 

„Wir brauchen mehr Teameinheiten, um das Zusammenspiel zu verbessern, mehr Taktikschulungen, mehr individuell angepasstes Training“, wünschen sich Ira und Gesa. Einmal fiel eine Woche lang das Training aus, weil kein Geld für das Trainingslager zur Verfügung stand. Am Leistungsvermögen der deutschen Wasserballerinnen gibt es mehr Zweifel als Glaube. 

Harte Maßgaben erfüllt

Restlos überzeugt ist die Deutsche Sporthochschule Köln von ihrer Studentin Gesa. Die Uni hat ihr gerade eins der begehrten Deutschlandstipendien verliehen. Förderpartner ist die Sportstiftung NRW, die die Hälfte der monatlichen Unterstützung in Höhe von 300 Euro für zwei Semester übernimmt. Die Maßgaben an Stipendiaten sind anspruchsvoll. Gefordert werden sehr gute Leistungen im Studium und ein Bundeskaderstatus. Gesa arbeitet an ihrem Master in Bereich „Leistung, Training und Coaching im Spitzensport“. 

Ira studiert Medizin an der Universität zu Köln. Die Sportstiftung vermittelte ihr ein Pflegepraktikum und plant mit ihr die nächsten Schritte ihrer Zwillingskarriere. Ira setzt auf ein frühes Miteinander von Leistungssport und Berufseinstieg. „Ira war schon immer die Schlauste unter uns Geschwistern“, sagt Gesa. 

Fünfmal abends im Verein in Krefeld, zweimal morgens im Kraftraum des Olympiastützpunkts Rheinland wird jede Woche neben dem Studium gemeinsam trainiert. „Da geht mehr.“ Am Willen der beiden Schwestern sollen große Ziele nicht scheitern. Gesa und Ira haben große Brüder. Und Ellbogen. Das Fernziel Paris 2024 ist realistisch. Außerdem: Wer sich ergibt, nach dem pfeift kein Schwein. 

Update:

Deutschlands Wasserballerinnen haben die Europameisterschaft im Januar 2020 auf Platz elf abgeschlossen. Nach fünf Niederlagen in der Vorrunde gegen Italien (4:13), die Niederlande (3:23), Frankreich (5:17), Spanien (4:19) und Israel (3:10) gelang ihnen zum Abschluss ein 15:13 nach Fünf-Meter-Schießen gegen Serbien. Damit haben sie dennoch die Teilnahme an einem Olympia-Qualifikationsturnier verpasst.

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Ira und Gesa Deike, Wasserballerinnen, in ihrem Zimmer Categories: Story Schlagwörter: | Comments