Die aktuelle Story

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Flo fährt fremd - Paddeln statt Piste

Freestyle-Skier Florian Preuß und Ruderer Marc Leske haben sich vor drei Jahren beim Captains Day der Sportstiftung NRW kennengelernt. Beide wollten mit Hilfe der Sportlerbörse ihre Duale Karriere in Leistungssport und Beruf anschieben. Womit sie nicht rechneten: Ihre Begegnung war der Beginn einer noch ganz anderen „Dualen Karriere“ im Sport.

Marc und Flo waren einander direkt sympathisch. Sie trafen sich zum gemeinsamen Kochen und besuchten ein Konzert von Sido, sobald es ihr voller Trainings- und Wettkampfplan erlaubte. In diesem Sommer kam, was kommen musste. Der Ruderer nahm den Ski-Akrobat mit aufs Wasser.

Premiere im Kanal: Florian Preuß (vorne) ist eigentlich auf der Skipiste Zu Hause. Kumpel Marc Leske nahm ihn mit zum Rudern.

Flo, gefrorenes Wasser ist Dir eigentlich lieber. Wie kamst Du in Marcs Element zurecht?

Flo: Eigentlich verbindet das Balancehalten unsere beiden Sportarten. Zu zweit im Boot war es für meinen Geschmack aber schon sehr kippelig. Wenn Marc nicht so ein erfahrener Ruderer wäre, wären wir sicherlich gekentert.

Marc: Ich habe darauf gehofft, dass Flo ein gutes Gleichgewichtsgefühl mitbringt. Die Balance ist beim ersten Mal im Boot das Schwierigste. Ich habe sofort gemerkt, dass er das kann. Das Rudern war anfangs sehr hakelig. Als Bewegungskünstler hatte Flo den Dreh erstaunlich schnell raus und wir fanden unseren Rhythmus.

Flo: Die Riemen sind ja auch ziemlich lang. Ich musste aufpassen, dass ich keine Luftschläge mache oder irgendwo hängenbleibe. Marc hat mir eingebläut, auf keinen Fall die Ruder loszulassen. Dann wären wir tatsächlich zum Sinken verurteilt gewesen.

Marc: Wir hatten vorsichtshalber Wechselklamotten dabei. Man konnte es einigermaßen als Rudern bezeichnen, was wir gemacht haben (lacht).

Wie anstrengend waren die fremden Bewegungsabläufe für Dich, Flo?

Flo: Wir haben in einer Stunde etwa zehn Kilometer geschafft. Zu Beginn war ich sehr damit beschäftigt, meine Ruderschläge zu koordinieren und gleichmäßig zu ziehen. Ich musste auf so vieles achten, was bei Marc automatisiert abläuft. Danach war ich fix und fertig im Kopf. Das war eine geistige Höchstleistung. Für eine Blase an den Händen hat es auch gereicht. Marc meint, das gehört dazu, und ich hätte noch Potenzial nach oben.

"Ich war fix und fertig im Kopf!"

Marc: Flo saß noch ein bisschen verkrampft im Boot, die Arme waren nicht locker. Aber er durfte am Ende zu Recht stolz auf sich sein.

Was könnt ihr Euch von der Sportart des anderen abgucken?

Flo: Die Trainingsmentalität am Ruderstützpunkt in Dortmund fand ich sehr motivierend. Da sind so viele Athleten zusammen, die sich gegenseitig helfen die Boote aufzubauen. Jeder gibt Tipps, mit welchem Partner man das Optimum rausholen kann. Im Sommer, wenn ich selten auf der Skipiste bin, vermisse ich das ein bisschen. Da mache ich dann viel Krafttraining, fahre Rad oder spiele Tennis, um die Beine schnell zu machen. Skifahren macht die Muskeln ja eher langsam.

Marc: Bei Florians Sport kommt es auf Körperspannung und - vielleicht noch mehr als bei mir - auf saubere Bewegungen an. Dass er sich über Jahre alleine so konsequent und diszipliniert auf die Wettkämpfe vorbereitet, ist stark. Dafür sind Freiheitsgefühl und Fun Factor auf der Piste größer als beim Rudern. Ich bin zwar nie alleine im Kraftraum, habe dafür aber weniger Freiheiten im Training. Ich muss einfach eine bestimmte Kilometerzahl abspulen.

"Wenige Leute können einschätzen, was notwendig ist, um so weit zu kommen wie Flo."

Flo: Mit Marcs Trainingsaufwand möchte ich nicht tauschen. Sein Training ist auf Kraftausdauer ausgelegt – für mich ein bisschen eintönig.

Marc: Ich denke, wenige Leute können einschätzen, was notwendig ist, um so weit zu kommen wie Flo. Skifahren gilt vielen als Freizeitbeschäftigung. Viele wissen auch nicht, dass Freestyle olympisch ist. Dorthin zu kommen, dahinter steckt extrem hartes Training – das gilt für alle olympischen Sportarten. Was Flo zudem in die Nachbereitung und die Regeneration investiert ist der Wahnsinn.

Wer hat es mit seinem Sport in der Öffentlichkeit leichter?

Flo: Der gesamte Ruderverbandwird vom Deutschlandachter gezogen. Das macht schon neidisch, ist aber total verdient.

Marc: Der Achter steht im Vordergrund, doch kaum jemand kennt die einzelnen Athleten – vielleicht mit Ausnahme von Oliver Zeidler im Einer. Als Freestyle-Skier fällst du medial mit deinem Namen auf.

