Eckhard Forst kam mit dem Fahrrad zu seiner ersten Vorstandssitzung. Beim anschließenden Sommerfest verriet er ins Mikrofon, dass er „Tour de France“-Fan sei, beim Einzelzeitfahren in Nizza bereits live an der Strecke gestanden habe und auch selbst keine Bergauffahrten scheue (mit einem Augenzwinkern: „auch wenn ich langsamer geworden bin“). Das Bild war gesetzt.
Dass das Sommerfest der Sportstiftung NRW und der internationale Olympic Day in diesem Jahr auf denselben Tag fielen, passte perfekt zum Motto des Aktionstags „Let’s move“. Moderatorin Anke Feller griff die Steilvorlage auf: „Bewegt hat sich zuletzt einiges bei der Sportstiftung NRW“ – und leitete damit das offizielle Meet & Greet des neu formierten Vorstands ein.

Seit dem 5. Mai im Amt, präsentierten sich Vorstandsvorsitzender Eckhard Forst sowie Markus Rehm und Sascha Hendrich-Bächer den rund 120 Gästen im Garten von Gut Gnadental in Neuss. Athletinnen und Athleten, Förderpartner, Vertreter von Verbänden, Olympiastützpunkten, Trainerinnen und Trainer sowie zahlreiche Sportfunktionäre lauschten aufmerksam, applaudierten und kamen bei hochsommerlichen Temperaturen miteinander ins Gespräch.
Unter den Gästen waren unter anderem der neue Vorstandsvorsitzende des TSV Bayer 04 Leverkusen, Jürgen Schrapp, sowie die neu in das Stiftungskuratorium berufene Tischtennis-Junioren-Bundestrainerin Lara Broich. Für einen besonderen sportlichen Akzent sorgte Para-Athlet Mio Wagner, der Anfang Juni überraschend zwei deutsche U19-Meistertitel im Regelsport gewonnen hatte.

Die neuen Vorstandsmitglieder nutzten die Gelegenheit, sich persönlich vorzustellen: Sascha Hendrich-Bächer, heute Leiter der Sportschule Hennef, war dem Sport zuvor viele Jahre ehrenamtlich verbunden – unter anderem als Fußball-Schiedsrichter und Schatzmeister. „Ich habe jetzt täglich vor Augen, was Spitzensportlerinnen und Spitzensportler leisten“, sagte der 45-Jährige.
Markus Rehm durfte sich angesprochen fühlen. Fünf Paralympics-Siege stehen in der Vita des Leverkusener Leichtathleten, der sich nach einer Verletzung des Syndesmosenbandes derzeit im Aufbautraining befindet. Die Verletzung habe er sich durch einen unglücklichen Sturz auf einer Eisplatte zugezogen, erklärte der 37-jährige Orthopädietechniker. „Ich fühle mich geehrt, jetzt im Vorstand der Sportstfitung NRW mitzuwirken.“ Sein Beruf sei mittlerweile zum Hobby geworden neben dem Leistungssport, scherzte er. Seine Mentorin und langjährige Trainerin Steffi Nerius haben ihm gezeigt, wie wichtig es ist, Verantwortung für die nächste Generation zu übernehmen. Beide sind nun Mitglied im Stiftungsvorstand.
Der vierte im Bunde, ARAG-Vorstand Christian Vogée, konnte aus privaten Gründen nicht beim Fest dabei sein.
Geschäftsführer Lucas Flümann rundete den offiziellen Teil ab und betonte in seinem Ausblick die zentrale Zielsetzung der Stiftung: „Unabhängig davon, ob Olympische und Paralympische Spiele im NRW stattfinden – wir möchten als Sportland NRW die beste Nachwuchsförderung in Deutschland anbieten und junge Athler*innen für das Abenteuer Leistungssport begeistern.“

Das traditionelle Grillbuffet sorgte für entspannte Atmosphäre. Beim Tauziehen, Leitergolf, Dosen- und Körbewerfen konnten jeder, der mochte, das Olympic-Day-Motto sportlich direkt umsetzen. Das Sommerfest fand bereits zum siebten Mal auf der Hofanlage Gut Gnadental der Unternehmerfamilie Zülow statt.
