Die aktuelle Story

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Die aktuelle Story: Victoria, die Stabhochspringerin

Rückschläge? Konnten Victoria von Eynatten noch nie wirklich beeindrucken. Oder sie gar von ihren Zielen abbringen. Als Stabhochspringerin will die 27-Jährige trotz diverser Verletzungen immer hoch hinaus. Doch das reicht ihr nicht. Abseits der Sporthalle treibt sie ihre berufliche Laufbahn voran. Die Zwillingskarriere in einer Kölner Marketing-Agentur scheint ein Gewinn für beide Seiten, was als Praktikum begann, ist längst etwas Dauerhaftes. Getreu dem Lied der Berliner Band Wir sind Helden: „Gekommen, um zu bleiben“.

Foto: Andreas Hörnig

Doppelt hält besser: An ihrem Schreibtisch bei der Agentur Heimspiele arbeitet Victoria an zwei Bildschirmen parallel - bei Online-Tätigkeiten absolut üblich.

Aufschlag Victoria: Die Stabhochspringerin macht auch an der Tischtennisplatte eine gute Figur.

Volle Konzentration: Victoria beim Anlauf - vielleicht auf eine neue Bestleistung? Foto: Kilian Kreb

Abwechslung muss auch mal sein: Die Pausen füllen die Heimspieler gern mit einer Partie Mini-Tischtennis. Victoria misst sich hier mit Geschäftsführer Dirk Anton.

Wie nah Glück und Pech im Leistungssport beieinanderliegen können, weiß Victoria von Eynatten ganz genau. Es war der 1. Februar 2015, als die talentierte Stabhochspringerin bei den Westdeutschen Hallenmeisterschaften in der Dortmunder Helmut-Körnig-Halle 4,51 Meter meisterte. Doch die Freude über die persönliche Bestleistung und den Titelgewinn währte nicht lang. Die ehrgeizige 24-Järhige witterte ihre Chance und ließ 4,61 Meter auflegen, die deutsche Jahresbestleistung bedeutet hätten. Ihr Trainer riet ihr aufzuhören, da die Athletin schon eine Weile über Schmerzen an der Achillessehe ihres linken Absprungbeins geklagt hatte. „Aber wer hört schon auf, wenn sich eine solche Chance bietet? Ich fühlte mich super, und da war ich ganz Sportlerin“, erinnert sie sich heute. Eine fatale Entscheidung.

Eine verbreitete Sportler-Folklore besagt, dass eine schmerzende Achillessehne nicht reißt. Offenbar wusste Victorias Sehne davon nichts, und im dritten Anlauf zur neuen Rekordhöhe knallte es – Saisonaus. „Ich wusste sofort, dass die Sehne gerissen ist. Die Probleme hatte ich schon länger, nachdem ich mir beim Kaderlehrgang ein Jahr zuvor den großen Zeh gebrochen hatte. Ich dachte eigentlich, es sei besser.“ War es aber nicht.

Dauerwohnsitz statt Kurzzeit-Tapetenwechsel

Neben der langwierigen Verletzung war auch der Zeitpunkt schmerzlich. Schließlich startete sie seit dem 1. Januar 2015, also gerade wenige Wochen, offiziell für ihren neuen Verein TSV Bayer Leverkusen. Zwar war sie schon Ende 2013 aus Sindelfingen in die Chemiestadt gezogen, nachdem ihre Leistung am Olympiastützpunkt in Stuttgart etwas stagniert hatte und sie sich von Stabhochsprung-Legende Leszek Klima neue Impulse erhoffte. „Als ich in Tübingen den Bachelor in Sportmanagement abgeschlossen hatte, wollte ich ein sechsmonatiges Praktikum in Köln machen und in dieser Zeit bei Leszek trainieren. Leverkusen ist schließlich die Stabhochsprung-Hochburg in Deutschland schlechthin“, sagt von Eynatten. Da seinerzeit die Wechselfrist vorbei war, klappte es mit dem neuen Klub erst zum Jahr 2015. So lange trainierte sie in Leverkusen, startete aber noch für Sindelfingen. Kein Problem, denn ihr Aufenthalt im Westen sollte länger währen, als gedacht.