Flo: Wir produzieren die spektakuläreren, medienwirksameren Bilder. Auf Social Media sind wir damit im Vorteil. Unsere Infrastruktur beim Freestyle-Ski ist jedoch noch jung und die Szene klein. In Deutschland kenne ich fast jeden Freestyler ab 15 Jahren persönlich. Wir vermarkten uns individuell. Jeder ist selbst verantwortlich für seine Sponsoren. Ich stehe ganz gut da und beschwere mich nicht.

Marc: Um bestimmte Boote rankt ein Mythos, okay. Mir fehlt der persönliche Hype aber nicht.

Welche Rolle spielt die Sportstiftung NRW in Eurer Karriere?

Flo: Die Sportstiftung ist für mich ein ganz entscheidender Teil. Das Konzept der Zwillingskarriere hat mir unglaublich geholfen. Ich habe es meinem heutigen Arbeitgeber vorgestellt und es wurde adaptiert übernommen. Im Sommer arbeite ich dadurch momentan 30 Stunden pro Woche, in der Wintersaison nur zehn und im Homeoffice. Ich bin sehr zufrieden.

"Das Konzept der Zwillingskarriere hat mir unglaublich geholfen."

Marc: Es kann gut sein, dass ich beim Captains Day (Anmerk. d. Red.: 24. Januar 2020, Messe boot, Düsseldorf) wieder dabei bin, um mir ein Fachpraktikum zu organisieren. Die persönlichen Gespräche vor Ort erleichtern das sehr. Die Unternehmen beim Captains Day wissen, dass ich als Leistungssportler ihr Entgegenkommen benötige, um neben der Arbeit mein Trainingspensum zu schaffen. Auch die Basisförderung der Sportstiftung war während der vergangenen zwei Jahre als Konstante extrem relevant für mich. Die Förderung durch unseren Ruder-Hauptsponsor Wilo ist erfolgsbasiert. Man sammelt Punkte je nach Platzierung bei den Wettkämpfen. Fährst du zum Beispiel nur als Ersatzmann mit, gibt es keine Punkte.

"Als Konstante war die Basisförderung der Sportstiftung war extrem relevant für mich."

Was steht künftig sportlich bei Euch an?

Flo: Mein Fokus liegt darauf, im Training viele neue Tricks zu lernen für die WM 2021. Mein Sport entwickelt sich rasend schnell weiter und es reicht nicht vorhandene Fähigkeiten zu perfektionieren. Außerdem habe ich über die letzten sieben Jahre im World Cup extrem viel Erfahrung aufgebaut. Ich sehe mich in der Verantwortung, die Erfahrung an junge Athleten in unserem Team weiterzugeben, um ihnen eine schnelle und erfolgreiche Entwicklung zu ermöglichen. Ich habe mir vieles selbst erarbeiten müssen. Jetzt habe ich die Chance Vorbild sein und den Jungen wertvolle Tipps zu geben.

"Ich sehe mich in der Verantwortung, meine Erfahrung an junge Athleten weiterzugeben."

Marc: Bei uns müssen sich zwei Boote für Tokio 2020 nachqualifizieren – der Vierer und der Zweier. Das ist eine riesige Aufgabe. Ich erhoffe mir Chancen für den Vierer ausgewählt zu werden. Das ist mein Wunschziel. 2021 will ich einen Platz im Deutschlandachter angreifen und möglichst bis Paris 2024 weitermachen.

Demnächst wollt ihr den Spieß umdrehen, gemeinsam Skifahren und Eure sportliche „Duale Karriere“ rundmachen.

Flo (grinst): Ich werde mir für Marc ein paar schöne Sachen ausdenken. Rückwärtsfahren auf einer etwas steileren Piste ist, glaube ich, schon anspruchsvoll genug. Wir wollen uns ja nicht gegenseitig kaputt machen.

Marc: Rückwärtsfahren kann ich sogar schon. Ich werde mich allerdings weigern Saltos und Drehungen zu machen - dafür fehlt mir der Mut (lacht). Dass ich mit Flo eine Art Trainer auf internationalem Top-Niveau habe, ist doch der größte Anreiz, eine neue Sportart auszuprobieren. Ich finde es spannend zu verfolgen, was die anderen geförderten Athleten der Sportstiftung NRW machen. Sportverrückt sind sie alle. Auf einmal schaust du dann Fernsehen oder in Social Media und kennst die Leute. Wie cool.

Florian Preuß (27) stammt aus Sprockhövel und wagte sich als Teenager an die Freestyle-Skidisziplin Slopestyle heran, als die Sportart noch nicht olympisch war (seit 2014).Heute ist er der erfolgreichste Deutsche. Bei der Weltmeisterschaft in Park City 2019 belegte er mit persönlicher Bestleitung den 14. Platz. Neben dem Sport schloss Flo ein Maschinenbaustudium an der Ruhr-Uni Bochum mit dem Master ab.

Marc Leske (23) aus Moers gehört seit mehreren Jahren zur Stammmannschaft der deutschen Männer-Riemen. Aktuell rudert er im Zweier und belegte bei den Europameisterschaften in Luzern den 10. Platz. Mit zwölf Jahren stieg er zum ersten Mal ins Boot. Marc trainiert am Olympiastützpunkt in Dortmund studiert an der TU Maschinenbau.