Sebastian Burg
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Schnelle Sonne
Wenn sich gehörlose Athletinnen blind verstehen, wird aus Harmonie Erfolg. Am vorletzten Wettkampftag der Deaflympics sprinten die deutschen Leichtathletinnen in den Staffeln zu Gold und Silber. Delia ist mittendrin. Auf dem Zuschauerrang kommen Mama die Tränen. Alle Eltern sind nach Tokio mitgereist. Auf dem Tartan liegen sich die Töchter in den Armen. „Mein schönster Moment“, sagt Delia. „Die 4×100-Meter-Staffel war das absolute Highlight.“
Es folgt eine Überraschung in der 4×400- Meter Staffel. Mit Silber hat das NRW-Quartett um Jelisa Gräf, Fiona Proba, Tessa Lange und Delia nicht gerechnet. Die fünfte Athletin in diesem Bunde, Sheila Schlechter aus Bünde, war knapp eine Stunde zuvor mit Delia in der siegreichen 4×100-Meter-Staffel gestartet, bevor es ins 4×400-Meter-Finale ging.
„Ich hatte großes Vertrauen in uns“, sagt Delia. „In der Staffel konnte ich abrufen, was ich kann.“ Die Tage zuvor glichen einer „emotionalen Achterbahnfahrt“. Im Vorlauf gelang die Stabübergabe zwischen Tessa und Delia gerade noch innerhalb der Wechselzone. Mit ihren beiden sechsten Plätzen in den Einzelstarts hadert sie zwar, doch vor dem Teamwettbewerb ist alles abgehakt.

Sommerspiele im November
Bei den Deaflympics starten mehr Leichtathleten als bei Weltmeisterschaften. Delia absolviert neun Rennen in nur einer Woche. Dabei beginnen ihre Tage früh und enden früh in winterlicher Dunkelheit. Denn der Transfer zum Teamhotel dauert gut eine Stunde und die Sonne geht in Tokio im November bereits am Nachmittag unter. Flutlicht gibt es im Wettkampfstadion nicht.
Die Wettbewerbe anderer Sportarten verfolgt sie über eine Leinwand, die das um sichtige Organisationsteam kurzerhand im Hotel aufgebaut hat. Der Gastgeber war auf die Ankunft gehörloser Athleten vorbereitet. „Wir mussten uns nie erklären“, schildert Delia. „Es war ein Wohlfühlsetting für Gehörlose. Die Menschen hatten Freude daran, uns zuzuschauen, und zollten uns echte Anerkennung. “
Tokio waren ihre dritten Deaflympics. Einen Tag vor der Eröffnungsfeier erfuhr die Kölnerin vom Deutschen Gehörlosen-Sportverband, dass sie gemeinsam mit Schwimmer Lars Kochmann als Fahnenträgerin einmarschieren würde. „Ich war nicht aufgeregt. Mit der Mannschaft im Rücken habe ich mich einfach gefreut“, erzählt die 26-jährige Studentin. „Mit den Deaflympics verbinde ich vor allem Gemeinschaft, nicht nur das sportliche Event.“
NRW in Tokio
Die Deaflympics gelten als das weltweit bedeutendste Sportereignis für gehörlose Athletinnen und Athleten. Bei der 25. Ausgabe in Tokio waren etwa 3.000 Wettkämpfer aus 79 Nationen am Start. Aus Nordrhein-Westfalen waren 13 Athletinnen und Athleten nominiert. Sie waren an 10 der insgesamt 24 Medaillen der 67-köpfigen deutschen Mannschaft (6x Gold, 8x Silber, 10x Bronze) beteiligt. Dies ist die beste deutsche Bilanz seit 20 Jahren. Die ersten Spiele für Menschen mit Hörbeeinträchtigung fanden 1924 statt.

Delia Gaeda
geb. 1999, aus Köln. Sie startet für den Düsseldorfer SV 04 und das LT DSHS Köln und studiert B.Sc. Sport & Leistung an der Deutschen Sporthochschule Köln.
Erfolge 2025:
1. Platz Deaflympics
mit der 4×100-m-Staffel und
2. Platz über 100 m und 200 m
6. Platz mit der 4×400-m-Staffel
Erfolge 2024:
3. Platz WM über 200 m sowie
2. Platz mit der 4×100-m-Staffel
Jule Schomburg
Categories: News Schlagwörter: deaflympics, Delia Gaede, Leichtathletik, Sportland NRW, Sprintstaffel
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Ready – Set – Go!
