Die aktuelle Story

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Sei ein Frosch!

Zoe Jakob ist Stabhochspringerin, Kanutin und Gewinnerin des Newcomer Awards 2018 bei der Wahl der NRW-Sportler des Jahres. So tickt das Ausnahmetalent.

Häschen ist die Größte. Vögelchen die Mittlere. Fröschchen ist das jüngste Mitglied im Kosenamen-Zoo der Familie Jakob aus Schwerte. Mutter Martina fing vor 26 Jahren damit an, ihren Töchtern liebevoll Necknamen zu geben. Als Erste erblickte damals Alena an Ostern das Licht der Welt. Die Verbindung zu Meister Lampe lag nah. Dann war Elisa im Anflug. Das passendste Tier erwischte jedoch Nesthäkchen Zoe.

Er ist schwarzblau, mit Glitzer überzogen und sitzt immer mit im Boot. Der kleine Frosch ist „mein Powertier“, sagt die 19-Jährige. Denn: „Er ist schnell im Wasser und kann gut springen.“ Das passe einfach zu ihr. Zoe Jakob fährt Kanuslalom in der Juniorennationalmannschaft (U23) und Zoe Jakob gehört zum U20-Auswahlteam im Stabhochsprung. Die Schnittstelle beider Sportarten tendiert gen null.

Nur mit Spaß zur Weltspitze

Beim den FELIX Awards 2018 gewinnt sie die Publikumswahl zur Newcomerin des Jahres in NRW. Fast zeitgleich rückt Zoe ins Förderteam der Sportstiftung NRW. Der Übergang in den Erwachsenenbereich ist oft ein Knackpunkt in der Karriere jugendlicher Athleten. Die Ausnahmesportlerin bekommt die maximale Unterstützung. Sie ist das, was Trainer gerne und selten als Multitalent bezeichnen. Doch wie gelingen ihr diese Spitzenleistungen auf grundverschiedenen Bühnen?

Zwei Formeln: Erfolge machen Spaß und Spaß macht Erfolge. Je mehr Leute zuschauen desto besser. Punkt. „Wer zu dogmatisch denkt und handelt, hat keinen Spaß im Leben“, sagt Zoe. Und: „Ja, ich will zur Weltspitze, aber meinen Weg gehen. Mit ‚ich muss‘ verpasst man viel.“

Der Zoe-Weg folgt Leitlinien wie zum Beispiel dieser: Zwei Stunden vor einem Rennen fahren die Kanuten in der Regel Sprints zur Vorbereitung auf die Wettkampfsituation. Zoe nicht. „Ich fahre keine Vorbelastung. Danach bin ich zu erschöpft.“ Kritiker könnten unken, dass das einen unprofessionellen Eindruck hinterlasse. Zoe sagt: „Ich werde das nicht ändern. Ich bleibe mir treu. Ich finde es wichtig, als Sportlerin meinen eigenen Kopf zu haben. Das heißt aber nicht, dass ich mich Neuem verschließe.“ Ihre Erfolge lassen Misstöne verstummen.

Eltern wie Trainer staunen immer wieder: „Zoe liefert ab, wenn es darauf ankommt.“ Unmittelbar vor einem Wettkampf sei ihre Tochter allerdings kaum zu ertragen, erzählt Mutter Martina. Die Trainer täten ihr manchmal leid. Zoe löchert sie mit hunderten „Was wäre wenn?“-Fragen. „Ich dreh‘ am Rad. Aber man muss mich in dieser Phase einfach reden lassen“, meint die Sportlerin. Im Boot oder mit dem Stab in den Händen sei die Nervosität dann verflogen.

Zoe, die Rampensau, blüht vor großer Kulisse auf. Beim Finale der Junioren-WM 2017 in Bratislava jubeln ihr 1.000 Menschen zu. Die Wildwasserstrecke in der Slowakei zählt zu den anspruchsvollsten in Europa. Zoe wird Sechste im Einzel und gewinnt Gold mit dem Team. Bei der Junioren-EM auf ihrer Heimstrecke in Hagen-Hohenlimburg holt sie Doppel-Silber. „Unsere Kanu-Gemeinschaft ist toll, die ganze Mannschaft feuert einen an. Ich fühle mich da sehr wohl.“ Bei einem Leichtathletik-Meeting 2018 in Dortmund herrscht ebenfalls „Bombenstimmung“ in der Arena. Die Atmosphäre trägt. Zoe überspringt die Latte in 3,65 Metern Höhe. Abgeliefert.

Limbo im Wildwasser

In diesem Jahr steht der Kanusport etwas mehr im Fokus. Zoe wird im Canadier Dritte der Deutschen Kanuslalom-Meisterschaften. Der Canadier wird kniend mit einem Stechpaddel gefahren, das Kajak im Sitzen, angetrieben mit einem Doppelpaddel. Zoe beherrscht beides.

