Berufsorientierung
5346 Was macht eigentlich …?

Ruderer Robin,
Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei KMPG in Köln

Der durchschnittliche Meister ist wie ein offenes Geheimnis. Es gibt ihn nicht. Es ist ein unvereinbarer Widerspruch. Ruderer Robin Goeritz – Europameister U23 – kann das bestätigen. Vom Mittelmaß hat er sich weit abgesetzt. Die Aussage steht, sogar, wenn Robin seine sportlichen Leistungen ausklammert.

„Als Leistungssportler kann man mehr bieten als Durchschnitt und sich von der Masse abheben“, sagt er. Dass dies stets mit viel Mühe verbunden sei, so ordnet er ein, klingt jedoch bodenständig, nicht abgehoben. Robin trainiert, studiert und arbeitet in Köln. Er ist darauf erpicht, dass alles einträchtig funktioniert.

Neben dem Jurastudium jobbt Robin seit zwei Jahren in einer Kanzlei. Er nutze die Bühne beim Captains Day der Sportstiftung, um die Aufmerksamkeit der Community Wirtschaft & Leistungssport auf sich zu ziehen. KPMG sagte einen Praktikumsplatz zu. Beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen fiel Robin als versierter Jurastudent auf, bot Überdurchschnittliches. Mit seinem Vierer-Team plus Steuermann gewann er im September 2020 die Junioren-EM, bei KPMG im Alleingang den Senior Manager.

Das Praktikum endete mit einem Jobangebot. Robin wird wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Kapitalmarktrecht. „Ich habe Glück mit meinem Team. KPMG nimmt Rücksicht auf meine sportliche Karriere“, erklärt er. „Diesen Erfolg habe ich auch der Sportstiftung NRW zu verdanken.“ Robin lobt auch das Mentorenprogramm der Deutschen Sporthilfe, mit dessen Hilfe er ebenfalls Praktika fand. Sportlich war 2020 sein bislang erfolgreichstes Jahr. Wenige Klausuren trennen ihn noch von der Vorbereitung auf das Staatsexamen an der Uni Köln.

Was er geschafft hat, können andere auch, glaubt Robin: „Vielen Athleten fehlt der Kontakt an der richtigen Stelle.“ Robin hat ihn bei seinen Förderpartnern gefunden.

„Sportler bieten mehr als Durchschnitt.“

Robin Goeritz, Ruderer und Jurastudent

Bobfahrer Christopher,
Werkstudent bei Baker Tilly in Dortmund

„Wir arbeiten Sie gut ein. Hoffentlich sind Sie dann im Winter weg.“ Christopher Koch hat den empathischsten Chef, den er sich vorstellen kann. Seit seinem Vorstellungsgespräch fahren sie dieselbe Linie, fachsimpeln über Kufen, Kurven und Kanäle. Christopher ist Bob-Anschieber im ersten Jahr. Sein Vorgesetzter, Martin
Weinand, war ebenfalls Anschieber. Heute ist der Geschäftsmann Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Baker Tilly. „Er kann total nachvollziehen, welchen Aufwand ich betreiben muss“, erzählt der Nachwuchsathlet. „Mit einem normalen Arbeitsverhältnis ist meine Saison nicht vereinbar.

Ich bin von Oktober bis Februar unterwegs. Trotzdem muss ich meinen Einkaufswagen und den Tank voll bekommen. Ohne die Unterstützung meines Arbeitgebers würde das nicht gehen“, erklärt der Student der Ruhr-Uni Bochum. Geschäftsführer Weinand und Werkstudent Christopher haben einen Deal. Während der Bobsaison arbeitet Christopher mobil bei reduzierter Stundenzahl. Wenn im Frühjahr die Hochphase für die Wirtschaftsprüfer beginnt und die der Bobfahrer endet, steigt er am Unternehmenssitz Dortmund in Vollzeit ein.

