Die aktuelle Story

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Die aktuelle Story: Nadine, die Boxerin

Nadine Apetz weiß, wie man sich durchbeißt, um große Ziele zu erreichen. Die 32 Jahre alte Weltergewichtlerin trainiert rund zehnmal pro Woche, mit Olympia 2020 als Ansporn im Hinterkopf. Dabei hätte ein Wirkungstreffer außerhalb des Rings den Traum von Tokio fast frühzeitig platzen lassen. Mit der Sportstiftung NRW spricht Nadine über die Leistungssportreform, kleine Sünden am Abend und wie sie es aus einem Uni-Kurs in die Box-Weltspitze geschafft hat.

Nadine ist Mitglied im Top-Team Olympia des Olympiastützpunkts Rheinland in Köln, der sie betreut. Foto: OSP-Rheinland / Peter Eilers

Trainingshallen-Impressionen: Auf das Poster eines großen Kampfes möchten viele der Nachwuchsathleten auch einmal.

Nicht ganz auf Augenhöhe: Beim Sparring überragt Nadine ihre Trainingspartnerin deutlich.

Erfolgs-Duo: Ihr ehrgeiziger Trainer Lukas Wilaschek treibt Nadine zu immer neuen Bestleistungen.

Da wächst kein Gras mehr: Wenn Nadine die rechte Gerade ansetzt, möchte man nicht der Sandsack sein.

Im Sportpark Müngersdorf, in direkter Nachbarschaft zum Stadion des 1. FC Köln, liegt die Heimstätte des Boxvereins SC Colonia 06. Sie wirkt wie ein zur Trainingshalle gewordenes Klischee aus einem Genrefilm: Leichter Schweißgeruch durchdringt die schwere Luft im großen Raum. Überall hängen Fotos und Zeitungsausschnitte früherer und aktueller Helden des Traditionsvereins. Die Wände sind gespickt mit Postern von großen Kämpfen und Kämpfern: Holyfield vs. Tyson, Schulz vs. Klitschko, Henry Maske, Sven Ottke. Aus Musikboxen lässt Rapper Eminem lautstark wissen, was er von der Welt hält.

17 junge Männer und drei Frauen, die davon träumen, dass es einmal von ihnen solche Poster gibt, folgen konzentriert den Anweisungen der beiden Trainer, die permanent antreiben. „Konzentriert bleiben! Korrekt arbeiten! Immer bereit sein!“, hallt es durch den wohltemperierten Raum. Fans des Hollywood-Boxklassiker Rocky dürften beim Zuschauen und -hören unvermeidlich ein „Keine Schmerzen!“ im Ohr haben.

Mit Rocky haben die sichtlich ehrgeizigen Athleten nichts am Hut. Sie sind fokussiert, verbessern an schwarzen Sandsäcken ihre Schlagtechnik, kräftigen mit Hantelscheiben die Muskulatur oder sparren im Ring, in dem sie von Seilen in den Vereinsfarben Rot-Weiß umrahmt sind.

In Deutschland kaum Gegnerinnen auf Augenhöhe

Eine der drei Frauen ragt optisch aus der Gruppe heraus, und das nicht allein wegen ihrer knallbunten Leggins oder des auffälligen Tattoos an der linken Wade. Vielmehr sind es die 1,76 Meter Körpergröße, die sich auf eine beeindruckend athletische Statur verteilen, mit der sie ihre Trainingspartnerin deutlich übertrifft. Ein Bild mit Symbolcharakter. Denn tatsächlich kann Nadine Apetz in Deutschland kaum Gegnerinnen auf Augenhöhe finden.

„In der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm bin ich nahezu konkurrenzlos“, sagt die 32-Jährige. Sie gehört längst zu den besten Boxerinnen Deutschlands, und auch ihre internationale Klasse hat sie bereits nachgewiesen. Mit Überheblichkeit hat ihre Aussage nichts zu tun, vielmehr mit dem eklatanten Mangel an Boxerinnen im Weltergewicht. Wenn sie in einem Jahr auf zehn Wettkämpfe komme, sei das schon eine gute Zahl. In der Vorbereitung auf Turniere, vor allem mit internationalem Starterfeld, ist die wenige Praxis aber suboptimal. Denn gerade aus den Ostblockländern kommen immer wieder gute Kämpferinnen nach.

„Wir müssen immer froh sein, überhaupt ein komplettes Team zusammenzubekommen. Die haben Ersatz ohne Ende und können natürlich auch dementsprechend trainieren“, sagt Nadine. Sie löst das Problem pragmatisch: „Ich sparre notgedrungen sehr oft mit Jungs“, sagt sie und schmunzelt dabei leicht. Ob die männlichen Vereinskollegen besonders rücksichtsvoll zu Werke gehen?

Von bösen Verletzungen verschont geblieben

Von schweren Verletzungen blieb sie jedenfalls verschont, Nadine kam bislang mit einem blauen Auge davon. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. „Zweimal hat es mich erwischt, Schlimmeres ist mir zum Glück noch nicht passiert“, sagt sie rückblickend. Neben Glück spielt dafür sicher auch der Kopfschutz eine Rolle, den die Kämpferinnen im Amateurboxen tragen und der den Schädel vor Schäden bewahren soll. Safety first!

