Sitzvolleyball
4761 Die letzte Chance genutzt

(Aktualisierter Beitrag, 07.06.2021)
Die Ausgangslage war klar: Nur der Sieger des Finals darf zu den Paralympics nach Tokio. Deutschland hatte in der ersten Gruppenphase mit 0:3-Sätzen gegen Kasachstan verloren. Im Finale trafen bei Teams erneut aufeinander – mit dem besseren Ausgang dieses Mal für Deutschland. Endstand: 3:1 nach Sätzen (17:25, 25:13, 25:21, 25:23).

Bei den Paralympics trifft die deutsche Auswahl in ihrer Gruppe auf China, Brasilien sowie mit dem Iran auf die aktuell beste Mannschaft der Welt. Die Paralympics werden am 24. August eröffnet.

Vor dem Turnier in Duisburg hatten wir mit Vize-Kapitän Lukas Schiwy zum Interview gebeten:

Lukas, zuletzt gab es für euch „nur“ Bronze bei der EM. Welche Chancen rechnet ihr euch beim letzten Qualifikationsturnier für die Paralympics aus?

Lukas Schiwy: Wir rechnen uns große Chancen aus. Es wird natürlich kein einfaches Turnier – alle gegnerischen Teams sind hoch motiviert. Die Stimmung ist emotional aufgeladen. Allein dadurch kann auch gegen vermeintlich stärkere Teams schnell eine Patt-Situation entstehen. Daher nehmen wir jedes Spiel sehr ernst, denn wir wollen das Ticket unbedingt lösen.

Wer ist euer größter Konkurrent, nun da Europameister Russland nicht mitspielt?

Gegen Kasachstan wird es hart. Das Team konnte im gesamten vergangenen Jahr wie gewohnt trainieren. Wir mussten während des ersten Corona-Lockdowns eine Pause einlegen. Die kasachische Mannschaft haben wir bereits im Trainingslager in Kienbaum erlebt. Bei der WM 2018 hatten sie uns im Spiel um Platz 9 besiegt.

Ihr musstet monatelang auf diese letzte Chance warten. Wie seid ihr mit dem Druck umgegangen?

Es ist nicht einfach. Wir waren darauf vorbereitet, das Turnier im März letzten Jahres in den USA zu spielen und uns zu qualifizieren. Amerika wurde aber zum Horrortrip. Direkt nach unserer Anreise wurde das Turnier gesagt. Danach wurde es nochmal verschoben. Das war nicht leicht zu verdauen. Wir haben versucht, teamintern viel miteinander zu reden. Es wurden Fragerunden vor jedem Trainingslager eingebaut. Unser Tag beginnt immer damit, dass unser Trainer fragt, wie es uns geht, was uns auf dem Herzen liegt. Wir quatschen echt viel. Dieser Austausch ist superwichtig.

„Die Stimmung steigt immer mehr je näher das erste Spiel rückt.“

Lukas Schiwy, Angreifer in der deutschen Sitzvolleyball Nationalmannschaft

Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Gut und sie wurde noch einmal besser, als feststand, dass das Turnier jetzt nachgeholt wird. Die Stimmung steigt immer mehr je näher das erste Spiel rückt. Durch die Trainingslager sind wir alle wieder hochmotiviert, allerdings auch angespannt. Es ist ja nicht so, dass wir alles (Anmerk.: zweifache Verschiebung, Trainingsausfall) so einfach verarbeiten. Ich finde das aber auch wichtig, weil es zeigt, dass wir unser Ziel wirklich ernst nehmen und es bestmöglich machen wollen.

Wie bereitet ihr euch in dieser besonderen Situation vor?

Wir hatten eine Sportpsychologin in der Mannschaft, die uns toll beraten hat mit Tipps und Tricks. Ein wichtiges Element ist, wie gesagt, dass wir viel miteinander reden. Aber auch, dass jeder versucht zum Ruhepol zu werden. Gerade, wenn es im Spiel turbulent zugeht, muss man versuchen, sozusagen der Fels in der Brandung zu sein. Das muss man immer wieder trainieren. Das ist quasi unsere zweite Trainingsebene neben dem Ball- und Krafttraining.

„Unser Kader ist jetzt viel besser als vor einem Jahr.“

Konntet ihr den vielen Verschiebungen auch etwas Positives abgewinnen?

Ja, tatsächlich schon. Ein paar Spieler, die nach Rio 2016 ihre Karrieren beendet hatten, sind ins Team zurückgekehrt sind, als sie hörten, dass wir uns immer noch qualifizieren wollen. Diese Spieler sind jetzt wieder in vollem Umfang dabei und eine super Unterstützung für unser Team. Ich würde sogar sagen, dass unser Kader für das Turnier jetzt viel besser aufgestellt ist als vor einem Jahr.

Wie habt ihr euren Leistungsstand während der Lockdowns aufrechterhalten?