„Baker Tilly gibt mir einen großen Vertrauensvorschuss. Wichtig ist, dass ich mit meinen Kollegen genau abspreche, wann ich wie viele Aufgaben erledigen kann“, erläutert Christopher. Jede Zwillingskarriere zwischen Athlet*innen und Unternehmen basiert auf solchen individuellen Lösungen zum Vorteil beider. Christopher machte in der WG Bekanntschaft mit ihr. Ex-Mitbewohner Philipp plauderte vom Captains Day, wo seine Zwillingskarriere begann. Der Sprinter ist ähnlich häufig auf Reisen. „Philipp meinte: Ruf bei der Sportstiftung NRW an. Die kümmern sich auf jeden Fall.“

Inzwischen rät auch Christopher: „Dieses Angebot sollte man wahrnehmen.“ Die Sportstiftung prüfte sein Motivationsschreiben für Baker Tilly „sehr schnell“ und „mit gutem Auge“. Mit der Bewerbungshilfe im Rücken fühlte er sich sicher.

Mit seiner Premierensaison 2020/21 und beim neuen Arbeitgeber ist Christopher „mega“ zufrieden: „Ich war gut in Form, durfte WM-Luft schnuppern und hatte meinen ersten Einsatz mit dem Zweierbob im Europacup. Das spornt mich an, in Zukunft noch eine Schippe draufzulegen.“ Im Unternehmen lobt Christopher den starken Bezug zu seinen Studienfächern. „Ich rechne Bilanzen nach und recherchiere Gesetzestexte – praktische Erfahrung bringt mich weiter.“

Mindestens zwei Jahre, solange er noch bei den Junioren starten darf, möchte Christopher bei Baker Tilly bleiben. „Ich bin finanziell abgesichert und man gibt mir die Chance, mich sportlich zu zeigen.“

Categories: Story Schlagwörter: , , , , , , , | Comments 4845 Berufsorientierung mit Luisa

Seit Oktober 2019 läuft das Pilotprojekt „Potenzialanalyse zur Berufsorientierung“ in den Sportinternaten. Es ist ein Angebot für Nachwuchssportler*innen der Abschlussjahrgänge bis 2022. Es soll ihnen Perspektiven für ihre berufliche und sportliche Karriere aufzeigen. Das Projekt der Sportstiftung NRW ist Teil der Qualitätsoffensive in NRW-Sportinternaten.

Volleyballerspielerin Luisa van Clewe hat eine Potenzialanalyse mitgemacht und berichtet von ihren Erfahrungen.

Luisa ist 18 Jahre alt und lebt seit drei Jahren im Sportinternat Münster. Gerade hat sie ihre Abiturprüfungen am Pascal-Gymnasium abgelegt. Luisa gilt als eines der größten Volleyball-Talente in NRW. Als Mittelblockerin spielte sie mit einem Doppelspielrecht bisher für die Auswahl des VC Olympia Münster (3. Liga) und den Zweitligisten BSV Ostbevern. Im Sommer wechselt sie an den Bundesstützpunkt nach Berlin, wo sie den Sprung in die Bundesliga schaffen möchte: „Ich muss an ein paar technischen Feinheiten arbeiten und möchte in Berlin Spielerfahrung sammeln.“ Danach ist die Rückkehr nach NRW eingeplant. Parallel beginnt Luisa ein Psychologiestudium. Die Potenzialanalyse hat sie in ihren Entscheidungen bestärkt.

Luisa, welchen Plan hattest Du nach dem Schulabschluss, bevor Du an der Potenzialanalyse teilgenommen hast?

„Ich will immer das Beste erreichen und alles aus mir herausholen. Es kam für mich nicht in Frage, nach der Schule erstmal ein Jahr gar nichts zu machen. Ich möchte direkt studieren. Anfangs habe ich mich für mathematische Berufe interessiert. Architektur fand ich ganz gut, habe ein Praktikum beim Statiker gemacht, mich danach aber umentschieden. Durch den Deutsch-Leistungskurs rückte Psychologie in meinen Fokus. Ich habe dann meine Facharbeit über den Einfluss von mentaler Stärke im Beachvolleyball im Vergleich zum Hallen-Volleyball geschrieben. Mir war schon immer sehr wichtig, dass ich meine nächsten Schritte vorausplane. Ich bin nicht so spontan. Deswegen fand ich das Angebot einer Berufsberatung schon ziemlich hilfreich.“

„Das war fast ein bisschen gruselig und echt spannend.“

Luisa van Clewe war überrasscht von der Auswertung ihrer Potenzialanalyse.

