Die aktuelle Story

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Jahre in Sekunden verwandeln

An Sarah Voss ist derzeit kein Vorbeikommen. Die Turnerin wurde zur Nachwuchssportlerin des Jahres 2019 in NRW gewählt und ist dreifache Deutsche Meisterin. Mindestens bis zu den Olympischen Spielen will sie das sportliche "Überholverbot" mit Top-Leistungen aufrechterhalten.

Auf dem Schwebebalken und am Sprung gilt Sarah Voss als besonders begabt. Für Tokio gilt: DTB-Kaderturnerinnen sollten auch mehrkampffähig sein.

Der Grat ist abenteuerlich schmal. Selbst die Mittelstreifen auf der Autobahn sind breiter. Schlenker werden nicht toleriert. Ein Überholmanöver ist folglich höchst unwahrscheinlich. Sarah Voss ist es dennoch passiert. Mehrmals. Sie kam von der Spur ab, stürzte und sah ihre Konkurrentinnen vorbeiziehen. Der Schwebebalken ist gnadenlos. So wie die Uhr. 90 Sekunden ticken für die Turnerin runter. Es sind eineinhalb Minuten Kür, „die über eine Karriere entscheiden können“, erklärt Sarah.

Die 20-Jährige ist leidgeprüft. Kleine Defizite kosteten ihr den Platz im Olympiakader für Rio. Sie erfuhr es zwei Tage vor Abflug. Die Koffer waren schon gepackt. Ihre bittere Enttäuschung münzte sie jedoch um in Kampfgeist. Vier Jahre danach soll alles anders laufen für die amtierende Deutsche Mehrkampfmeisterin und FELIX-Newcomerin 2019: „An mir soll keiner mehr vorbeikommen.“ Nicht auf dem Balken, nicht am Sprung – ihren Paradedisziplinen. Bundestrainerin Ulla Koch darf sich angesprochen fühlen.

Zum Video: Doppelte Überraschung für Sarah Voss bei der FELIX Verleihung 2019.

 

Heimspiel bei den "Finals Rhein-Ruhr"

Ab dem 26. Juli 2020 will sich Sarah mit der Weltelite im Ariake Gymnastic Center von Tokio messen. Am 6. und 7. Juni beginnt der interne Qualifikationsprozess für die Turnerinnen des DTB mit den Deutschen Meisterschaften im Rahmen der „Finals Rhein-Ruhr“ in Oberhausen.

Es wird kribbeln. Mindestens für je 90 Sekunden am Stufenbarren, Sprung, Boden und Balken. „Ordentlich Puls“ hatte Sarah bereits bei der Pressekonferenz mit Ministerpräsident Armin Laschet und dem großen Medienrummel. Hinzukommen wird der Lokaleffekt. Menschen werden in der König-Pilsener Arena Sarahs Namen schreien, so wie bei der WM in Stuttgart im vergangenen Herbst, als die Abiturientin in die „Top Ten“ der Welt vorstieß. „Der Jubel war fast so laut wie für US-Turnstar Simone Biles“, erinnert sich Sarah. Zudem: „Man spürt die Nähe zum Publikum viel mehr, wenn Familie und Freunde da sind.“ Oberhausen wird noch mehr Heimspiel für die Dormagenerin als es Stuttgart war. „Meine drei Deutschen Meistertitel in meiner Heimat zu verteidigen, wird eine schöne, aber auch große Herausforderung und eine tolle Erfahrung“, sagt sie.