Das war sehr schwierig. Wir haben uns so gut es ging zu virtuellen Workouts verabredet, wodurch wir einigermaßen fit geblieben sind. Im Zuge der Lockerungen haben wir als Leistungssportler eine Sondergenehmigung für das Training in der Halle erhalten. Seit Herbst haben wir wieder unseren normalen Trainingsumfang und spielen viermal pro Woche. Die Nationalmannschaft darf auch in kompletter Aufstellung trainieren, also mit allen Ersatzspielern. Für das Training haben wir uns selber strenge Hygieneauflagen gegeben: Wir testen uns vor jeder Einheit mit einem Schnelltest und einmal pro Woche auch von Ärzten. Daher sind wir hoffentlich sicher unterwegs.

Lukas Schiwy

Welche Rolle hast Du in der Mannschaft?

Zwischen den erfahrenen, zurückgekehrten Spielern und den Jüngeren und Neueren sehe ich mich eigentlich gut in der Mitte aufgehoben. Ich war in Rio dabei, auch wenn ich damals noch nicht so viel gespielt habe. Jetzt bin ich festes Mitglied der Stammmannschaft und habe als Angreifer auch schon gut Erfahrungen sammeln können. Aktuell bin ich auch Vize-Kapitän – das ist schon ganz cool.

Wie geht es mit oder ohne das Tokio-Ticket weiter?

Durch die Verschiebung der Paralympics ist in diesem Jahr noch die Europameisterschaft. 2021 ist mit Terminen echt voll gepackt, sodass wir auch ein Highlight hätten, falls Tokio ohne uns stattfindet. Dann hätte eine Medaille bei der EM Priorität. Klar wollen wir immer bestmöglich spielen, aber wenn man bei den Paralympics war, flacht die Spannungskurve direkt danach schon ein bisschen ab.

Lukas Schiwy, 26 Jahre aus Köln, studiert BWL an der Uni zu Köln. In seinem Verein, dem TSV Bayer Leverkusen hat er bereits viele Sportarten ausprobiert: angefangen mit Schwimmen und Turnen, begeisterte ihn Para Sport Stützpunktleiter Jörg Frischmann schließlich für Sitzvolleyball. Sitzvolleyball ist ein der Para Kernsportarten in NRW und wird von der Sportstiftung NRW gefördert. Als Bundeskaderathlet wird Lukas auch individuell unterstützt: Er erhält unter anderem eine monatliche Förderung durch das Deutschlandstipendium.

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Lukas Schiwy, Sitzvolleyballer in der Deutschen Nationalmannschaft Categories: Story Schlagwörter: , , , , , , | Comments 4240 Tagsüber Rechtsmedizin, abends Sitzvolleyball

Den Wunsch, Rechtsmedizinerin zu werden, hatte Ronja Schmölders schon früh. Im ZDF lief „Der letzte Zeuge“ und nur der Gerichtsmediziner verstand die Sprache der Toten so gut, dass er sagen konnte, ob es ein Unfall oder Mord war. Ronja war fasziniert, ihr Traumberuf stand fest. Sie las vieles über die Arbeit eines Gerichtsmediziners. Da ein Berufspraktikum in der Schulzeit nicht möglich war, absolvierte sie dieses beim Bestatter, „um zu gucken, ob der Umgang mit Verstorbenen für mich in der Praxis überhaupt etwas ist.“

Als 13-Jährige wurde bei Ronja Knochenkrebs diagnostiziert. Seither lebt sie mit einer Umkehrplastik.

Nahezu parallel zum Berufswunsch entwickelte sich ihre Karriere im Sitzvolleyball. Mit 15 Jahren entdeckte sie die Sportart beim TSV Bayer 04 Leverkusen und wurde schnell auch zur Nationalmannschaft eingeladen. Als Kind hatte sie Fußball gespielt, kletterte und ging Reiten – nach der Operation ging das nicht mehr. Aber Sitzvolleyball war optimal, um sich auszupowern. Für die Paralympics-Teilnahme reichte es allerdings nicht. Mit zwei fünften Plätzen bei den Europameisterschaften 2009 und 2011 und Platz sechs bei der WM 2010 verpasste Ronja mit der deutschen Damenmannschaft knapp die Qualifikation. Ronja durfte die Atmosphäre dennoch vor Ort erleben: Mit dem Projekt „Excellence“ des Behinderten- und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen jubelte sie in London live mit, als die Sitzvolleyball-Herren Bronze holten. 2015 beschloss sie unter anderem aufgrund des Studiums, erst einmal mit dem Sitzvolleyball aufzuhören – ein neuer Lebensabschnitt begann.

