Die aktuelle Story

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"NRW hat definitiv Potenzial" - Lina ist der erste Talentscout im Parasport

Lina Neumair aus Hattingen ist die erste hauptamtliche Talentscoutin im Parasport in Nordrhein-Westfalen. Mit vielen ihrer Aufgaben betritt sie Neuland. Denn auch bundesweit gibt es keine vergleichbare Stelle. „NRW hat im Behindertensport definitiv Potenzial“, vergewissert sie nach 150 Tagen im Amt.

Seit 1. April 2019 sichtet Lina talentierte Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Auch Quereinsteiger, zum Beispiel Menschen, die nach einem Unfall mit einem Handicap leben, versucht sie für den Sport zu begeistern. Die 25-Jährige berät Sportler, Familien, Schulen und Vereine. Damit leistet die Talentscoutin einen wichtigen Beitrag für die Nachwuchsarbeit im Leistungssport.

Der Talentscout wird zu 75 Prozent bis Ende 2020 von der Sportstiftung NRW gefördert. Angestellt ist er beim Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW (BRSNW). Pro Jahr unterstützt die Stiftung den paralympischen Sport, seine Athleten und ihre berufliche Karriereplanung mit derzeit rund 250.000 Euro. 

Lina Neumair ist die erste NRW-Talentscoutin für den Parasport.

 

Lina, Du bist ausgebildete Sport- und Fitnesskauffrau und hast ein Duales Studium in „Sportwissenschaft & angewandte Trainingswissenschaft“ mit dem Bachelor (Hochschule Unna, DHGS) abgeschlossen. Jetzt bist Du die erste NRW-Talentscoutin im Behindertensport und alles ist neu. Wie findest Du Dich zurecht?

Lina Neumair: Mir hilft vor allem, dass ich parallel zum meiner Ausbildung und zu meinem Studium sieben Jahre als Trainerin im Kinder- und Jugendsport gearbeitet habe und täglich in der Halle stand. Ich konnte mit den Kleinsten, die in meinem Fall erst sechs Monate alt waren, bis zu den älteren Jugendlichen meine Erfahrungen sammeln. Ich weiß, wie ich eine Trainingsstunde pädagogisch sinnvoll aufbaue und wie ich individuell fördern kann. Mein Studium war nützlich, aber letztendlich ist vieles in der Praxis anders als in der Theorie.

Wie bist Du an Deine neuen Aufgaben ohne Vorgängerwissen herangegangen?

Lina: Einerseits wusste ich, was auf mich zukommt, da ich ein sechsmonatiges Praktikum im Behindertensport gemacht habe. Andererseits gibt es erstmal nur mich. Alles, was ich mache, wird an mir gemessen. Also probiere ich viele verschiedene Wege aus und schaue, welche Früchte tragen. Zu meinem Dozenten, der mich vom ersten Semester bis hin zu meiner Bachelorarbeit begleitete, pflege ich immer noch Kontakt. Er war Cheftrainer am Olympia- und Bundesstützpunkt Schwimmen in Dortmund. In seinem Promotionsstudium lag sein Schwerpunkt auf der Talentsuche und Talentfindung. Auch als Sportlehrer und Trainer hat er sich immer stark für die Nachwuchsförderung eingesetzt. Ihn habe ich mir ein bisschen zum Vorbild genommen. Aber letzten Endes gehe ich meinen eigenen Weg und schaue, was ich aus meiner Tätigkeit als Trainerin und aus dem Studium anwenden kann. Ich habe ein gutes Mittelmaß gefunden.

Welche Ziele hast Du Dir gesetzt?

Lina: Ich möchte zeigen, wie vielfältig der Behindertensport ist. Zudem möchte ich den Menschen nahebringen, was sie durch Sport alles erreichen und bewegen können. Wer sich zum Beispiel am Anfang im Breitensport bewegt, dem kann ich helfen, den Weg in den Leistungssport zu finden. Ich suche immer den persönlichen Kontakt und nehme jeden an die Hand, der Unterstützung benötigt.

Ende August bist Du rund 150 Tage im Amt. Wie fällt dein Zwischenfazit aus?

