Die aktuelle Story

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Frühstück mit Nepal

Dreiradfahren lernen Kinder mit drei Jahren. Hans-Peter war Mitte 30. Aber er machte aus der Not und Tugend und wurde auf drei Rädern erfolgreicher als alle anderen. Heute ist der Altersathlet über 60. Nach den Paralympics in Tokio 2021 will er seine Karriere ausrollen lassen. 

Das Training für Paracycler Hans-Peter Durst findet in Corona-Zeiten auf "Balkonien" statt. Die Entfernung zu den Paralympics hat sich nicht verändert.

2017 wird Durst zum dritten Mal infolge Weltmeister im Straßenrennen. Er ist ältester deutscher Teilnehmer der Paralympics in Rio und gewinnt zweimal Gold.

Kühe sind ein undankbares Publikum. Sie nehmen nur beiläufig Notiz vom Geschehen jenseits ihres Weidezauns und ihre Hinterlassenschaften sind ein Ärgernis. Hans-Peter hatte Mühe, entlang der „Ackerrunde“ die Ideallinie zu halten. Sein neues Gefährt war breitspuriger, das Umkurven der Kuhfladen ungewohnt anspruchsvoll. Nach links fahren bedeutete nach rechts lehnen und umgekehrt. Kaum jemand am Streckenrand – weder Kuh noch Mensch – hätte wohl zur Kenntnis genommen, falls er im Graben gelandet wäre. Hans-Peter Durst war 37, als er Dreiradfahren lernte.

Golden Oldie in der Offensive

20 Jahre später, Rio den Janeiro. Die langen weißen Strände von Grumari auf der sonnenverwöhnten Halbinsel Pontal sind eine Traumkulisse für Hans-Peters Doppel-Gold-Fahrt. Der Methusalem hat zugeschlagen. Der Dortmunder Durst ist der älteste deutsche Teilnehmer bei den Paralympics 2016. Trotzdem gewinnt er das Einzelzeitfahren und das Straßenrennen in der Paracycling-Kategorie T. „Ich hatte jeden Meter im Kopf“, sagt der 61-Jährige. „In Rio steckten vier Jahre geplant Vorbereitung.“ Er ist der erfolgreichste Einzelsportler von Team Deutschland. „Alter spielt keine Rolle“, sagt Durst.

Das Alter spielt sehr wohl eine Rolle, sagt die Mutter der Porzellankiste. Hans-Peter Durst beschreibt sich als Fahrer mit einem eher defensiven Stil. Aber im März geht er in die Offensive. Er entscheidet sich gegen eine Teilnahme an seinen dritten Paralympischen Spiele – „aus Verantwortung, Überzeugung und Solidarität“. Nicht leugnen kann der Ü60er, dass er gesundheitlich vorbelastet ist und somit zur Corona-Risikogruppe gehört. Vier Tage nach Dursts Verzichtsentschluss werden die Spiele in Tokio offiziell ins Jahr 2021 verschoben. Ein großer Stein fällt ihm vom Herzen. Hans-Peter wird ein letzter paralympischer Moment geschenkt, ehe seine aktive Zeit im Leistungssport abläuft.

Dreirad auf Rezept

Unmittelbar vor seinem 35. Geburtstag erlitt Durst bei einem Verkehrsunfall auf der A44 ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Der Familienvater lag mehrere Wochen im Koma. Er verlor den Gleichgewichtssinn, weshalb sein Sportgerät heute nahezu kippsichere drei Räder besitzt. Beim Gehen benötigt er Hilfsmittel, Autofahren ist tabu.

Sein Arzt verschreibt ihm 1999 ein Reha-Dreirad, zur „familiären Wiedereingliederung“, wie er sagt. Hans-Peter hat zunächst andere Sorgen: „Hoffentlich sehen mich die Nachbarn damit nicht.“ Mit seiner Frau unternimmt er die ersten Fahrversuche auf dem Ruhrtalradweg. Der führt ziemlich geradeaus. „Der Anfang war frustrierend“, erinnert sich der gebürtige Allgäuer. Kurven erfordern ein Umdenken: Durch Gewichtsverlagerung nach rechts biegt das Dreirad nach links ab. Als Zweiradfahrer legt man sich in die Kurve; als Dreiradler gerade nicht. „Das muss zu schaffen sein“, denkt sich Hans-Peter. Ehrgeiz habe er schon immer gehabt.