Rio 2016 im Fernsehen

In ihrem Medizinstudium an der HHU in Düsseldorf absolvierte sie mehrere rechtsmedizinische Praktika. Dies bestärkte sie umso mehr in ihrem Berufswunsch. Aktuell schreibt sie ihre Doktorarbeit in der Rechtsmedizin. „Der menschliche Körper fasziniert mich . Nirgendwo sonst ist man so nah an der Anatomie“, sagt Ronja. „Man darf Verstorbene aber auch nicht nur wissenschaftlich betrachten. Hinter jedem Leichnam steckt eine Geschichte, stehen Angehörige, die jemand Nahestehendes verloren haben. Den gebührenden Respekt darf man nie verlieren.“ Als Rechtsmedizinerin arbeitet Ronja aber nicht nur mit Verstorbenen und untersucht Knochenfunde. Sie hat auch mit Menschen zu tun, die in die Gewaltopferambulanz des Krankenhauses kommen. Sie sichert dann Spuren von Gewalttaten, dokumentiert diese gerichtsfest mit Fotos und Skizzen und fertigt Gutachten an.

„Wir wollen langfristig eine Medaille bei einem großen Turnier.“

Professioneller und schwungvoll zurück

Während ihre berufliche Karriere durch das Studium immer weiter voranschritt, spielte der Volleyballsport kaum noch eine Rolle in ihrem Leben. Die Paralympics 2016 sah Schmölders im Fernsehen, als sie fürs Physikum lernte. Erst 2018, als ihre slowenische Freundin Lena Gabrscek sie bei einem Slowenien-Besuch mit zum Training nahm, kam Bewegung in die Sache. „Irgendwie hat mein Trainer Robert Grylak in Leverkusen mitbekommen, dass ich wieder gespielt habe und mich zum Essen eingeladen. Einfach zum Quatschen, wie er sagte – doch dann hat er den Kalender auf den Tisch gelegt.“ Ronja wollte wieder spielen, aber nur im Verein. Bis der neue Nationaltrainer Christoph Herzog sie vor dem Zühlsdorf-Cup einlud, der neu aufgestellten Damen-Nationalmannschaft zuzuschauen. Es hieß, „sie könne ja auch Sportsachen mitbringen“ . Fortan war Ronja wieder im Nationalteam dabei.

„Mir gefiel, dass alles professioneller war, das kannte ich so nicht“, sagt sie über den neuen Schwung in der Nationalmannschaft: „Wir wollen Spaß haben, aber auch etwas erreichen – langfristig die Paralympics oder eine Medaille bei einem großen Turnier.“ 2019 wäre es fast soweit gewesen, doch beim Qualifikations-Turnier in Kanada verpasste das Team die Paralympics in Tokio denkbar knapp.

Inzwischen ist Kapitänin Schmölders im Nationalteam eine feste Größe, die kaum wegzudenken ist, doch sie wiegelt ab: „Ich brauche schon Angreiferinnen, die meine Zuspiele verwerten können.“ Mit Sonja Scholten hat sie hier eine weitere Leverkusenerin als Angreiferin in der Nationalmannschaft dabei: „So können wir in Leverkusen Spielzüge üben und wissen blind, wo die andere ist. Das ist sehr hilfreich auf und neben dem Feld – auch weil man bei Reisen zu Trainingslagern in Brandenburg oder Sachsen nicht die einzige Doofe ist, die aus NRW anreisen muss“, sagt Ronja.

Ronja (vorne) wird von der Sportstiftung NRW als eine acht Athlet*innen von der Heinrich-Heine-Universität mit einem Deutschlandstipendium gefördert.

Paralympics-Teilnahme ist aktueller denn je

Für das Ticket für Paris 2024 sollen gute Ergebnisse bei der EM im Oktober in der Türkei und dann auch bei der WM 2022 in China her. „Wenn das nicht klappt, müssen die Paralympics halt auch mal in Deutschland stattfinden, dann wären wir als Gastgeberinnen gesetzt“, sagt sie schmunzelnd.

Seit November ist Ronja Schmölders anerkannte Ärztin und arbeitet inzwischen in der Düsseldorfer Rechtsmedizin, ein wahrer Glücksgriff, was den Standort angeht. „Jetzt fängt an, wofür ich sechs Jahre gearbeitet habe.“ Täglich pendelt sie zwischen dem Wohnort in Mülheim an der Ruhr, der Arbeitsstelle sowie dem Balltraining in Leverkusen. „Da bin ich der Sportstiftung NRW sehr dankbar, dass sie mich finanziell unterstützt“, sagt die Athletin, die mit einem Gerücht aufräumt: Als Gerichtsmedizinerin fährt sie zwar auch zu Tatorten – das passiere aber nicht jeden Sonntagabend um 20.15 Uhr. „Krimis gucke ich trotzdem gerne, da passiert dann aber durchaus mehr als in der Realität.“ Ganz abschalten kann sie dabei jedoch nicht. Ihr Bruder erinnere sie dann immer: Boah Ronja, das ist nur ein Film!“

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Sitzvolleyballerin Ronja Schmölder jubelt mit einer Mitspielerin Categories: Story Schlagwörter: , , , , , , | Comments