Das Frühstück überforderte Gianluca. Nicht das, was auf dem Teller lag, sondern vielmehr die Nachricht, die es als Beilage gab und die es nun binnen wenigen Stunden zu verdauen galt: die Aufstellung für das Staffelfinale am Mittag.
Überraschende Staffelbesetzung
Beim EYOF wurde eine Medley-Sprintstaffel ausgetragen, bei der vier Läufer unterschiedlich lange Distanzen absolvieren, nämlich 100, 200, 300 und 400 Meter. Gianluca sollte an zweiter Position seine Paradedisziplin laufen, die 200 Meter. Das bereitete ihm keine Bauchschmerzen, das war perfekt. Doch seine Teamkollegen hatten nicht annähernd seine Staffelerfahrung und andere Spezialstrecken.
Der DOSB hatte ein Dutzend männliche Nachwuchsleichtathleten nominiert. Die neuformierte Staffelriege setzte einen Hürdensprinter hinter Gianluca, ein 800-Meter- Spezialist wurde als Schlussläufer bestimmt. Das Warm-up vor dem Finale musste reichen, um die Abläufe zumindest grob abzustimmen. Seinen ersten internationalen Auftritt im Nationaltrikot hatte sich Gianluca etwas geordneter vorgestellt.
Erfolgserwartungen
Vielleicht aber machten ihn gerade die gedämpften Erfolgserwartungen locker. Der Leverkusener war mit überragender Form und deutscher Jahresbestleistung nach Skopje gereist. Das Aus im Halbfinale über 200 Meter zum Auftakt des Sportfestivals traf ihn daher hart. „Ich war sehr aufgeregt“, erzählt Gianluca. „Normalerweise mache ich mir nie Druck.“

Ziel des Multisportevents EYOF ist es, die besten europäischen Nachwuchstalente (rd. 4.000) an die olympische Bewegung und Anforderungen des internationalen Spitzensports heranzuführen. In Skopje hörte Gianluca zum ersten Mal ein englisches Startkommando. „Stadien von diesem Ausmaß kannte ich zuvor nicht“, sagt er. Viele neue Eindrücke prasselten auf ihn ein, dazu eine Woche lang Temperaturen um 40 Grad. Am Tag der Eröffnungsfeier feierte Gianluca seinen 17. Geburtstag. Beim Einlaufen der Nationen entdeckte er sich selbst auf den Monitoren. „Als uns das EYOF bei einem Bundeskaderlehrgang Ende 2024 vorgestellt wurde, hielt ich es für ein unerreichbares Ziel.“ Jetzt hängt ein gerahmtes „Germany“-Trikot über seinem Bett. Daneben die Bronzemedaille, die er überraschend mit den Staffeljungs – mittlerweile enge Freunde – mit 13 Hundertsteln Vorsprung auf Italien errang. „Viele jüngere Athleten in meinem Verein haben dasselbe Ziel. Für sie Vorbild zu sein, pusht mich krass.“
Gianluca Wessendorf
geb. 2008, aus Leverkusen. Er besucht das Landrat-Lucas Gymnasium in Leverkusen und startet für den TSV Bayer 04.
Erfolge 2025:
3. Platz EYOF mit der Medley Sprintstaffel sowie Halbfinalteilnahme über 200 m
1. Platz Deutsche U18-Meisterschaften über 200 m und über 4 x 100 m
1. Platz „Jugend trainiert für Olympia“
Jule Schomburg
Categories: News Schlagwörter: EYOF, Gianluca Wessendorf, Leichtathletik, Sportland NRW, Sprintstaffel
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Veränderte Förderung im Internat vorgestellt
Die Sportstiftung NRW hat in Paderborn Veränderungen ihrer Zuwendungen an NRW-Sportinternate vorgestellt. Thema war außerdem das neue Förderparadigma bei der Individualförderung.
Seit einem Jahr beheimatet das Sportinternat Paderborn den vielversprechenden U16 Basketball-Nationalspieler Tom Brüggemann, der fest bei den Zweitligaprofis der Paderborn Baskets mittrainiert. Der 16-jährige Gymnasiast sieht hier optimale Entwicklungschancen und setzt auf eine langfristige Perspektive, um seinen Traum von einer NBA-Karriere zu realisieren. „Ich suche nicht nach dem schnellen Erfolg“, betont der talentierte Pointguard.