Aus dem geplanten kurzeitigen Tapetenwechsel wurde ein dauerhafter Wohnortwechsel. „Es hat mir hier so gut gefallen, dass ich mich an der Deutschen Sporthochschule für einen Masterstudiengang beworben habe.“ Das hochprofessionelle Training in der nur fünf Fahrradminuten von ihrer Wohnung entfernten Fritz-Jacobi-Sportanlage passte gut mit ihren sportlichen Zielen zusammen. Denn Victoria, ganz Kämpfernatur, hatte sich längst durch die Reha gequält und die Olympischen Spiele in Rio 2016 fest im Visier. „Es lief ganz gut. Es dauert bei mir zwar immer etwas länger, bis Verletzungen ausgeheilt sind. Dafür komme ich aber recht schnell wieder in Form, auch dank meines Trainers, der sich immer wieder besondere Dinge einfallen lässt.“

Plan B gesucht, falls es mit der Karriere nicht mehr klappt

Doch eine weitere Verletzung, diesmal am Rücken, ließ diesen Olympiatraum platzen. „Das war schon sehr hart“, erinnert sich die Athletin, die sich spätestens nach diesem Rückschlag mit der Frage beschäftigen musste, was passiert, wenn es mit der Leistungssportskarriere einmal nicht mehr weitergeht. „Mir ist in dieser Zeit bewusst geworden, wie schnell der Sport vorbei sein kann. Als Stabhochspringerin könnte ich höchstens als Weltklasseathletin gutes Geld verdienen, also musste eine Absicherung her.“

Ans Aufhören dachte Victoria natürlich noch nicht, daher musste sie eine berufliche Perspektive finden, die sich mit dem Leistungssport vereinbaren lässt. Leistungssport heißt in Fakten: 14 Stunden Training pro Woche von montags bis samstags plus Physiotherapie und Rehabilitation. Und, so ganz nebenbei, war ja da auch noch der Masterstudiengang an der Sporthochschule. Wie sollte in diesen Zeitplan noch ein Job reinpassen?

Tatsächlich wurde eine Absage für sie zum Glücksfall. „Im Sommer 2016 wollte ich das Pflichtpraktikum im Rahmen des Studiums beim TSV Bayer 04 Leverkusen machen. Doch die hatten keinen Platz frei“, erinnert sich Victoria. So riet ihr Paul Heinz Wellmann, bis 2017 Chef-Kümmerer der Leichtathleten im Verein, Kontakt zur Kölner Marketing-Agentur Heimspiele aufzunehmen. Die, so wusste Wellmann, haben immer ein offenes Ohr für junge Leistungssportler. Einen Anruf und ein Gespräch später wurde man sich schnell über das Praktikum einig.

Die Sportlerin arbeitet von Beginn an eng mit Dirk Anton, einem der drei Heimspiele-Geschäftsführer, zusammen. „Der Fokus war auf ihre sportlichen Leistungen ausgerichtet und dass sie nach der Verletzung wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen konnte“, erklärt Anton. Dennoch sollte das Praktikum natürlich keine Beschäftigungstherapie sein, also galt es, sie sinnvoll einzubinden. „Unser Ziel war es, Victoria vor allem mit Themen rund um den Olympischen Sport zu betreuen. Das lag angesichts ihres Backgrounds als olympische Athletin nahe“, sagt Anton, der unter anderem die Vermarktung und Öffentlichkeitsarbeit des Olympiastützpunktes Rheinland in Köln federführend leitet. Also durfte sich Victoria unter anderem um die Nachwuchssportler des Perspektivteams am OSP Rheinland kümmern.

"Mir wurde klar, dass ich im Sportbereich arbeiten möchte"

Die Stabhochspringerin empfand das erste Reinschnuppern in den Arbeitsalltag einer Agentur als gewinnbringend: „Nach dem Pflichtpraktikum war mir klar, dass ich gern im Sport arbeiten möchte. Vor allem die enge Zusammenarbeit mit den Athleten hat mir sehr viel Spaß gemacht. Und bei Heimspiele kann ich die Bereiche Wirtschaft, Sport und Medien abdecken, was immer mein Wunsch war“, sagt Victoria.

