Die aktuelle Story

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Die aktuelle Story, Tom-Sengua, der Para-Sprinter

Fußballspielen? Durfte er aus gesundheitlichen Gründen nicht. Boxen? Damit musste er aus den gleichen Gründen aufhören. Rückschläge und schwere Entscheidungen kennzeichnen Tom-Sengua Malutedis sportliche Laufbahn. Aufgeben aber war nie eine Option für den 21-Jährigen, der in der paralympischen Leichtathletik eine neue sportliche Heimat gefunden hat. Und dort quasi aus dem Stand Weltmeister wurde.

Cooler Sunnyboy: Tom-Sengua Malutedi ganz locker im Trainingslager unter südlicher Sonne. Foto: Ralf Kuckuck

Alte Liebe: Das Boxen war und ist Toms große sportliche Leidenschaft. Aus gesundheitlichen Gründen musste er den Kampfsport allerdings hinter sich lassen. Foto: Ralf Kuckuck

Sein bislang größter Erfolg: Weltmeister in der 4x100-Meter-Staffel in London 2017. Tom mit Léon Schäfer, Markus Rehm und Johannes Floors (v.l.). Foto: Axel Kohring/Beautiful Sports

Auch im Anzug macht Tom-Sengua eine gute Figur – hier anlässlich der Verleihung des Sportförderpreises 2018 der CDU Senioren-Union NRW.

Tom-Sengua Malutedis Sportgeschichte liest sich wie ein modernes Märchen. Das Märchen eines jungen Mannes, der viele sportliche Talente hat, immer wieder Rückschläge ertragen muss, am Ende aber für seinen Kampfgeist belohnt wird. Und dafür, dass er als Kind nicht immer auf seine Eltern gehört hat.

Eigentlich wollte Tom-Sengua, wie fast alle Jungs in Deutschland, Fußballer werden. Das Zeug dazu hatte er: Im Alter von neun Jahren wollte Lokalmatador Rot-Weiß den begabten Jungen haben, der mit vier Schwestern und einem Bruder als Sohn kongolesischer Eltern in Oberhausen aufwuchs. Doch Tom-Senguas linkes Bein ist von Geburt an kürzer als das rechte, im Laufe des Heranwachsens hat sich die Längendifferenz auf gut sieben Zentimeter erhöht. Auf Anraten seines Arztes musste er daher ablehnen, ein Beinbruch hätte wegen der Wachstumsstörung für ihn schlimme Folgen haben können.

Und während sich die Eltern um die Gesundheit ihres Sohnes sorgten, machte der, was fast Kinder so machen: „Als Kind will man immer das, was man nicht darf“, erinnert sich Tom-Sengua. Er wollte vor allem eines: Sport treiben. Zwiti: Mit dem Sport komplett aufhören? Kam nicht in Frage. So wechselte Tom-Sengua die Disziplin, versuchte sich in seiner großen Leidenschaft, dem Boxen. Er schloss sich Ring Frei Oberhausen an. Dort hatte er mit Abass Baraou, der 2017 Europameister im Weltergewicht geworden ist, nicht nur seinen besten Kumpel, sondern auch ein sportliches Vorbild.

„Ich wollte der nächste nach Abass sein. Als er den Sprung geschafft hatte, hab ich nur gedacht: Jetzt bin ich an der Reihe“, erzählt Tom-Sengua. Und tatsächlich kämpfte er sich bis in die Bundesliga, wo er für Hanse Wismar antrat. Doch am Abend des 19. März 2017 sollte sich sein sportliches Leben erneut grundlegend verändern. Nachdem er in Hamburg seinen Mittelgewichtskampf nach Punkten verloren hatte, sackte Tom-Sengua während der Urteilsverkündung plötzlich im Ring zusammen. Im St.-Georg- Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte eine Hirnblutung. Er hatte Glück im Unglück, durfte das Krankenhaus nach einigen Tagen wieder verlassen. Doch im Gepäck hatte er die nächste Hiobsbotschaft: Die Ärzte hatten ihm mit auf den Weg gegeben, dass er die Boxhandschuhe für immer an den Nagel hängen soll. Auch Abbas Baraou riet ihm, mit dem Boxen aufzuhören.