Abschied von 'Kamikaze'

Nur vier Turnerinnen bilden das Turn-Team Deutschland bei den Olympischen Spielen. Sarah ist optimistisch, dass die Bundestrainerin sie anrufen und nominieren wird. An ihren Defiziten hat sie hart gearbeitet, auch mit einem Mentaltrainer. „Früher war ich der Typ ‚Kamikaze‘. Im Training Weltmeisterin, aber im Wettkampf zu hibbelig“, sagt sie. „Speziell am Balken hatte ich oft zu viel Energie.“ Bei der EM 2018 fiel sie dreimal herunter. Um der Aufregung Herr zu werden, half Stress. Regelmäßig forderten ihre Trainer, Shanna Poljakova und Pia Tolle und Yevgeniy Shalin, die Kür ein, als Sarah ihr Training eigentlich bereits beendet hatte. Einturnen war verboten. „Man musste in diesem einen Versuch die antrainierte Routine abspulen“, erklärt Sarah.

Irgendwann sei der Zeitpunkt gekommen, meint Sarah, an dem sie die Grundlagen ihrer Kür im Schlaf beherrschte. Bei den Deutschen Meisterschaften folgte der Beweis unter Zeugen. „Ich fühlte mich wohl, war auf mich konzentriert und nicht zu verkopft.“ Drei Titelgewinne waren trotzdem völlig überraschend. Nur Oksana Tschussowitina hatte es kommen sehen. Die sechsfache Olympiateilnehmerin hatte das Abschlusstraining der 24 Jahre jüngeren, „echt fitten“ Sarah beobachtet und rief sie prompt als kommende fünffache Meisterin aus. Diese Lobpreisung der Turnveteranin heißt etwas, kapierte Sarah, holte Platz 1 in ihrer Paradedisziplin Sprung, auf dem Schwebebalken und schließlich im Mehrkampf. Und doch musste sich am Ende rechtfertigen. „Ich hatte doch fünf gesagt!“, gratulierte Oksana, gefolgt von einem Zwinker-Smiley.

Kindheitsträume werden wahr

Freies Rad Spreiz, Abgang mit dreifach Schraube. Am Balken möchte Sarah ihr Repertoire aufstocken, höhere Schwierigkeitsgrade präsentieren, möglichst bis Tokio. „Körper und Kopf wollen momentan noch nicht zu 100 Prozent“. Einen Motivationsschub im Training gibt da die Einladung zum America‘s Cup, dem Gerätturn-Weltcup in Milwaukee Anfang März. „Ein Kindheitstraum wird wahr. Alle großen Idole – Nastia Liukin, Shaw Johnson, Simone Biles – sind aus diesem Wettkampf entsprungen. Das ist eine riesengroße Ehre für mich“, schwärmt Sarah.

Biles hat bereits vier Turnelemente erfunden, die nach der US-Amerikanerin benannt sind. Am bekannteste ist der gehockte Doppelsalto rückwärts mit Dreifachschraube aus ihrer Bodenkür. Albern, findet Sarah die Vorstellung, einen „Voss“ zu kreieren: „Jede Turnerin hat unterschiedliche Voraussetzungen. Die eine turnt besonders elegant, die andere ist sehr dynamisch oder beweglich.“ Sarah ist groß. Mit 1,67 m ist sie die Größte im aktuellen Frauenturnteam Deutschland. „Ich habe erkannt, was für mich machbar ist. Ein eigenes Element rückt da in weiter Ferne.“

15 Jahre gereift

Sarahs Turnkarriere nahm im Alter von fünf Jahren Fahrt auf. Am Leistungszentrum Wetzlar kreuzte sich ihr Weg zum ersten Mal mit Fabian Hambüchen. Jahre später trafen sich beide am TZ DSHS in Köln wieder. Sarah verfolgte wie Hambüchen Olympiasieger wurde (2016, Reck). „Ich schätze Fabian sehr, weil er nahbar geblieben ist und gerne seine Erfahrungen teilt“, sagt die gebürtige Frankfurterin, die inzwischen selbst über 15 Jahre auf internationaler Wettkampfbühne gereift ist.