Als das Praktikum endete, waren darüber beide Seiten nicht wirklich glücklich. Dirk Anton: „Wir hatten schon seit geraumer Zeit überlegt, unseren Ansatz bei Praktika für junge Sportler zu ändern. Denn immer wenn sie nach der Einarbeitungszeit eine wirkliche Unterstützung wurden, waren sie wieder weg – so wäre es auch bei Victoria gewesen.“ Zudem habe es zwischenmenschlich direkt gepasst, was gerade für ein Unternehmen wie Heimspiele mit seinem relativ kleinen Team sehr wichtig sei. Da eine Verlängerung des Praktikums nicht zur Debatte stand und Victoria angesichts des Leistungssports nicht Vollzeit arbeiten kann, musste eine Lösung her. Und die hieß Zwillingskarriere.

„Wir wollten Victoria gern einen Trainee-Platz anbieten. Allerdings war klar, dass wir sie maximal 16 Stunden pro Woche einsetzen können. Mit dem im Vergleich zur vollen Stelle reduzierten Verdienst hätte sie aber ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können“, skizziert Anton, der aber eine Idee im Hinterkopf hatte. „Ich kannte die Zwillingskarriere der Sportstiftung NRW bereits. Mit Unterstützung des OSP Rheinland und dessen damaligen Leiters Michael Scharf kam es zu einem Gespräch bei der Stiftung. „Wir waren schnell einig, dass wir Victoria helfen wollen, zumal wir von ihrer sportlichen Perspektive trotz der Verletzungen überzeugt sind“, sagt Jürgen Brüggemann, Geschäftsführer der Stiftung. Außerdem sei es attraktiv gewesen, erstmals eine Zwillingskarriere jenseits großer Unternehmensstrukturen ins Leben zu rufen.

Zwillingskarriere passt hervorragend zum Mittelstand

„Wir glauben, dass auch oder vielleicht sogar gerade der inhabergeführte Mittelstand viel Potenzial zur Unterstützung aktiver Leistungssportler hat“, sagt Brüggemann. Und so genehmigte der Vorstand der Sportstiftung NRW in seiner folgenden Sitzung den vom OSP eingereichten Antrag, der beinhaltete, Victorias Zwillingskarriere mittels einer Gehaltsaufstockung zu ermöglichen.

Seitdem ist Victoria von Eynatten aus dem Heimspieleteam kaum noch wegzudenken. Die Betreuung des rund 20-köpfigen OSP-Perspektivteams wird sie auf Sicht komplett übernehmen. Die Begrüßung neu aufgenommener Sportler, die Suche nach potenziellen Kandidaten, die Betreuung der Social-Media-Kanäle sowie das Verfassen von Artikeln für die Website gehören schon jetzt zu ihrem täglich‘ Brot.

Bei den jungen Sportlern kommt die Leichtathletin, die mit ihren 27 Jahren fast schon ein alter Hase ist, sehr gut an. „Dass ich selbst noch aktiv bin und viele Praxistipps zu Training, Yoga-Kursen oder Rehamaßnahmen geben kann, ist sicherlich hilfreich“, sagt Victoria, mit einem Glanz in den Augen, der einen gewissen Stolz erkennen lässt.

Die besagten 16 Arbeitsstunden verteilt sie auf montags bis donnerstags. Flexibel kann sie wählen, ob sie vor- oder nachmittags von Leverkusen nach Köln kommt. Und für die Frühschicht wurde eine 30-minütige Karenzzeit für den Dienstbeginn vereinbart – falls der Zug mal nicht kommt, was leider sehr häufig passiert. „Wichtig ist für uns nur, dass sie ihre Zeiten sowie Trainingslager und Urlaub verbindlich in den Dienstplan einträgt, damit wir sie entsprechend einplanen können“, sagt Dirk Anton. Verbindlichkeit, die auch die Sportlerin zu schätzen weiß.

