Die aktuelle Story

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Para-Rudern - Amalia und der fiese Fisch

Drei Jahre trank Amalia Sedlmayr unbewusst vergiftetes Wasser. Die lange Leidenszeit schwächte den Körper, aber stählte ihren Willen. 2019 wurde aus einer ambitionierten Triathletin im Schnelldurchlauf eine aufstrebende Ruderin – vielleicht bald eine paralympische.

Amalia bei ihrem letzten Triathlon auf Mallorca 2011.

Der fiese Fisch ist im Labor untergetaucht. Die Wasserkaraffe hat Amalia aussortiert. Drei Jahre hauste der bunte, daumengroße Übeltäter in seinem gläsernen Unterschlupf. Tag für Tag, Schluck für Schluck infiltrierte er heimlich sein Gift in die Sportlerin. Der Fisch zwang Amalia ans Limit – körperlich, mental, moralisch. Unterkriegen ließ sich die 28-Jährige jedoch nie.

An einem Morgen im Dezember 2013 beginnt alles mit einer ungewöhnlichen Machtlosigkeit im Bad. Faktisch steht Amalia voll im Saft. Die Triathlon-Distanz bewältigt sie unter sieben Stunden. Die abendliche Joggingrunde taugt nicht als Erklärung, weshalb ihr rechtes Bein plötzlich und schier von jeglicher Kraft verlassen einknickt. Amalia kann sich kaum aufrecht halten. Muskelschmerz. Er ist harmlos, verglichen mit dem, was ihr bevorsteht.

Im folgenden halben Jahr verliert Amalia 27 Kilogramm. Stress im Studium kann nicht die Ursache sein, ist sie sich sicher. In einem Kraftakt schleppt sich Amalia im Sommer erneut zum Hausarzt. Der weist sie ins Krankenhaus ein. Nach drei Tagen Rollstuhl will sie endlich wieder aufstehen, aber ihre Beine tragen sie nicht mehr. Die Erkenntnis ist erschreckend irreal: „Ich kann nicht mehr gehen“.

Das eigene Ich wird immer fremder

Nicht nur ihr Körper baut sukzessive ab. „Mein Kopf war Gemüse“, erzählt Amalia. „Ich wurde vergesslich, war schnell reizbar und hatte Schwierigkeiten mit der Sprache. Mein Wortschatz schrumpfte zusammen.“ Dabei sind Sprachen ihr Ding. Portugiesisch sog sie mit der Muttermilch auf, Spanisch und Englisch reiften durch monatelange Sprachreisen während der Schulzeit. 2013 zog Amalia nach Heidelberg, um Übersetzungswissenschaften zu studieren. „Dolmetscher müssen im Kopf schnell schalten können“, weiß sie. Es fiel ihr leicht. Und jetzt das. Das eigene Ich wird Amalia zunehmend fremder. Wie konnte es soweit kommen?

Ein Fisch gehört ins Wasser, dachte sich Amalia, als sie vom Stadtfest „Heidelberger Herbst“ in ihre Studentenbude heimkehrt. Sie war frisch an der Uni. Das soeben auf dem Flohmarkt erworbene Schnäppchen machte in der Wasserkaraffe neben dem Bett dekorativ sogar etwas her. Amalia und der Deko-Fisch hatten damit eine Gemeinsamkeit: Wasser ist ihr Element.

Im Alter von drei Jahren sprießt ihre Liebe zum Schwimmen. Das Mädchen paddelt bald zweimal wöchentlich durch das Becken im Schwimmzentrum der Deutschen Sporthochschule Köln. „Meine Mutter hat mich breit gefächert in alle möglichen Sportarten gefördert“, erzählt Amalia. Leichtathletik, Kunst- und Geräteturnen kommen hinzu. Ab der Grundschule verbringt sie auch die restlichen Wochentage an der „SpoHo“. Das Kind steckt voller Energie. „Damit ich abends Ruhe gab, musste ich mich tagsüber auspowern“, berichtet Amalia. „Ich habe mich dort immer wahnsinnig wohl gefühlt.“ Es folgen fünf Jahre klassisches Ballett mit Auftritten im Kölner Gloria Theater. „Während dieser Zeit ist die Perfektionistin in mir gewachsen“, erklärt sie. Bis 16 trainiert sie zudem als Rettungsschwimmerin bei der DLRG.