Mit dem sprichwörtlichen blauen Auge kam Nadine im Zuge der Leistungssportreform davon. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Geschichte über Deutschlands beste Weltergewichtlerin wäre nach einem sportpolitischen Wirkungstreffen abrupt an ihr Ende gekommen. Die Pläne zur bundesweiten Neuordnung des Leistungssports sahen unter anderem vor, den Bundesstützpunkt nach Münster zu verlagern. „Wenn ich als Bundeskaderathletin gezwungen gewesen wäre, dorthin zu wechseln, hätte ich meine aktive Leistungssportkarriere wohl beendet“, sagt Nadine. Denn die studierte Biologin hatte bereits ihre Promotion an der Uni Köln begonnen, sie startet auch für den SC Colonia 06. Ein Umzug nach Westfalen kam somit nicht infrage.Tägliches Pendeln im Stauland Nummer eins sowieso nicht. „Dann wäre der Sport nur noch Hobby gewesen.“

Unfassbar angesichts der Tatsache, dass die gebürtige Bonnerin bei internationalen Wettkämpfen inzwischen eine ernstzunehmende Medaillenkandidatin ist. Es kam bekanntlich anders, der Kölner Stützpunkt ist mindestens bis 2020 gesichert.

WM 2016 oder als Nadine Apetz Box-Geschichte schrieb

Mit dem früheren Supermittelgewichtler Lukas Wilaschek (115 Siege bei 130 Kämpfen als Amateur, internationaler Deutscher Meister als Profi) hat Nadine einen ehrgeizigen Trainer, der sie ordentlich fordert und immer wieder an die Grenzen bringt. Zehn Einheiten pro Woche sind derzeit normal: Morgens wird gelaufen, abends stehen Kraft, Schnelligkeit, Technik- und Taktiktraining sowie, kurz vor einem Turnier, Wettkampfsparring auf dem Plan. Und der Trainingsfleiß spiegelt sich in ihren Ergebnissen. Bei den European Union Women's Boxing Championships 2017 holte sie in der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm die einzige Goldmedaille für das deutsche Team, nachdem sie die Polin Hanna Solecka einstimmig nach Punkten besiegt hatte.

Bereits im Jahr zuvor hatte sie den „wichtigsten Kampf ihres Lebens“ gewonnen, bei der WM im kasachischen Astana hatte die US-Amerikanerin Naomi Graham keine Chance und musste sich Nadine ebenfalls einstimmig nach Punkten geschlagen geben. Ganz nebenbei schrieb die 32-Jährige damit Boxgeschichte: Durch die Qualifikation für das Semifinale, das sie später verlor, hatte sie Bronze bereits sicher. So holte sie als erste deutsche Boxerin eine Medaille bei den seit 2001 ausgetragenen Titelkämpfen.

Aber mit Vergangenem beschäftigt sich Nadine nicht, sie hat die nächsten Ziele im Visier. „Sportlich zieht es nun deutlich an. Im Mai starte ich bei der Europameisterschaft in Polen. Da sind sehr starke Gegnerinnen dabei, und es wird sicher auch auf die Tagesform ankommen“, sagt die 32-Jährige. Und wenn die stimmt? „Da will ich aufs Treppchen“. Klare Ansage.

Viel Disziplin – und ab und an mal eine kleine Sünde

Danach geht es, wie passend, Schlag auf Schlag: Zunächst steht die Weltmeisterschaft in Indien an und schlussendlich die Qualifikation für Tokio 2020. Stand jetzt kann Nadine es entweder über ein gutes WM-Ergebnisse 2019 oder bei einem Kontinentalqualifikationsturnier zu den Spielen nach Asien schaffen. Die Olympischen Spiele sind für Nadine tatsächlich noch einmal Thema geworden, da ihre Stammgewichtsklasse in Japan erstmals vertreten sein wird. Ein Abstecher ins Mittelgewicht (bis 75 Kilogramm), der ihr bislang die einzige Olympiaoption bot, war nicht wirklich erfolgreich. „69 Kilogramm sind mein normales Gewicht, ich habe das Glück, nicht viel dafür tun zu müssen“, schildert sie, wohl wissend, dass das nicht selbstverständlich ist.

Sogar die eine oder andere kleine Sünde sei problemlos drin: „Ich liebe die italienische Küche. Und am Abend darf es auch schon mal ein Eis sein“, sagt die Leistungssportlerin, nicht ohne klarzustellen, dass sie grundsätzlich natürlich auf eine gesunde Ernährung achte. Nadine Apetz wirkt auch viel zu ehrgeizig, als dass sie ihren sportlichen Erfolg durch Undiszipliniertheit gefährden würde. Schließlich hat sie ihr Antrieb schon bis in die internationale Spitze geführt.