„Es war wichtig für mich, nun zu wissen, dass ich einen Plan B habe. Gerade in den Verletzungsphasen habe ich eine Aufgabe, die mir hilft, nicht in ein Loch zu fallen. Als Nebeneffekt konnte ich die Zwangspause nutzen, um einen fünften Tag pro Woche zu arbeiten. So konnte ich Überstunden für Trainingslager sammeln“, sagt Victoria.

Verletzungspech ohne Ende

Dazu hatte sie zuletzt leider Gottes wieder Gelegenheit. 2017 ist sie im Training umgeknickt. Die Verletzung, die sie ursprünglich zu sechs bis zehn Wochen Pause zwingen sollte, entpuppte sich als kompliziert. Ein Knochenödem, ein sogenannter Bone Bruise, sowie möglicherweise eine nicht entdeckte Verletzung des Syndesmosebandes legten sie deutlich länger lahm. Erst, seitdem sie – größtenteils auf eigene Kosten – Bayern-München-Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt konsultierte und in Köln bei Harald Buck in osteopathischer Behandlung ist, gehe es spürbar bergauf. „Ich muss geduldig sein. Aber nun habe ich einen Plan und weiß genau, was ich zu tun habe.“ Und sie weiß, wofür sie es tut: Nach dem Rio-Aus 2016 will sie unbedingt zu den Spielen in Tokio 2020.

„Ich bin jetzt 27, da muss ich mir klare Ziele setzen“, sagt Victoria. Ob sie der Weg nach Japan über die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Katar führt, ist für sie nicht entscheidend. „Ich werde nicht den Fehler von Rio wiederholen, mich wieder zu sehr unter Druck zu setzen.“ Wegen der heißen Temperaturen findet die WM 2019 erst im Oktober statt, was ihr natürlich in die Karten spielt. Dass die Wettkämpfe obendrein an ihrem Geburtstag beginnen, könne ja nur ein gutes Omen sein, sagt sie und lacht dabei. Sportlich, so glaubt sie, sei die Teilnahme drin. „Nachdem dieses Jahr die EM in Berlin mit 4,45 Metern möglich gewesen wäre, müssen die WM und vor allem Tokio natürlich Ziele für mich sein.“ 4,50 beziehungsweise 4,55 Meter gilt es für die Qualifikationen zu springen. „Die Höhen traue ich mir zu, und ich habe ich nicht das Gefühl, unerreichbar weit zurückzuhängen.“

Ob ihr sportlicher Weg tatsächlich nach Katar oder gar Japan führt, wird sich zeigen – „dafür muss ich vor allem gesund bleiben und mein Potenzial ausschöpfen“, sagt die 27-Jährige. Sicher scheint aber, dass sie beruflich noch eine ganze Weile in Köln Station macht. „Wir haben schon darüber gesprochen, dass die Übernahme in Vollzeit nach dem Karriereende von beiden Seiten gewünscht ist“, sagt Dirk Anton lächelnd. Und Victoria lächelt kopfnickend zurück.

Zur Person: Victoria von Eynatten

Mit dem Bayer-Kreuz auf der Brust: Seit 2015 startet Victoria für den TSV Bayer 04.
Foto: Dirk Reps

Geborten: 6. Oktober 1991

Wohnort: Leverkusen

Familienstand: ledig

Größe: 1,76 Meter

Vereine: TSV Bayer 04 Leverkusen (seit 1. Januar 2015), zuvor VfL Sindelfingen

Trainer: Leszek Klima

Studium: Von 2010 und 2017: Bachelor Sportmanagement in Tübingen, Master in Sport, Medien und Kommunikationsforschung an der DSHS 

Disziplin: Stabhochsprung

Sportliche Erfolge: Bestleistung: 4,51 Meter, Halle, 2015, U20-Vizeweltmeisterin 2010

Hobbys: Tennis, Bouldern, Salsa

Zwillingskarriere: Bei  HEIMSPIELE GmbH & Co. KG, Brüsseler Straße 21, 50674 Köln