Der Triathlon wird zur Leidenschaft

Mit 17 erzählt ihr Onkel "Joli" aus Brasilien von seinem neuen Hobby, Triathlon. Amalia ist im Nu angefixt. Jolis bester Freund ist zufällig Joachim Doeding, der Top-Triathlet von São Paulo. Er wird ihr erster Trainer, der Triathlon ihre Leidenschaft. „Ich habe Spaß daran, mich mit anderen zu messen, aber vor allem mich selbst zu übertreffen. Meine Bestzeit zu übertreffen ist ein wunderbares Gefühl. Dabei erzielt man den größten Fortschritt“, sagt sie. Der Triathlon habe sie mental auf das Leben vorbereitet, so die Sportlerin, und ihr gezeigt, dass sie erreichen kann, woran sie glaubt. „Irgendwann nimmt der innere Wille Überhand und stellt den Körper auf Maschinen-Modus.“

Neben dem Abitur stemmt die Schülerin jede Woche bis zu 38 Stunden Training. „Ich bewegte mich an der Grenze zum Leistungssport.“

Um ihren Sport zu finanzieren, arbeitet Amalia in einer Neurologischen Rehabilitationsklinik in Bonn. Sie hilft Parkinson-Patienten, Unfallopfern und Querschnittsgelähmten wieder mobil zu werden. „Es ist eine Ironie des Lebens, dass mich diese Erfahrung darauf vorbereitete, was später auf mich zukam“, sagt sie. „Ich habe von diesen Menschen gelernt, dass sie ihr Schicksal annehmen.“

"Sie hatten mich aufgegeben."

Als Amalia 2013 selbst Patientin wird, gibt sie den Ärzten Rätsel auf. Amalia durchläuft über die Jahre einen Marathon an Fehldiagnosen. Knochenmark, Leber und das zentrale Nervensystem erleiden schwerwiegende Schäden. Von plötzlichen Krampfanfällen geschüttelt, kommt sie kaum aus dem Bett. Spasmen befallen ihre Füße und Finger. Amalia leidet unter Nervenschmerzen. Nach der zweiten Reha gelingt ihr das Gehen einigermaßen. Zuhause kommt prompt der Rückfall. Der Fisch in der Karaffe neben dem Bett hatte auf sie gewartet.

Nach der vierten Reha 2015 kann sie zehn Meter am Rollator laufen und gilt als „austherapiert“. Ein schlechter Witz für eine Triathletin. Amalia kämpft um neue Orthesen zum Gehen. „Aufgrund meiner starken Spastik war man davon überzeugt, dass ich die teuren Dinger nur kaputt machen würde, als dass ich damit wieder gehen könnte. Sie hatten mich aufgegeben“, konstatiert sie.

Am Tiefpunkt kommt die Wende

Es geht rapide bergab. Unerklärliche Bauchschmerzen rauben Amalia wochenlang den Schlaf. Wieder diagnostizieren die Ärzte Knochenmarkfunktionsstörungen und Leberschäden, erkennen aber nicht die Ursache. Amalia muss erneut ins Krankenhaus. „Ich bin kein Kind von Traurigkeit und eigentlich sehr leidensfähig“, betont Amalia. Doch an diesem Tiefpunkt wollte sie nur weg von der Klinik und zu ihrer Mutter. „Ich wollte mich von ihr verabschieden.“ Bei der stationären Aufnahme stellt ein Assistenzarzt fest, dass noch ein Test auf Schwermetalle im Blut aussteht. Es ist des Rätsels Lösung: Amalia hat seit drei Jahren eine schwere chronische Bleivergiftung.

