Die aktuelle Story

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Tokio wird die letzte große Mission

Ihre Turnerinnen gewannen 35 Medaillen bei internationalen Wettkämpfen. Wenn Bundestrainerin Ulla Koch nach den Olympischen Spielen 2021 aufhört, hinterlässt sie die Arbeit von eineinhalb Jahrzehnten – mit Plan und Konzept, mit Herz und eigener Handschrift.

Ulla Koch, Trainerin des deutschen Frauen-Nationalteams.

IOC-Präsident Thomas Bach zeichnete Koch im Jahr 2020 für ihr Lebenswerk als Trainerin aus.

"Alle Toptrainer, die ich kenne, sind auch Topmanager."

Die jungen Frauen schuften für weniger als den Mindestlohn. Sie sind die Elite der Nation. Um dazuzugehören, verausgaben sie sich über Jahre hinweg. Ihre anmutigen, kraftvollen Darbietungen sind Kunst. Perfektion ist ihr Maßstab, jeder Fehler ist vor dem Kampfgericht unverzeihlich. Ulla Koch ist die Chefin dieser handverlesenen Arbeitsgruppe. Ihr Job ist es, aus Individualistinnen jenes beste Team zu formen, das maximale Leistung bringt. Für Deutschland. Ihre Aufgabe: Mach fünf aus 20 Millionen.

Die Auswahl nennt sich ‚Team‘, aber im entscheidenden Moment ist jedes Mitglied auf sich gestellt ist. Der Druck ist immens, besonders für die Unerfahrenen, die Teenager. Der Preis, den diese Frauen bereit sind zu zahlen, ist hoch. Andere hingegen verdienen mit Turnen Millionen. Wie bizarr.

„Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch“, sagt Ulla Koch. In absehbarer Zeit wird sie der disharmonisch wirkenden Welt des Leistungsturnens den Rücken kehren. 16 Jahre wird die Lehrerin aus Bergisch Gladbach dann Bundestrainerin der Damenriege gewesen sein. Während ihrer Amtszeit haben deutsche Turnerinnen 35 Medaillen bei internationalen Wettkämpfen gewonnen, darunter Silber und Bronze bei Olympischen Spielen.

Auf der Zielgeraden ihrer Trainerkarriere zeichnete Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, ihr Lebenswerk aus. Koch ist die erste Deutsche, die den IOC Coaches Lifetime Achievement Award erhielt. „Die höchste Anerkennung“, räumt die 65-Jährige ein. „Die muss ich wohl akzeptieren.“ Tokio 2021 wird ihre letzte große Mission. Die Corona-Pandemie verzögert ihren Ruhestand um ein Jahr. Ulla Koch wird gehen, aber sie hinterlässt eine Philosophie, die Turn-Team Deutschland länger erhalten bleiben wird. Eine Handschrift, deutlich wie Magnesia auf einem schwarz-rot-goldenen Turndress.

Mit Blick in die Zukunft

Ursula – nur ihre Eltern und ihr Mathematiklehrer nannten sie beim vollen Namen – wusste bereits im Kindergarten: Ich werde Lehrerin. In der zehnten Klasse legte sie fest: Ich studiere Sportwissenschaft. An der Deutschen Sporthochschule Köln angekommen, entschied sie dann: Abgang von der eigenen Turnerkarriere, ich werde Trainerin. Und sie stieg stetig auf: zur Beauftragten für Nachwuchsarbeit im Bundesfachausschuss (1994-92), zur Trainer-Sprecherin (1986), zur Bundeskunstturnwartin (1992). Als Jahre später niemand das deutsche Frauenteam übernehmen wollte, hob Ulla Koch die Hand: Ich mach’s, ich habe einen Plan. Ohne geht bei ihr nichts. „Ich blicke immer weit in die Zukunft“, erklärt sie. „Und Konzepte schreibe ich gerne.“

2020 verlangt das Coronavirus ihren Weitblick. In Nordrhein-Westfalen herrscht kurz vor Ostern Kontaktsperre. Die Welt dreht sich in Zeitlupe. Das ist ungewohnt, auch für Trainerin Koch, die auf eine 60-Stunden-Woche getrimmt ist und normalerweise Drehungen um jedwede Achse lehrt. Die sind dann selbst in Zeitlupe manchmal zu schnell für das ungeübte Auge. Nun aber lautet die Devise: Füße stillhalten und zuhause bleiben.