Im Sommer hat sich der wurfstarke Teenager erfolgreich für die Internatsplatz-Förderung und für die neue Talent-Förderung bei der Sportstiftung NRW beworben. Über 500 Nachwuchssportlerinnen und -sportler haben die Chance genutzt, Teil des neu gestalteten Fördersystems zu werden. Erstmals berücksichtigte die Stiftung im Bewerbungsverfahren auch die Persönlichkeitseigenschaften der Athletinnen und Athleten, die sich eigeninitiativ bewerben konnten und dabei ein Motivationsschreiben und ein Bewerbungsvideo einreichten sowie einen Fragebogen zu sechs Kompetenzbereichen beantwortet haben.
„Ziel der Sportstiftung ist es, mündige Athletinnen und Athleten zu identifizieren, die durch Leistung und Leidenschaft andere Menschen begeistern und inspirieren“, sagt der Vorstandsvorsitzende Dr. Ingo Wolf. „Diese Vorbilder können nun in einer noch breiteren Palette an Sportarten in die Gesellschaft wirken. Das möchten wir nach besten Kräften unterstützen.“
Bewerbungverfahren wertschätzend gegenüber Athleten
Basketballer Tom Brüggemann kommentiert das Vorgehen positiv: „Ich möchte nicht nur als Sportler Vorbild sein, sondern auch als Mensch. Daran kann man auch ablesen, ob eine Karriere erfolgreich wird.“
Der 17 Jahre alte Darrion Richards, U23-Nationalspieler im Baseball, profitiert ebenfalls von der Förderung. Er schätzt die Möglichkeiten im Auswahlprozess: „Man sieht im Video zum Beispiel, welche Ausstrahlung ich mitbringe. Das ist wertschätzend gegenüber den Athleten und wichtig, um Kompetenzen zu erkennen. Ich kann mich als Persönlichkeit besser präsentieren. Zum ersten Mal konnten sich Talente aus World-Games-Sportarten wie Darrion um eine Förderung bei der Stiftung bewerben. Im Sportinternat Paderborn bilden World-Games-Athleten die Mehrheit der Geförderten.
Aktuell unterstützt die Sportstiftung NRW zwölf Internatsbewohner in Paderborn durch die Internatsplatz-Förderung mit insgesamt rund 84.000 Euro. Fünf Athleten erhalten, teils zusätzlich, eine monatliche Talent-Förderung von 250 Euro mit einem Gesamtvolumen von 15.000 Euro pro Jahr.
Zuwendungen an Sportinternate jetzt einheitlich –
Paderborn profitiert erheblich
Die Sportstiftung hat in diesem Jahr auch die Förderung der Sportinternate in Nordrhein-Westfalen neu aufgestellt. Zwölf ausgewählte Vollzeitinternate erhalten jährlich 70.000 Euro zur Finanzierung von Personalstellen – vorrangig der pädagogischen Internatsleitung. Für das Paderborner Internat bedeutet die geänderte Fördersystematik einen erheblichen Aufwuchs von ca. 55.000 Euro pro Jahr. Auch NRW-weit betrachtet, erhöht die Stiftung ihr Engagement im Bereich der Internate um rund 220.000 Euro/Jahr. „Die Vereinbarkeit von Leistungssport mit schulischer und beruflicher Ausbildung ist eine unserer Triebfedern. Deshalb stärken wir Sportinternate als Orte, wo ambitionierte Jugendliche diesen Weg beschreiten können, betont Dr. Wolf.“
Internatsleiter Matthias Hellmig: „Wir sind sehr froh, die Sportstiftung NRW an unserer Seite zu haben. Man darf nicht vergessen, dass unsere hochtalentierten Sportlerinnen und Sportler auf vieles verzichten, um ihren Traum, in ihrer Sportart zu den Besten zu gehören, Schritt für Schritt näher zu kommen. Daher ist es unheimlich wichtig, jeden Einzelnen individuell in familiären Strukturen in Form einer dualen Laufbahnplanung zu fördern, aber auch zu fordern. Dafür benötigen wir starke Partner wie die Sportstiftung NRW.