„Sie kann das Wasser fühlen. Das ist ihr besonderes Talent“, sagt Mama Martina. Die Bewegungen wirken elegant. Zoe scheint nicht zu schuften, wenn ihr Paddel durch die Strömung pflügt. Stabil zirkelt ihr Oberkörper um die Slalomstangen, die 20 Zentimeter senkrecht über den Wellen baumeln. Berühren verboten – Kanuslalom ist Limbo vertikal im Chaos des Wildwasserkanals. Es braucht natürlich auch Kraft, um ein 2.500 Euro teures und knapp neun Kilogramm schweres Kajak entgegen der Fließrichtung zu manövrieren. So mühelos wie es von außen wirkt, ist es nicht. „Auf halber Strecke brauche ich ein Sauerstoffzelt“, bestätigt Zoe scherzend.

Im Chaos lebt das Genie

Der Stabhochsprung ist technisch noch anspruchsvoller. Zoes Bestleistung steht bei 4,10 Metern Höhe, rund einen Meter unter Weltrekord. „Ich stehe noch ganz am Anfang meiner Entwicklung. In dieser Disziplin kann es aber so schnell gehen“, erklärt die Athletin. Sie weiß auch, gute Stabhochspringer reifen in der Regel lange: „Als nächstes muss ich meinen Anlaufsprint drastisch verbessern.“ Aktuell ist Zoe die drittbeste U23-Springerin in Deutschland.

Freizeit ist langweilig, Zoe ist Frühaufsteherin. Ihr Zimmer im elterlichen Haus besitzt eine große Fensterfront. „Ich mag es, vom ersten Tageslicht geweckt zu werden.“ An den petrolfarbenen Wänden hängen zahlreiche Urkunden, Ehrennadeln und das ausrangierte Paddel. Selten sind auch Fußboden und Schränke derart aufgeräumt, gibt Zoe zu. Viele Tage im Jahr lebt sie aus dem Koffer. „Wenn sie kann, weicht sie aus und vermüllt ein anderes Zimmer“, stöhnt ihre Mutter und verdreht die Augen. "Das hat sie von ihrem Vater geerbt." Nur im Chaos lebt das Genie. Das gilt offenbar nicht nur im Wildwasser.

Zwei Sportarten auf höchstem Niveau, dazu das Abitur am Berufskolleg in Menden – es ist/war ein Tanz auf drei Hochzeiten. Nach dem Schlussabschluss möchte Zoe studieren. Vielleicht Journalismus, möglicherweise Psychologie, eventuell den Lehrerberuf ergreifen wie ihre Eltern. Auf jeden Fall will sie das Zeitmanagement in der Hand haben. Wer 30.000 Kilometer im Jahr für Wettkampfreisen zurücklegt, muss flexibel bleiben. Kanuwettkämpfe verschlingen oft eine komplette Woche. Montag oder Dienstag reist der Tross an. Bis zum Wettkampfbeginn am Wochenende wird unablässig trainiert. „Man hat sonst auf unbekannter Strecke keine Chance, um auf das gleiche Niveau zu kommen wie auf heimischer Strecke“, erklärt die Kanutin. Stabhochsprung-Meetings beschränken sich hingegen meist „nur“ auf die Wochenenden.

Kein "Entweder-oder"

„Ich kann mir momentan nicht vorstellen, eine der beiden Sportarten abzustoßen“, sagt Zoe. Sie weiß jedoch: „Der Druck, sich irgendwann zu entscheiden, wird nicht verschwinden.“ Wie weit sie gleichzeitig im Kanusport und in der Leichtathletik in die nationale und internationale Spitze vorstoßen wird, wagt niemand zu prophezeien. „Je mehr Zweifel andere säen, desto mehr zeige ich es ihnen“, sagt Zoe, die unbekümmerte junge Frau mit dem Frosch-Gen.

Zur Person: Zoe Jakob

Geboren: 2. September 2000 in Schwerte

Wohnort: Schwerte

Vereine: KSV Schwerte, LG Olympia Dortmund

Trainer: Kai Atzbacher (Stabhochsprung), Jürgen Schubert (Kanu)

Disziplinen: Stabhochsprung und Kanuslalom (Kajak, Canadier)

Sportliche Erfolge:

Bestleistung im Stabhochsprung - 4,10 m (2018)
3. Platz Deutsche U23-Meisterschaften 2019
4. Platz U20-Länderkampf 2018
2. Platz Deutsche U20-Meisterschaften 2018
13. Platz U20-Weltmeisterschaften 2018

2. Platz Junioren-EM im Einzel C1 2017
1. Platz Junioren-WM mit der Mannschaft C1 2017
3. Platz Junioren-Mannschaft C1 2018