Die Situation ist eine mentale Mammutaufgabe. Sie nagt besonders an Spitzensportlern, die auf ihre Trainingsstätten angewiesen sind. Wer hat schon ein Sprungpferd in seiner Wohnung, einen fünf Meter langen Balken im Garten oder 144 Quadratmeter Schwingboden im Hobbykeller? Durch Passivität schmilzt das Leistungsvermögen. Die schweißtreibende Arbeit mehrerer Monate oder gar eines kompletten Jahres ist innerhalb weniger Wochen dahin.

In Bergisch Gladbach hat der Rheinische Turnerbund eine Sondergenehmigung von der Stadt erwirkt. „Alle bisherigen Bürgermeister waren Fans von uns Turnern“, freut sich Koch. Drei Athletinnen, die sich auf die Olympischen Spiele 2021 vorbereiten, durften am Turnzentrum in Paffrath, dem Sitz des Rheinischen Turnerbundes, wieder an die Geräte.

Kompromisse für eine gefestigte Identität

„Die Nachricht von der Verschiebung der Sommerspiele hat viele Turnerinnen erschreckt und verängstigt“, berichtet die Bundestrainerin. US-Megastar Simone Biles offenbart in amerikanischen Medien: „Ich weiß nicht wirklich, wer ich als Person bin, neben meiner Identität als Athletin.“ Koch hat dafür Verständnis. „Alle Athleten hinterfragen sich in dieser Situation. Ich habe aber bei keiner meiner Turnerinnen das Gefühl, dass sie zerbrechen, wenn ein Weg nicht weiterführt.“ Eine Zwillingskarriere hält die Cheftrainerin für wichtig.

Sportliche Talentförderung ist nur dann erfolgreich, wenn sie Hand in Hand mit der persönlichen Entwicklung in Schule, Studium und Ausbildung geht, fixiert Koch in ihrer Rahmentrainingskonzeption, die für alle Kadertrainer Pflichtlektüre ist.

Koch ist für Plan B zu Kompromissen bereit, obwohl eine Mehrfachbelastung jederzeit das Risiko von Leistungseinbuße birgt. „Habt keine Scheuklappen!“, rät sie jungen Mädchen. Sie will mündige und selbstbestimmte Athletinnen. Am Ende sind sie es, die über ihre Zukunft entscheiden. Da muss die Chemie zwischen Trainer und Turnerin stimmen.

Kein Kristallpalast

Die Deutsche Mehrkampfmeisterin und aussichtsreiche Olympiakandidatin Sarah Voss zählt mit 20 Jahren zu den Top Ten der Welt. Neben 25 bis 30 Stunden Training pro Woche hat sie ein Einser-Abitur abgelegt und ein Fernstudium aufgenommen. Das Leistungsturnen ist für sie ein Draufzahlgeschäft, das ohne Mentoren, Sponsoren und ein Netz von Unterstützern nicht möglich wäre. „US-Amerikanerinnen, die einmal erfolgreich bei Weltmeisterschaften geturnt haben, sind hingegen Millionärinnen. Sie sind Vollprofis und finanziell abgesichert“, erklärt Koch. Die USA stellen seit 2012 die Olympiasiegerinnen im Mehrkampf. 'Homeschooling', Hausunterricht, ist dort weit verbreitet. „Um Leistung zu bringen, brauche ich keinen Kristallpalast“, kontert Koch. „Wir waren nie von den Bedingungen verwöhnt.“

Ihr Motto ist gelebte Erfahrung: Aus einer Mangelverwaltung das Beste machen und Umwege in Kauf nehmen. „Das deutsche Schulsystem kann ich nicht ändern. Ich fände aber gut, wenn es kompakter wäre, wenn man den Fächerkanon reduzieren und Abschlüsse per Fernunterricht ermöglichen könnte. Diese Option würde dem Spitzensport in Deutschland helfen“, sagt sie. Gegenwärtig sind Schulferien die Haupttrainingszeit. „Unsere Athletinnen sind dann ausgeschlafen und befreit von Stress“, erläutert die Bundestrainerin. Die Regeneration kommt dann nicht zu kurz.

Alt-Athleten und Topmanager

Letztere wird mit den Jahren automatisch länger. Zu Kochs Verdiensten gehört, dass sie die Tür für „ältere“ Turnerinnen aufgestoßen hat. Hier ist Deutschland Vorbild. Das verbreitete Klischee, dass spätestens mit 20 die Karriere vorbei sei, gilt nicht mehr. „Die Turnerinnen haben während ihrer gesamten Schulzeit so viel investiert. Ihr Potenzial können sie erst später voll ausschöpfen“, ist Koch überzeugt. Bis Mitte 20, schätzt sie, könne man Athleten formen. Leistungsturnen funktioniere auch nach dem Frauwerden. Kochs Athletensprecherin Kim Bui ist 31. Die Jüngsten im Kader sind halb so alt.