Er gewinnt Sicherheit, aber konstatiert: „Es sah noch nicht nach Sport aus.“ Egal, Hans-Peter treiben ohnehin andere Gedanken um. Der Diplom-Betriebswirt will zurück ins Berufsleben, in die Brauereibranche, was ihm aber aufgrund der Unfallfolgen nicht gelingt. Bei einer Touristikfahrt mit dem Reha-Drahtesel wird der Deutsche Behindertensportverband (DBS) auf ihn aufmerksam und lädt ihn kurzerhand ins Trainingslager nach Freiburg ein. Dort stellte Hans-Peter überrascht fest: Die wesentlich jüngeren Athleten fahren nicht viel besser als ich.

Der Sport schenkt mehr als nur Teilhabe

Hans-Peter trainiert. Dann gewinnt er die „Ackerrunde“ mit den Kuhfladen in Holzkirchen. Zumindest denkt er das bei der Zieleinfahrt. Tatsächlich ist eine Fahrerin mit paralympischer Vita schneller, begünstigt durch ihren Zeitfaktor. Sie kitzelt seinen Ehrgeiz. Der DBS ermutigt ihn, in diesem Sport mehr zu erreichen. Also tritt er bei der Deutschen Meisterschaft an und bestreitet seinen ersten Weltcup im spanischen Bilbao. Erst danach sattelt Hans-Peter auf ein sechs Kilo leichteres Sportdreirad aus Edelstahl um. „Jetzt konnte ich nicht mehr loslassen“, erzählt er. Sein Reha-Rad hängt zur Erinnerung an der Kellerwand, voll verzinkt, damit es nicht rostet. Alte Liebe eben. Dursts Gold-Gefährt von Rio ist dagegen Hightech im Wert von über 17.000 Euro.

Hans-Peter fährt bei insgesamt sechs Weltmeisterschaften mit. Er gewinnt die Silbermedaille bei den Paraylmpics in London 2012. Rio wird der vorläufige Höhepunkt. Dafür habe er wie Profi gelebt und trainiert, sagt Hans-Peter. Es geht ihm nicht nur um Siege. Er genießt das Flair im paralympischen Dorf. Er sucht Kontakt zu Athleten aus fernen Nationen, frühstückt mit dem gesamten Team Nepal – einer Schwimmerin, ihrem Trainer und dem Übersetzer. „Ich habe durch den Sport so viele schöne Dinge erlebt“, sagt er. Seine Erfolgsbilanz zwischen 2011 und 2019: neunmal Gold auf drei Rädern, dazu drei Triumphe beim UCI Gesamtweltcup.

Herzenssachen und müde Muskeln

Wer den Golden-Oldie aus Westfalen überholen will, sollte es links versuchen. Durch seinen Unfall büßte Durst Teile seines Sehfelds ein, wodurch er heransprintende Angreifer auf der linken Flanke erst wahrnimmt, wenn die bereits 15 Meter Vorsprung haben.

Die Konkurrenz in der Dreiradklasse sei insgesamt dramatisch gewachsen, hält er fest. 2021 in Fernost erhebt er deshalb keinen Anspruch auf einen erneuten Doppelsieg. Auch die Ausgangslage durch die Corona-Pandemie sei einfach anders, weniger strukturiert, erklärt er. Durst rechnet damit, dass in der wirtschaftlichen Krise kaum Veranstalter übrig bleiben, die Wettkämpfe stemmen und ausrichten können.

Das ist schlecht fürs Training, aber gut für eine andere Herzensangelegenheit. Seine eingesparten Startgebühren und Reisekosten hat Hans-Peter bereits für hilfsbedürftige Menschen gespendet, etwa an die ökumenische Wohnungslose-Initiative "Gast-Haus statt Bank" in seiner „gelebten“ Heimatstadt Dortmund. 2016 wurde Durst von der Landesregierung ins Kuratorium der Sportstiftung NRW berufen, er vertritt die Interessen des Parasports.

Sportlich schreibt er sich trotzdem nicht ab. Er hat seinen Balkon zum Homeoffice umfunktioniert, wo er täglich vier bis sechs Stunden „auf die Rolle“ geht und Kilometer schindet. In einem Straßenrennen könne immer alles passieren, prophezeit der erfahrene Athlet. Das gilt natürlich auch für den Automobil Circuit in Tokio. „Wenn die Muskeln im Alter müde werden, muss man vieles mit Hirn machen“, sagt Hans-Peter Durst. Sein Ehrgeiz lässt noch nicht locker.