Neben 25 bis 30 Stunden Leistungssport pro Woche absolvierte Sarah ein Einser-Abitur am Norbert Gymnasium Knechtsteden in Dormagen, inzwischen studiert sie an einer Fernuni BWL- & Management. „Wir haben das Training um die schulische Ausbildung herumgebastelt “, erklärt Sarah. In den USA sei es umgekehrt und mit zwei Stunden online home learning pro Tag getan. Ausschlaggebender sei jedoch: „Die US-Turnerinnen haben nach Olympia ausgesorgt. Für uns ist das nicht vorstellbar.“

Jahrelanger Fleiß für wenige Sekunden

Eine neue Bodenchoreographie kostet etwa 500 Euro aus eigener Tasche. Schnell vierstellig sind die Beträge für Akrobatik- und Sprungschulungen. Im Frühjahr soll der lange herbeigesehnte neue Stufenbarren in die Trainingshalle an der DSHS einziehen. Er ist weicher, schonender und mit seinen Eigenschaften näher am Wettkampfgerät in Tokio. Realisiert werden kann dies alles nur mit Förderpartnern – wie der Volker Staufert Stiftung, dem Rheinischen Turnerbund und der Sportstiftung NRW. Die Stiftungen sorgen für den dringend nötigen Finanzzuschuss im "Draufzahlgeschäft" Leistungssport; die Sportstiftung speziell in der Nachwuchsarbeit.

Den Trainingsfleiß kann jedoch kein Geld der Welt ersetzen. Hunderte Stunden harter Arbeit werden vergehen, bis der Traum von den Olympischen Spielen Realität wird und 12.000 Menschen in Tokio Sarahs Kür bejubeln können. Dann ticken wieder Sekunden, die über eine große Karriere entscheiden könnten.

Die zweite interne Qualifikation für die Olympischen Spiele findet am 20. Juni statt. Nach der Vorbereitung in Frankfurt wird das Olympiateam am 9. Juli nach Japan abreisen. Die Wettkämpfe der Damen beginnen am 26. Juli und enden mit einer großen Gala am 5. August.

Zoe fragt Sarah - FELIX-Newcomer unter sich

Sie wurden beide als beste Nachwuchssportlerinnen des Jahres mit FELIX Award ausgezeichnet. Die aktuelle Preisträgerin Sarah Voss, 20, beerbte im Dezember 2019 Zoe Jakob, 19 (Kanu, Stabhochsprung).

Zoe: Hat sich Dein Bekanntheitsgrad seit dem FELIX verändert?

Sarah: Es gab viele Glückwünsche und viel positives Feedback. Der FELIX Newcomerpreis wird schon als Errungenschaft wahrgenommen. Er hat einen guten Ruf. Ich werde ab und zu noch darauf angesprochen. Leute sagen mir dann oft, dass sie für mich abgestimmt haben. Ich selbst habe meine Stimme für die Moderne Fünfkämpferin Mira Pazic abgegeben, die mit mir nominiert war.

Zoe: Bist Du jetzt noch motivierter beim Training?

Sarah: Die Auszeichnung gab mir schon einen Energie-Boost. Ich will mein Potenzial ausschöpfen. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele bin ich aber ohnehin in jedem Training motiviert.

Zoe: Welche Ziele hast Du Dir in 2020 und darüber hinaus gesetzt?

Sarah: Das erste Etappenziel ist die Weltcupserie. Im März bin ich zum ersten Mal zum America‘s Cup eingeladen – ein Kindheitstraum wird wahr. Beim Weltcup im April habe ich die Gelegenheit, Tokio-Luft zu schnuppern und das olympische Dorf zu besuchen. Dann kommt die Europameisterschaft in Paris, wo ich das Finale im Mehrkampf und am Balken erreichen möchte. 2022 findet die EM in München statt, bei der ich auch dabei sein will. Es können nicht viele Turnerinnen von sich behaupten, dass Sie eine Heim-WM und Heim-EM geturnt haben. Auch die Olympischen Spiele in Paris 2024 habe ich als Ziel.