Bernhard Hoppe-Biermeyer MdL ,Sportausschussvorsitzender im NRW-Landtag und Kuratoriumsmitglied der Sportstiftung ist gebürtiger Paderborner: „Für eine Stadt dieser Größe ist Paderborn im Sport unglaublich erfolgreich, insbesondere in Randsportarten. Mit der Sportstiftung und dem Landessportbund sind wir im Sportland NRW sehr gut aufgestellt. Diese Stärke gilt es zu pflegen.“ Paderborn hat 156.000 Einwohner.
Momentan leben 43 Talente aus sieben Sportarten – darunter die Schwerpunktsportarten Baseball, Basketball, American Football und Fußball. Aber auch Volleyball, Squash und Schwimmen sind vertreten.
Mit ihrem Wechsel ans Sportinternat verbinden die Athleten Brüggemann und Richards viel Positives. „Durch das Hin und Her zwischen Schule, Training und zuhause kam ich früher zu wenig zum Lernen. Hier habe ich nun komplett andere, geregelte Abläufe und kann mich sportlich auf das nächste Karrierelevel vorbereiten“, sagt Darrion Richards. Er hofft, in die Major League Baseball gedraftet zu werden wie manch Paderborner Absolventen vor ihm. „Dafür arbeite ich täglich hart an mir. Ich habe in meiner Karriere gelernt, die Dinge direkt zu erledigen.“
Am Pressetermin im Sportinternat Padeborn nahmen außerdem Dietrich Honervogt (Stv. Bürgermeister) sowie die Geschäftsführer Forum Paderborner Spitzensport gGmbH Uwe Diedam und Martin Hornberger teil.
Sebastian Burg
Categories: News Schlagwörter: Athletenförderung, Dr. Ingo Wolf, Internatsplatzförderung, Max Hartung, Sportinternat, Talent-Förderung
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Gutachter: „Authentisch sein ist wichtig“
Carolin Nischwitz und Bruno Klein als Gutachter berufen – Vorstand der Sportstiftung hat den Ausschuss erweitert.
Im Rahmen der Agenda 2030 hat die Sportstiftung NRW das Auswahlverfahren für die Individualförderung grundlegend überarbeitet. Dazu gehört auch eine Erweiterung und veränderte Arbeitsweise des Gutachterausschusses. Der Vorstand hat deshalb zum 01.01.2023 zwei neue Gutachter berufen: die ehemalige
Wasserball-Nationalspielerin und Wirtschaftspsychologin Carolin Nischwitz und den Sportökonomen Bruno Klein. Sie prüfen und bewerten in den kommenden zwei Jahren die Bewerbungen für die Talent-Förderung und die Internatsplatz-Förderung. Der Guachterausschuss setzt sich aus fünf Mitlgiedern zusammen.
Direkt zum Gutachterausschuss
Frau Nischwitz, Herr Klein, worauf achten Sie bei einer Bewerbung grundsätzlich?
Carolin Nischwitz: Jede Bewerbung ist nur eine Momentaufnahme. Mich interessiert vor allem, welche Erfahrungen jemand bereits gesammelt hat. Wie ist sie oder er zum Beispiel mit einer schwierigen Situation umgegangen? Welche Erkenntnisse sind gereift, die man in der Zukunft anwenden kann?
Bruno Klein: Authentizität ist mir wichtig. Ich möchte herausfinden, ob jemand etwas vorspielt, ob er sich lediglich gut verkaufen kann oder klare innere Werte vertritt und sich dazu positioniert. Jemand mit Ecken und Kanten, der vielleicht nicht optimal ins Anforderungsprofil passt, aber ein klares Bild von sich abgibt, ist mir lieber. Es ist dann wichtig, solchen Menschen Möglichkeiten zu eröffnen, sich zu entwickeln.
Worauf legen Sie als Gutachter der Sportstiftung NRW insbesondere wert?
Klein: Das 6-Kompetenzen-Modell beschreibt gut, worauf es ankommt. Die sportliche, idealerweise kontinuierliche, Leistungsfähigkeit können wir nicht ausklammern. Ist der Körper zum Beispiel verletzungsanfällig, ist das ein hartes Kriterium, das wir im Leistungssport jedoch nicht außer Acht lassen können. In dem Bewerbungsvideo möchte ich Begeisterung sehen für das, was man macht.
Nischwitz: Liebt die Athletin ihren Sport? Vertritt sie gerne ihren Verein? Die intrinsische Motivation, wofür und weshalb man sich um Förderung bewirbt, soll erkennbar sein.