Lina: Zu Beginn habe ich mich bei allen Förderschulen in NRW vorgestellt, danach bei Krankenhäuser und Kliniken. Schließlich habe ich Sanitätshäuser und Prothesenbauer angeschrieben. Das Feedback war anfangs verhalten, wurde jedoch immer besser. Auf meine Idee, Schnuppertage in verschiedenen Sportarten anzubieten, ist die Resonanz sehr gut. Nach bislang drei Veranstaltungen kann ich festhalten, dass das ein vielversprechender Weg ist, um Talente zu gewinnen. Ich werde mein Netzwerk künftig noch enger stricken und möchte noch mehr Partner dazugewinnen.

Gab es böse oder schöne Überraschungen?

Lina: Negative Überraschungen gab es nicht. Ich bin hartnäckig, wenn zum Beispiel das Feedback von Schulen ausblieb. Dort habe ich dann so lange angerufen, bis ich die zuständige Person am Telefon hatte. Das Engagement von UniSport Köln hat mich positiv überrascht. Im November werden wir gemeinsam einen Workshop für Studenten zum Thema Sitzvolleyball anbieten.

Wie schwierig ist es Talente im Behindertensport zu entdecken?

Lina: Ein Talent kann sich in einem Verein verbergen, der keinen Behindertensport anbietet. Das Kind ist dort vielleicht in einer Regelsportgruppe integriert. Davon etwas zu erfahren, ist schwierig für mich, wenn der Verein – zum Beispiel über seine Internetseite – nicht offensichtlich darstellt, dass er auch im Behindertensport tätig ist. Es wäre wünschenswert, dass sich viele Vereine mit Selbstverständlichkeit diesem Thema widmen. Für meine aktuelle Tätigkeit als Talentscout ist dies eine kleine Hürde, welche zu nehmen ist. .

Aber Du hast bereits junge Talente gefunden und vermittelt.

Lina: Ja. Ich würde aber einem Kind, das Potenzial hat, jedoch nie empfehlen, eine Gruppe zu verlassen, in der es sich wohlfühlt. Ich informiere die Eltern und die Sportler auch über den möglichen parallelen Weg in Richtung Leistungssport. Dabei empfehle ich dann immer Vereine mit einer eigenen Parasportabteilung. Das ist immer situationsabhängig. In den Gesprächen mit den Eltern sind Fingerspitzengefühl und Empathie gefragt. Die Eltern trauen ihren Kindern oft zu wenig zu und sind übervorsichtig.

Was hast Du 2019 noch vor, was 2020?

Lina: Bis Ende des Jahres wird es weitere Schnuppertage geben – auf jeden Fall im Para-Tischtennis und im Para-Schwimmen. Mit einer Kinder-Rehaklinik in Hattingen veranstalten wir einen Sportaktionstag, wo unter anderem Rollstuhlsport und Tischtennis aufgegriffen werden. 2020 möchte ich das Konzept der Schnuppertage ausbauen, vermehrt die Sportarten Para-Kanu und Para-Rudern einbinden. Der erste Schnuppertag für Para-Rudern am Fühlinger See war eine wirklich schöne Veranstaltung. Es hat mich sehr gefreut, dass jeder Teilnehmer mindestens einmal im Boot saß. Beim Tischtennis in Düsseldorf bekamen alle die Chance einmal gegen einen Athleten zu spielen. Jeder konnte miterleben wie Spitzenathleten wie Sandra Mikolaschek trainieren. Zu unseren Schnuppertagen kann man auch gerne spontan vorbeikommen.

Welche Rolle spielt die Sportstiftung NRW für Deine Arbeit?

Lina: Ich bin dankbar, dass die Sportstiftung das Pilotprojekt Talentscout unterstützt und das Potenzial im Parasport erkannt hat. Ich bekomme die nötigen kreativen Freiräume und kann viele Ideen umsetzen. Das schätze ich auch an meinem Arbeitgeber dem Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW. Meine Arbeit als Talentscout macht mir großen Spaß. Nach den rund 150 Tagen ist mir bewusst geworden: „NRW hat im Bereich Behindertensport definitiv Potenzial.“ Ich hoffe, dass andere Landesverbände nachziehen und ein noch größeres Netzwerk entsteht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Talentscout Lina Neumair beim Behinderten- und Rehabilitationssportverband Nordrhein-Westfalen e.V.
0203 717470
0160 97264102
neumair(at)brsnw.de
www.brsnw.de

Presseartikel:

BILD Zeitung "Sie findet Talent, wo andere Handicap sehen" (19.8.19)
WELT am Sonntag "46 Prozent der Menschen mit Behinderung geben an, nie Sport zu treiben" (30.7.19)
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