Blei reichert sich in den Knochen anstelle von Calcium an. Eine dauerhafte tägliche Dosis schädigt das Nervensystem und führt zu Lähmungen. Im ersten Telefonat nach der Diagnose entlarven Amalia und ihre Mutter die Quelle. „Aus Blei“, erklärt Esta Maria ihrer Tochter, „waren die kleinen Zylinder, die Angler an ihre Leinen heften, damit der Köder ins Meer sinkt.“ Angler, Fische, Wasser – in Amalias Kopf schließt sich ein Kreis. Die Entgiftungskur dauert bis heute an. Tabletten ziehen das Blei langsam aus den Zellen.

Bildermemory statt Bachelor

Seit 2016 geht es bergauf, aber der Absturz war tief. Um ihren Studienabschluss kämpft Amalia zwei Jahre vergebens. Sie bekommt Sprachtherapie. Bildermemory statt Bachelor. „Wörter mit ‚ung‘ oder ‚sch‘ waren der Horror“, erinnert sie sich. „Ich sah das Wort, wusste, dass es ich falsch geschrieben hatte, erkannte aber nicht, wo der Fehler lag.“ Amalia kramt alte Sprachlernbücher aus ihrer Schulzeit heraus und wälzt sie zum zweiten Mal.

Auch das Internet wird zum Reha-Helfer. Beschränkt auf ihre zwölf Quadratmeter in Heidelberg, recherchiert sie Kraft- und Koordinationsübungen und trainiert in Eigenregie täglich eineinhalb Stunden – zusätzlich zur Physiotherapie. Ihre Vorkenntnisse vom Leistungsschwimmen und vom Triathlon helfen ihr. „Ich träumte vom Joggen am Neckar.“ Im Bett liegend sieht sie sich vor ihrem inneren Auge trainieren. Nach einem Jahr schafft sie es ohne Pausen 300 Meter mit dem Rollator zu gehen. „Vielleicht ist das meine Berufung“, denkt sie.

"Verliere nicht den Mut!"

„Seit 2018 fühle ich mich wieder klar im Kopf“, sagt Amalia. "Auch, weil ich weniger Medikamente nehmen muss. "Im vergangenen Herbst beginnt sie ein neues Studium an der Sporthochschule in Köln. Sie möchte Trainerin für Menschen mit Einschränkung werden, am liebsten im Schwimmsport. Denn: „In jungen Menschen steckt so viel Potenzial.“ Das Studium mache Spaß, sagt sie, „auch wenn ich im Weitsprung kürzer springe als in der Grundschule.“

Orthesen für die Füße ermöglichen das Laufen und gleichen Amalias Spitzfuß und ihre Fußheberschwäche aus. Alle drei Monate werden die verkrampften Muskelpartien mit Botox-Spritzen gelähmt und so die Spasmen gezähmt. „Manchmal ärgere ich mich. Früher ging ich gerne einfach mal mitten in der Nacht laufen, um den Kopf frei zu bekommen.“ Heute geht das nicht mehr. „Ich musste lernen, meine neues Ich anzuerkennen“, gibt die Studentin mit dem Schwerpunkt "Sport und Leistung" zu.

An einer Zimmerwand im Wohnheim der Sporthochschule klebt ein mit bunten Farben vollgeschriebenes Tapetenstück. Die Pinnwand daneben ist gespickt mit Postkarten und Fotos. Alle Botschaften ihrer Freunde und Familie stoßen ins gleiche Horn: Verliere nicht den Mut!

