Zwillingskarriere

Was macht eigentlich Irmgard?

Para Sprinterin Irmgard hat sich über Jahre einen Vorsprung herausgearbeitet. Anderen Berufseinstieg ist sie voraus. In ihrer Zwillingskarriere ist „viel mehr herausgekommen als ich mir erhofft hatte“. Irmgard profitiert von flexiblen Arbeitszeitmodellen.

Text: Sebastian Burg, Foto: Mika Volkmann

Para Leichtathletin Irmgard,
Wirtschaftsprüfungsassistentin bei KPMG Düsseldorf

Null Komma eins. Bei der Para Leichtathletik-WM 2019 reichte Irmgard weniger als ein Wimpernschlag, nämlich eine Zehntel­sekunde Vorsprung, zu Gold über die 100 Meter. In ungleich gigantischeren Dimensionen denkt die Sportlerin, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt. „Seit drei Jahren arbeite ich an meinem Vorsprung“, erklärt sie. Niemand stoppt diese Zeit. Doch Irmgard weiß insgeheim, dass sie das Ziel bereits erreicht hat.

Mit dem Zeithaben ist das bei Irmgard so eine Sache. Die 30-Jährige hat eine halbe Stelle als Wirtschaftsprüfungsassistentin in der KPMG-Niederlassung Düsseldorf. Den restlichen Tag ist sie Athletin. Das erste Training ist um 8.30 Uhr. KPMG bietet flexible Arbeitszeitmodelle für Leistungssportler*innen.

„Ich hasse es, still zu sitzen“, lacht Irmgard. Ihr Motto: „Je weniger Zeit man hat, desto mehr schafft man. Wenn ich nur eine Stunde für das Training oder einen Auftrag habe, verliere ich keine Zeit mit Quatschen.“ Sie lebt ganz im Moment, im Jetzt. „Effektivität ist doch eigentlich eine sehr deutsche Eigenschaft“, wundert sich die gebürtige Südafrikanerin. „Meine Mutter hat fünf Kinder großgezogen und war Geschäftsführerin. Meiner ganzen Familie fällt es schwer, mal nichts zu tun.“

Als Irmgard 18 Jahre alt war, stürzte sie beim Training über eine Hürde. Dabei durchtrennten sich die Nerven des rechten Fußes. Weil eine Zertifizierung für den Behindertensport in Kapstadt scheiterte, fand sie 2014 auch dank ihrer deutschen Mutter den Weg ins Parasport-Zentrum des TSV Bayer 04 Leverkusen. In Rio lief sie für Deutschland dreimal zu Silber (100, 200 und 400 Meter), in Tokio 2021 kamen zwei weitere Zweite Plätze dazu.

Vorsprung durch Erfahrung

In der Disziplin Zwillingskarriere trat sie 2018 an. Mit Unterstützung der Sportstiftung NRW konnte sich Irmgard bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG vorstellen. „Durch die Beratung der Sportstiftung ist viel mehr herausgekommen, als ich mir erhofft hatte“, sagt sie. Von Teilzeitstellen und einer Sportkarriere neben dem Beruf hatte sie nie gehört. „Ich habe einen Traumjob und kann weiter laufen. Ich kann mich nicht genug dafür bedanken.“

Um den Abschluss als Wirtschaftsprüferin zu erlangen, sammelt Irmgard bei KPMG die erforderlich Praxiserfahrung. Ihr wurden Mandanten am Trainingsort Leverkusen und Umgebung zugeteilt. Sie prüft Konzern- und Jahresabschlüsse. „Man lernt mit Büchern, aber das Leben draußen ist anders, hat sie erkannt. Ich arbeite international und lerne sehr viele große Unternehmen kennen. Das ist enorm wertvoll.“ Die Erfahrung ist Irmgards Vorsprung vor anderen Berufseinsteigern.

Nach den Paralympics in Tokio möchte die Para Sprinterin ihre Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden aufstocken, in der direkten Vorbereitung auf Paris 2024 dann wieder reduzieren. Sie plant außerdem, zwei Jahre für KPMG in Südafrika zu arbeiten, um dort ihr Wirtschaftsprüfer-Examen abzulegen. Arbeitsjahre in Deutschland werden dafür nicht angerechnet. „KPMG kommt mir bei allen entgegen.“ Eins Komma null.

„Das Leben draußen ist anders als in Büchern.“

Irmgard Bensusan, Para Sprinterin