„Ich bin damals im Krankenhaus in mich gegangen und habe mich gefragt, ob mein Wunsch, zu Boxen, das Risiko wert ist? Dabei wurde mir klar, dass ich es meinen Freunden und meiner Familie gegenüber nicht verantworten kann, meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen.“ An der Schwelle seiner Wohnungstür versprach er Abbas, das Boxen zu lassen und gab seine geliebten Box-Schuhe ab. Aber auch in dieser schweren Phase stand eines für ihn nicht zur Debatte: dem Sport komplett den Rücken zu kehren.

Es öffnet sich immer eine neue Tür

„Ich habe in meinem Leben oft Tiefpunkte erlebt", sagt er: „Aber immer, wenn eine Tür zugefallen ist, ging eine andere auf. Das war nach dem Fußball so, warum sollte es jetzt nicht wieder so sein?“, sagt Tom-Sengua. In der Tat kam es so: Mit seinem Oberhausener Freund Joshua Abuaku, aktueller Deutscher Meister in der Altersklasse U23 über 400-Meter-Hürden, ging er laufen, entdeckte sein Talent für die Leichtathletik neu und fand wieder zurück zum Sport. Und dann ging alles sehr schnell.

Joshua, der von Tom-Senguas Beinlängenunterschied wusste, riet ihm, sich einmal den paralympischen Trainingsstützpunkt des TSV Bayer 04 Leverkusen anzuschauen. Und nachdem ein Leverkusener Trainer Tom-Sengua bei einem Wettkampf beobachtet und seine Handynummer an den Geschäftsführer der Bayer-Parasportabteilung, Jörg Frischmann, weitergeleitet hatte, folgte er der Einladung zum Schnupperkurs. „Als ich ihn das erste Mal auf unserer Anlage sah, war mir sofort klar: Das wird mal einer“, sagt Frischmann, wenn man ihn nach der ersten Begegnung mit Tom-Sengua fragt. Jörg Frischmann sollte Recht behalten.

Der ehrgeizige Tom-Sengua startete in der Gruppe von Hans-Jörg Thomaskamp mit dem professionellen Leichtathletiktraining, und schon bald folgte die Eingruppierung im Behindertensport vor seinem ersten Wettkampf in Paris. Auch abseits der Tartanbahn fiel ihm die Eingewöhnung leicht, da er einige Bayer-Sportler bereits vorher kannte. Mit Stabhochspringer Bo Kanda Lita Baehre teilt sich Tom-Sengua in Leverkusen eine WG – dem Vernehmen nach ein echter Männerhaushalt. „Von Bo lerne ich, etwas lockerer zu sein und nicht alles so ernst zu nehmen. Dafür kann er ich bei mir Organisation und Disziplin abschauen“, sagt der Sprinter schmunzelnd. „Das ergänzt sich jedenfalls sehr gut.“

Anlaufschwierigkeiten hatte Tom-Sengua in Leverkusen nicht. Im Gegensatz zu anderen paralympischen Neueinsteigern, die sich erst langsam an den hohen Trainingsumfang gewöhnen mussten, war er sofort voll da. Noch topfit aus seiner Zeit als Boxer startete er durch. Nur den Innenschuh, den er im Alltag zum Höhenausgleich in seinem Schuh trägt, musste er ablegen. Der passt nicht in Sprinterschuhe, zudem wäre er schwer und würde für eine unterschiedliche Belastung der Beine sorgen.