Die Trainerin holte auch Oxana Chusovitina ins Team. Kurz vor der Weltmeisterschaft 2006 erhielt die Usbekin die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie war damals bereits über 30 und lebte in Köln. Zwei Jahre später gewann sie in Peking olympisches Silber (im Sprung) für Deutschland. Koch hatte bei der Einbürgerung nachgeholfen, als diese ins Stocken geraten war.

Am Gymnasium Bergisch Gladbach-Herkenrath unterrichtete sie die Töchter des damaligen stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach. Der war in seiner Partei für Sport zuständig. „Vernetzt sein ist wichtig“, schmunzelt Ulla Koch. Innerhalb eines Tages war die Einbürgerung durch und Chusovitina durfte mit zur WM. Sie bekam eine Anstellung als sportliche Beraterin bei einem Großkonzern und war somit sozial abgesichert. „Alle Toptrainer, die ich kenne, sind auch Topmanager“, sagt Ulla Koch.

Die Schule war immer ein entspannenden Kontrast zum Wettkampftreiben. Ihre erste Stelle als Lehrerin für Sport und Kunst trat sie 1979 am Gymnasium Leichlingen an. Frisch von der Uni und frisch aus der Turnhalle kommend, saß sie im Trainingsanzug im Bewerbungsgespräch. Im selben Jahr heiratete sie Dieter Koch. Die beiden hatten sich bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften in Berlin kennengelernt. Beim Tanzabend hinterher funkte es. „Mein Mann war der erfolgreichere Athlet. Er scheiterte 1996 knapp an der Olympia-Teilnahme“, erzählt Ulla Koch, die selbst „zu spät“, mit zwölf Jahren zum Turnen kam. „Ich war eine gute Leichtathletin und Kreismeisterin im Kugelstoßen.“ Die Trainer Dieter und Ulla erfassten von Anfang die Leistungsdaten ihrer Turnerinnen: Wann haben sie was trainiert und wann geschafft? „Das war damals noch nicht modern.“ 1982 wechselte Ulla Koch ans Gymnasium Herkenrath zu ihrem Mann.

Zweierlei Köche

Als Trainer stand Dieter Koch lange Zeit in der ersten Reihe. 1997 berief ihn der Deutsche Turnerbund (DTB) zum Nationaltrainer der Frauen. Er galt als strenge Autoritätsperson mit hartem Führungsstil. „Ich war mit einigen Sachen unzufrieden, die er gemacht hat“, sagt seine Frau. 2005 wird ein Nachfolger gesucht. Die Stellenausschreibung bleibt jedoch ohne befriedigendes Ergebnis. „Ich wusste, dass wir guten Nachwuchs haben. Nach drei, vier Monaten Bedenkzeit habe ich gesagt, ich mache es selbst!“

Zu ihren bedeutenden Neuerungen zählt die Wertschätzung der Heim- und Landestrainer. Ulla Koch war viele Jahre eine von ihnen. Das Verhältnis zum Bundestrainer soll frei von Egoismen sein, wünscht sie sich. Sie baut Vertrauen auf: „Ich kann ihnen unmöglich täglich auf die Finger schauen. Jeder Trainer bekommt von mir den gleichen Input, aber jeder setzt sie mit seiner eigenen Handschrift um.“

Olympische Klassenfahrten

In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2008 wird Koch Vollzeittrainerin und hält ihre letzte Lehrstunde am Gymnasium. Sonderurlaub muss sie nie beantragen. Weil oft Herkenrather Schülerinnen dabei waren, ließ der Direktor Wettkampfreisen als Klassenfahrten gelten.

Koch ist oft die Hälfte des Jahres für den DTB auf Achse. Corona hat sämtliche Planungen über den Haufen geworfen. Weltweit müssen Wettkämpfe verschiedener Sportarten in ein neues Terminkorsett gezwängt werden. Im Homeoffice brütet die Bundestrainerin über einer neuen Periodisierung des Trainings. Pünktlich zu den Olympischen Spielen sollen ihre Athletinnen Topform erreichen. Ziel ist das Teamfinale in Tokio. Sie hatte sich eigentlich schon aufs Aufhören gefreut, doch neue Pläne und Konzepte zu entwickeln, liegt ihr schließlich. Etwas Positives kann sie der Pandemie abgewinnen: Sie mildert den Trennungsschmerz.

 

(Der Artikel ist ursprünglich im Rheinisch-Bergischen Kalender 2021 erschienen, Heider Verlag)