Klein: Der Fragenbogen hilft, die persönlichen Neigungen und Werte der Bewerber sichtbar zu machen.
Nischwitz: Man muss dabei relativieren. Die Sportstiftung NRW ist ein Nachwuchsförderer. Die Athletinnen und Athleten stehen am Anfang ihrer Karriere. Mit 16, 17 Jahren hat man sich vielleicht gerade erst selbst gefunden. Junge Sportler haben weniger Erfahrung darin, auszudrücken, wer sie sind. Trotzdem ist es wichtig, dass sie es versuchen. Auch introvertierte Menschen können zeigen, dass sie begeisterungsfähig sind und hinter dem stehen, was sie machen – auf ihre Art und Weise.
die sich für ihren
Sport engagieren.“
Was vermittelt das neue Auswahlverfahren den Athlet*innen Ihrer Meinung nach?
Nischwitz: Es betrachtet den Sportler auch als Menschen. Es kann Vorbilder für jüngere, angehende Athletinnen und Athleten hervorbringen. Durch die sozialen Medien gibt es ein riesiges Potenzial gesehen zu werden. Ich fand es mutig, wie die Turnerin Simone Biles während der Olympischen Spiele mit ihrer Depression umgegangen ist und wie sie die sozialen Medien als Sprachrohr genutzt hat. Das hatte Vorbildcharakter zu sagen: Das hier ist das größte Sportevent der Welt, aber ich gehe jetzt, weil ich mich nicht gut fühle. Das macht anderen Sportlerinnen und Sportlern Mut, zu ihren Problemen zu stehen, sie zu äußern und sich so Unterstützung zu holen – das betrifft mentale Probleme, psychische Gewalt, Belästigungen oder das Outing zu seiner Homosexualität. Dahin sollten wir Schritt für Schritt kommen.
Klein: Wir suchen nicht nur diejenigen, die Topleistungen bringen, sondern auch die, die sich für den Sport engagieren. Die mithelfen, dem Sport einen hohen Status in der Gesellschaft zu verleihen. Das TV-Format „Ninja Warrior“ ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel, wie Persönlichkeiten ihren Sport interessanter machen und dafür sorgen, dass der Sport vorangetrieben wird. Dafür müssen wir mehr tun. Es braucht Strahlkraft, dass in NRW Talente gefördert werden, die Vorbildcharakter haben und ihren Sport weiterentwickeln. Ich finde das Auswahlverfahren definitiv einen guten Ansatz und sehe einen Teil unserer Aufgabe darin, es weiterzuentwickeln.
Nischwitz: Als ehemalige Leistungssportlerin ist es mir wichtig zu zeigen, dass Schule, Ausbildung oder Studium mit dem Sport vereinbar sind. Es gibt immer diejenigen, denen es gelingt. Wenn wir diese Athletinnen und Athleten sichtbar machen, zeigen wir anderen, wie sie es schaffen und welche Hilfen sie dabei – zum Beispiel von der Sportstiftung – bekommen können. Das finde ich gut.
Carolin Nischwitz
( Jg. 1986, aus Essen) ist Wirtschaftspsychologin (M.Sc) und zertifizierte Onlinecoach mit dem Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung. Mit dem SV Blau-Weiß Bochum wurde sie zwischen 2003 und 2011 neunmal Deutsche Meisterin im Wasserball und nahm an Europa- und Weltmeisterschaften teil. Parallel schloss sie eine Ausbildung zur Medienkauffrau (IHK) ab. Seit 2014 leitet Nischwitz Wettkämpfe als Schiedsrichterin und stieg 2020 zum nationalen Top-20-Referee auf.
Bruno Klein
( Jg. 1962, aus Niederkassel) hat 30 Jahre im Bereich Personal-, Führungskräfte und Organisationsentwicklung gearbeitet und war in leitender Position u. a. beim 1. FC Köln, Stabilus, Carl Zeiss und der Unternehmensberatung LWP tätig. Klein ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter eines Unternehmens, das u. a. Leadership-Excellence-Programme umsetzt sowie Firmenevents und Reisen organisiert. Der Diplom-Sportlehrer (DSHS Köln) war ehrenamtlich Lehrwart beim westdeutschen Skiverband sowie als Trainer im Volleyball aktiv.
Sebastian Burg
Categories: News Schlagwörter: Gutachter
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