Vom ersten Tag an voll da

Da seine Zeiten im Sprint sehr gut waren, durfte Tom-Sengua schon nach kurzer Zeit sogar zu einem Wettkampf nach Paris reisen. Dort sprintete er sich derart in den Fokus, dass sich einige Tage später Jörg Frischmann bei ihm meldete. Einige Sprinter der deutschen 4x100-Meter-Staffel, die 2016 bei den Paralympischen Spielen in Rio Gold geholt hatte, würden für die anstehende Para-Weltmeisterschaft in London verletzungsbedingt ausfallen. Und ob Tom-Sengua nicht als Ersatzläufer mitfahren wolle. Mit dem Bundestrainer sei alles schon vorbesprochen. Lediglich die Zustimmung des Verbandes fehlte noch. Tom-Sengua traute seinen Ohren nicht, aber natürlich sagte er gleich zu.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Seine drei Staffelpartner hatten ihre Koffer schon gepackt, da hatte Malutedi nicht mal die Ausrüstung des deutschen Teams zugeschickt bekommen. Und plötzlich steht er als Startläufer in London auf der Bahn. Von Nervosität aber keine Spur. Selbstbewusst und locker macht er unmittelbar vor dem Lauf Faxen vor der vorbeifahrenden TV-Kamera, auf YouTube kann man sich diese amüsanten Bilder anschauen. Nach dem Startschuss brachte Tom-Sengua die Lockerheit hervorragend auf die Bahn. Platz zwei wurde es für die Staffel hinter den überlegenen US-Amerikanern – schon das war ein Riesenerfolg. Nachdem die US-Boys wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert wurden und klar war, dass das Deutsche Quartett sogar Gold geholt hat, kannte der Jubel keine Grenzen mehr.

Weltmeister innerhalb eines Jahres – eine großartige Leistung, für die ihn die CDU Senioren-Union NRW kürzlich mit dem Sportförderpreis 2018 auszeichnete. Mit 21 schon ganz oben auf dem Treppchen, was kommt da noch? „Ich habe große Lust auf weitere Wettkämpfe“, sagt Tom-Sengua, der inzwischen auch emotional im paralympischen Sport angekommen ist.

Die Sommerspiele in Tokio 2020 seien ein herausragendes Ziel, dem er schon jetzt vieles unterordnet. Möglicherweise sogar seinen Start bei der Heim-Europameisterschaft in Berlin in diesem Sommer, denn ein Knochenödem im Knie, bedingt durch die hohe Trainingsbelastung, zwingt ihn derzeit zur Pause. Und Pause, die ist eigentlich gar nicht sein Ding. Schnell laufen schon eher, daher sind die Sprintdisziplinen über 100 und 200 Meter auch seine Favoriten, der Weitsprung läuft eher ein wenig nebenher.

Damit seine Laufzeiten noch besser werden und um die Belastung für das kürzere Bein zu reduzieren, wird Tom-Sengua in Kürze eine eigens angefertigte Prothese tragen, die für den Höhenausgleich sorgt. „Die sieht so ähnlich aus wie die von Felix Streng“, sagt Tom-Sengua, der seinem Vereinskameraden über die 100 Meter derzeit noch hinterherläuft.

Neben der Laufbahn arbeitet Tom-Sengua bereits fleißig an der Karriere nach dem Leistungssport. Er hat seine Fachhochschulreife erlangt und hat sich zum Gymnastiklehrer ausbilden lassen. Seinen Lebenslauf füllen zahlreiche Zertifikate über Fortbildungen im Gesundheitsbereich. „Mein Traum ist es, eines Tages als selbstständiger Physiotherapeut zu arbeiten“, sagt er und seine Augen glänzen dabei genauso, wie wenn er von den Paralympischen Spielen 2020 spricht.

Eines ist jedenfalls schon jetzt klar: Tom-Sengua kämpft für seine Träume bis zum Schluss. Wohin das führt? Vielleicht erst nach Tokio und irgendwann in die eigene Praxis.

Zur Person: Tom-Sengua Malutedi

Alter: 21 (geb. 10. Dezember 1996)

Geburtsort/Wohnort: Duisburg, aufgewachsen in Oberhausen/Leverkusen

Familienstand: ledig

Vereine: Ringfrei Oberhausen, BT Hanse Wismar (Boxen), TSV Bayer 04 Leverkusen (Para-Leichtathletik)

Trainer: Hans Jörg Thomaskamp / Stefan Press

Beruf: Ausgebildeter Gymnastiklehrer 

Disziplinen: 100m, 200m, Weitsprung

Bestleistungen: 100 m: 12,40 sec / 200 m: 25,36 sec / Weitsprung: 5,32 m

Sportliche Erfolge:

Weltmeister mit der 4x100m-Staffel in London, 2017
DBS Mannschaft des Jahres 2017 mit der 4x100m-Staffel