Para statt Tri

Amalia trainiert eisern jeden Tag. Manchmal steht die Tür zum Hausflur offen, damit in den vier Wänden der Platz für ihre Übungen reicht. Meistens nutzt sie die Möglichkeiten, die ihr der Olympiastützpunkt Rheinland in Köln bietet. Von ihrem Zimmer sind es für die Athletin nur wenige Gehminuten zum Kraftraum, zum Physiotherapeuten oder zur Ernährungsberatung. Amalia verfolgt inzwischen ein neues, höheres Ziel. Sie hofft auch die Chance, im nächsten Jahr an den Ruderwettkämpfen bei den Paralympics teilzunehmen. Wichtiger ist: Amalia ist wieder eine Athletin - mit einem vorangestellten „Para“ statt einem „Tri“.

Statt im Wasser bewegt sich sie sich nun auf dem Wasser. Im Frühjahr betrat sie zum ersten Mal den Ruderkeller des RTHC Bayer Leverkusen. „Rudern ist wie Schwimmen eine sehr technische Sportart. Noch kann ich die richtige Rudertechnik nicht konstant abrufen“, unkt bereits die Perfektionistin in ihr. Unzählige Wiederholungen machen den Meister.

In der paralympischen Bootsklasse Mixed-Doppel-Zweier hat Amalia Ende August bereits WM-Luft geschnuppert. Mit Schlagmann Marcus Klemp erreichte sie in Linz den dritten Platz im B-Finale. Eine hartnäckige Erkältung und Gegenwind verhinderten die direkte Qualifikation die Paralympics 2020. Im Mai werden bei der Para-Ruderregatta im italienischen Gavirate noch zwei Tokio-Tickets vergeben. „Die Chancen stehen ziemlich gut, da wir schon jetzt konkurrenzfähig sind und bei mir noch viel Luft nach oben ist“, sagt Amalia.

Mit Dominik Siemenroth (im Foto links) und Marc Lembeck (rechts) hat Amalia zudem zwei ambitionierte Mitstreiter in ihrem Verein, dem RTHC Leverkusen, die ebenfalls die Überfahrt nach Tokio schaffen wollen. Zusammen könnten sie einen Mixed Riemen Vierer am Standort Köln, Fühlinger See, bilden. Die zweite Frau im Boot fehlt jedoch noch. Edelmetall in Tokio wäre eine Überraschung. Damit spätestens bei den Paralympics in Paris 2024 eine Medaille gelingt, sichert die Sportstiftung NRW die optimale Vorbereitung mit einem Trainer finanziell ab.

Kein finanzieller Spielraum für Amalia - Aber die Sportstiftung NRW ist zur Stelle

BAföG und Kindergeld sind das einzige Einkommen der Para-Ruderin. „Mir fehlt es bereits an den Basics“, gibt Amalia zu verstehen. „Ich habe zu wenig Trainingskleidung und komme mit dem Waschen meiner Ausrüstung nicht hinterher.“ Abzüglich der Miete und scharf kalkulierten Lebenshaltungskosten erlaubt ihr Budget keinen Spielraum. „Meine Mutter füllt alle paar Wochen meinen Kühlschrank auf“, erzählt sie. „Damit würde kein Leistungsruderer annähernd auskommen“, signalisiert Jürgen Brüggemann, Geschäftsführer der Sportstiftung NRW. „Solange Amalia Bedarf hat, sind wir deshalb mit unserer Basisförderung zur Stelle.“

Die Sportstiftung NRW ist für paralympische Athleten der erste und alleinige Ansprechpartner im Land.

Amalia ist zuversichtlich: „Ich bin guten Mutes, dass wir die Qualifikation für die Paralympics schaffen. Ich fahre allerdings nicht nach Tokio, um dort nur zu starten. Ich will mehr.“

Zur Person: Amalia Esta Maria Sedlmayr

Geboren: 8. Dezember 1991 in Köln

Wohnort: Köln

Vereine: RTHC Leverkusen

Disziplin: PR2 Mixed Doppel-Zweier und Mixed Vierer mit Steuerfrau

Sportliche Erfolge: WM-Teilnahme 2019 im PR2 Mixed Doppel-Zweier