Mentaltalent – Innere Stärke erlenen

Leistungssportler bewegen sich im Grenzbereich der psychischen und körperlichen Belastbarkeit. Gleichzeitig sind ihre Spitzenleistungen ohne psychische und körperliche Gesundheit nicht realisierbar. Das Projekt Mentaltalent schafft im Nachwuchsbereich die Voraussetzungen dafür.

Mentaltalent ist eine deutschlandweit einzigartige Initiative. Sie hilft jugendlichen Athlet*innen dabei einen verantwortlichen Umgang mit sich selbst zu erlernen, um die komplexen und vielseitigen Anforderungen und Belastungen im Leistungssport besser zu bewältigen.

Mentaltalent - Innere Stärke erlenen
Deutschlandweit einzigartig. Mentaltalent in Zahlen:
254.200

€ Förderung investiert die Sportstiftung NRW bis Ende 2021

 

4.000

Nachwuchsathlet*innen in Sportinternaten profitierten seit 2007

Die bis Ende 2021 verlängerte Förderung durch die Sportstiftung ermöglicht insgesamt 540 Stunden sportpsychologische Einzelbetreuung für rund 90 Athlet*innen. Die Anzahl der Gruppen-Workshops kann auf 200 verdoppelt werden. Landesweit sind 28 Sportpsychologen involviert. 

Univ.-Prof. Dr. Jens Kleinert leitet das Psychologische Institut an der DSHS und die Initiative mentaltalent. Die Sportpsychologin Johanna Belz ist Geschäftsführerin. 

Warum ist eine Viertelmillion Euro Fördergeld für mentaltalent sinnvoll angelegt?

Prof. Dr. Jens Kleinert: In letzter Instanz ist mentale Stärke das entscheidende Quantum, wenn es um Erfolg oder Niederlage geht. Das wurde in verschiedenen Studien belegt. Im Projekt mentaltalent fördern wir sowohl die mentale Leistungsfähigkeit von jugendlichen Elitesportlern als auch ihre Persönlichkeitsentwicklung sowie ihre körperliche und psychische Gesundheit. Dadurch unterstützt mentaltalent die Sportler bei der Bewältigung ihrer Karriere in Sport und Beruf.

Athleten leisten ja grundsätzlich gerne viel und dies meist aus eigenem Antrieb. Abgesehen von der sportlichen Leistung möchten wir vor allem auch erreichen, dass sie später gestärkt aus ihrer Leistungssportkarriere hervorgehen. Die Nachwuchsathleten sollen in ihrer gesamten persönlichen Entwicklung vom Sport profitieren – unabhängig vom Nutzen für ihren Verein oder Verband. 

Wo steht dieses NRW-Projekt im nationalen und internationalen Vergleich? 

Kleinert: Ich arbeite seit 20 Jahren in der Sportpsychologie. In dieser Form ist mir seitdem kein vergleichbares Projekt begegnet, das die Nachwuchssportförderung auf regionale Ebene so koordiniert abdeckt. NRW ist dabei ganz vorne. 

Vor welchen psychologischen Herausforderungen stehen Athlet*innen am Beginn ihrer Laufbahn? 

Johanna Belz: Sie müssen die Anforderungen von Schule und Leistungssport gleichzeitig erfüllen. Ihre sportliche und ihre spätere berufliche Karriere hängen davon ab. Viele der Jugendlichen sind bereits früh Zuhause ausgezogen und wohnen in einem der NRW-Sportinternate. Es kann passieren, dass sie ihre sozialen Bindungen, die Familie und Freunde vermissen. Auch längere Verletzungspausen, sportliche Misserfolge, Konflikte innerhalb einer Mannschaft oder einer Internatsgemeinschaft und mit dem Trainer können zu einer mentalen Belastung werden. Unsere Sportpsychologen nehmen dann die Rolle eines Entwicklungsbegleiters ein.

Kleinert: Fakt ist außerdem, wir verlieren Athleten häufig nicht, weil sie sportlich zu schlecht sind, sondern aus psychologischen oder psychosozialen Gründen. Aber auch nach einem sogenannten Drop-out – dem Ausscheiden aus dem Leistungssport – werden die Sportler von uns weiter begleitet. 

Belz: Die Nachfrage nach sportpsychologischer Betreuung ist allgemein stark gestiegen und wächst weiter. Wir sind gut ausgelastet. 

Welchen präventiven Ansatz verfolgt mentaltalent? 

Belz: Wir schulen unter anderem den Umgang mit Stress und Leistungsdruck. Wir fördern die Fähigkeit der jungen Sportler sich zu erholen. In Gruppenworkshops klären wir zum Beispiel auf, wie eine gute Erholung überhaupt aussieht. Häufig mit Hilfe der Peer Teaching-Methode: Dabei erarbeiten die Teilnehmer miteinander mentale Strategien und Techniken. Die Akzeptanz ist größer, wenn das Feedback aus der Gruppe kommt. Der Sportpsychologe moderiert den Prozess lediglich. 

Zudem unterstützen wir die Sportler bei ihrer Emotionsregulation. Wir helfen ihnen, angemessene Ziele zu setzen, sich selbst zu motivieren oder ihre Selbstgespräche in eine konstruktive Richtung zu lenken. Gemeinsam erarbeitete Wettkampfroutinen können helfen, mit Nervosität umzugehen. Auch Mannschaften und Trainingsgruppen unterstützen wir bei Gruppenprozessen, indem wir an der Kommunikation untereinander arbeiten oder Hilfestellung im Umgang mit Kritik geben. 

Wann benötigen Athlet*innen Unterstützung? 

Kleinert: Athleten reflektieren mehr als man annimmt. Sie sind es gewohnt in sich hineinzuschauen. Die Befindlichkeit ist ein ganz entscheidender Parameter, aber auch das Verhalten, zum Beispiel der Schlafrhythmus. Die Trainer bekommen plötzliche unerklärliche Leistungseinbrüche oder ein Stimmungstief meist mit, können diese Warnsymptome jedoch oft nicht deuten. 

„Von 100 Athleten haben schätzungsweise 3 bis 5 Stimmungsprobleme, die professionelle Hilfe erfordern.“

Welche Voraussetzungen müssen Sportpsycholog*innen erfüllen, um an dem Projekt mitwirken zu können? 

Belz: Die Sportpsychologen und sportpsychologischen Experten, die zu unserem Netzwerk gehören, sind auf der Expertendatenbank für Sportpsychologie im Spitzensport des Bundesinstituts für Sportwissenschaft gelistet. Das bedeutet auch, dass sie erfahren in der Arbeit mit Leistungssportlern sind. Wir achten zudem, auf Expertise in der jeweiligen Sportart. Wenn ein Athlet unter Wettkampfangst leidet, ist es manchmal schwer für jemanden nachvollziehbar, der keine Ahnung von der Disziplin hat. Und natürlich berücksichtigen wir, dass die Betreuung ortsnah für die Sportler angeboten werden kann. Unsere Experten sind deshalb in ganz NRW verteilt. 

www.mentaltalent.de

Deine Ansprechpartnerin
Johanna Belz
Johanna Belz

Sportpsychologin am Psychologischen Institut an der Deutschen Sporthochschule Köln
mentaltalent@dshs-koeln.de
0221-4982 8700