Kick-Off, Online-Analyse, Beratungsgespräch

Bei einer Kick-Off-Veranstaltung im Sportinternat wird der Ablauf der Berufsberatung vorgestellt. Wer teilnehmen möchte, erhält einen Online-Zugang zur Potenzialanalyse. Diese besteht aus zwei Teilen und beschäftigt sich mit den Verhaltenspräferenzen und den Motiven der Teilnehmer*innen. Sie geben jeweils an, wie sie in verschiedenen Situationen handeln würden. „Es waren meist etwa fünf Aussagen, die man in eine Reihenfolge bringen sollte“, erzählt Luisa. „Von ‚Trifft am meisten auf mich zu‘ bis ‚Trifft am wenigsten zu‘. Dafür habe ich auch eine Weile gebraucht.“

Anhand der Antworten wird ein ausführliches Profil der Athlet*innen erstellt. Luisa ist ihre Auswertung zunächst mit ihren Eltern durchgegangen: „Ich war überrascht, wie sehr man sich darin wiedererkennt. Das war fast ein bisschen gruselig und echt spannend.“

In Beratungsgesprächen wird das Profil gemeinsam mit den Sportler*innen analysiert und anschließend in die Berufswelt gespiegelt. So können konkrete Berufsziele identifiziert werden. Die Berater geben dann Tipps bei der Wahl von Studienfach und Praktika.

„Athlet*innen sollen sich selbstständig auf dem Arbeitsmarkt orientieren können.“

Thorsten Rüßel, Berufsberater

„Unsere Beratung hat nicht das Ziel, dass wir den Teilnehmer*innen sagen, dieser Beruf passt zu dir und dieser passt nicht zu dir, sondern wir wollen bewusst eine Hilfestellung zur Selbsthilfe geben. Das heißt, die Athlet*innen dazu befähigen, dass sie sich selbstständig auf dem Arbeitsmarkt orientieren können,“ erklärt Berater Thorsten Rüßel, Geschäftsführer impegio GmbH.

Bei Luisa kam heraus, dass ihr Stärken im logischen und analytischen Bereich liegen und ihr Profil mit ihrem Berufswunsch Psychologie übereinstimmt. Ihr Berater empfahl ihr ein Praktikum. Das fand Luisa dann auch „richtig gut“. „Ich habe auch einen relativ stark ausgeprägten sozialen Teil. Das heißt, dass ich gerne mit Menschen arbeite. Es kann sein, dass diese Ausprägung in einem mathematischen Berufsfeld zu kurz gekommen wäre.“

Hat Dir die Potenzialanalyse Aufschluss über Deinen berufliche und sportliche Zukunft gegeben?

„Ja, auf jeden Fall. Das ging allen in unserem Abiturjahrgang so. Wir haben unseren Beratern ein echt gutes Feedback gegeben. Ich war mit eigentlich schon relativ sicher, dass ich neben dem Leistungssport studieren will. Auch wenn das stressig ist. Dadurch, dass ich jetzt eine konkrete berufliche Vorstellung habe, ist es einfacher, sie dem Sport entsprechend anzupassen, finde ich. Das war einfach gut, um Planungssicherheit zu haben. So kann man sich auch besser darauf konzentrieren, seine sportlichen Ziele zu verwirklichen, ohne diesen Druck im Hinterkopf. Wenn man seine Stärken und Schwächen kennt, ist das außerdem nicht nur im beruflichen, sondern auch im sportlichen Sinn nicht schlecht.“

Wann findest Du diese Beratung sinnvoll?

„Vor allem, wenn man schon eine Idee hat, finde ich es sehr gut. Man muss ja noch keinen konkreten Berufswunsch haben. Aber wenn man schon einige Sachen ausschließen kann, ist das auf jeden Fall hilfreich. Dann kann man seine Idee weiter eingrenzen oder weiß, wie man sie bestärkt. Wer noch gar keine Idee hat, dem kann die Potenzialanalyse natürlich auch helfen, Input zu bekommen.“

 

2021 nahmen rund 85% der Sportler*innen, die zum Kick-Off geladen waren, an den Beratungen teil – obwohl die Veranstaltung aufgrund von Corona lediglich per Mail-Kontakt stattfinden konnte Während der Pilotphase wird die Potenzialanalyse ausschließlich Bewohner*innen de NRW-Sportinternate angeboten.

Categories: Story Schlagwörter: , , , , | Comments