Vor gut zehn Jahren war das nicht absehbar und erst recht nicht geplant. Während des Biologiestudiums in Bremen wollte die in Haan bei Wuppertal aufgewachsene sportliche junge Frau nach Reiten, Laufen und Tennis einmal etwas Neues probieren und belegte einen Boxkurs an der Uni. „Das Training hat mir sofort wahnsinnig viel Spaß gemacht, und schon nach kurzer Zeit waren es vier Kurse pro Woche“, erzählt Nadine. Nach einer Weile holten sie ihre eigenen Ambitionen ein. „Ich hatte so viel Zeit investiert, also wollte ich auch wissen, wo ich leistungsmäßig stehe. Und das geht im Boxen eben nur über Wettkämpfe.“

Die internationale Karriere begann in einem Uni-Kurs

Ihren ersten Kampf machte sie bei den deutschen Hochschulmeisterschaften. „Der lief nicht wirklich gut. Also habe ich mir einen Verein in Bremen gesucht, um noch professioneller trainieren zu können.“ Während der Auslandssemester in Sydney machte sie an der dortigen Universität weiter. Und sie wurde besser und besser. Der entscheidende Schritt kam mit dem Umzug an den Bundesstützpunkt in Köln, von dem sie Lukas Wilaschek überzeugte, nachdem sie sich bei den Deutschen Meisterschaften kennengelernt hatten. „Ich dachte, die Doktorarbeit kann noch warten, also starte ich im Boxen noch einmal richtig durch.“ Was daraus wurde, ist bekannt.

Ein Wechsel ins Profiboxen kommt für Nadine übrigens nicht in Frage. „Das ist nicht so meins. Zu viel Show, der eigentliche Sport und seine Qualität stehen da oft hintenan. Durch die vielen Verbände gibt es zig Weltmeister in einer Gewichtsklasse. Und Profi werden kann jeder, das sagt erstmal nichts über sein Können aus.“ Und nur auf das Können kommt es der Boxerin an.

Auf dem Weg nach oben galt es für Nadine aber nicht nur, Gegnerinnen zu besiegen. Genauso herausfordernd war es für sie, den Leistungssport zu finanzieren. „Reich werden kann ich mit dem Boxen natürlich nicht. Und von dem, was ich über die Sportförderung und Stipendien bekomme, kann ich in Köln gerade einmal meine Wohnung bezahlen.“ Zunächst lebte Nadine sogar knapp drei Jahre als wohnende Betreuerin im Kölner Sportinternat, schob Nacht- und Wochenenddienste. „Das war zwar direkt am Trainingsort, der Job war aber mitunter sehr anstrengend.“

Zum 1. April 2018 ist sie in der Sportfördergruppe der Bundeswehr untergekommen, finanziell erst einmal aus dem Gröbsten raus, sodass sie sich voll auf den Sport konzentrieren kann. Für den Fall, dass es beim Bund nicht geklappt hätte, stand die Sportstiftung NRW als Förderer in den Startlöchern. „Das Wissen darum, dass ich auf die Stiftung hätte zählen können, hat mir viel Stress erspart“, sagt die 32-Jährige rückblickend.

Die Folgen des Boxens wissenschaftlich erforschen? „Das wäre großartig“   

Mit Stress und seinen negativen Auswirkungen kennt sich die Neurowissenschaftlerin aus. Derzeit promoviert sie in Köln im zweiten Jahr zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson, im Volksmund nennt man solche Verfahren Hirnschrittmacher. Vielleicht schließt sich aber auch wissenschaftlich der Kreis zum Boxen. Jüngst rückte die als Punch-Drunk-Syndrom bezeichnete Krankheit Dementia pugilistica (Chronische Traumatische Enzephalopathie) in den Fokus, und mögliche Langzeitfolgen leichter Schädel-Hirn-Traumata werden gehäuft in Nadines Sportart beobachtet.

„Ein Kollege an der Uniklinik will zu dem Thema forschen und hat mir angeboten, mich einzubinden. Das wäre großartig, auf diese Weise beide Bereiche zu verbinden zu können“, sagt Nadine. Dann müsste sie wohlmöglich auch nicht mehr ständig die Frage beantworten, wie denn bitteschön Boxen und Neurowissenschaften zusammen passen. „Das Studium war außerdem zuerst da“, sagt sie lachend.

Der Beginn einer neuen Karriere an der Uni? Nein, die peile sie langfristig nicht an, sagt Nadine. Jobs in der freien Wirtschaft böten deutlich mehr Sicherheit. Auch hier heißt es: safety first!

Zur Person: Nadine Apetz

Foto: OSP Rheinland / Peter Eilers

Alter: 32 (geb. 3. Januar 1986)

Größe, Gewichtsklasse: 1,76 Meter, Weltergewicht (bis 69 Kilogramm)

Auslage: Links (Normalauslage)

Geburtsort/Wohnort: Bonn/Köln, aufgewachsen in Haan

Familienstand: ledig

Vereine: Boxring Hilden/SC Colonia 06/OSP-Top-Team Olympia

Trainer: Lukas Wilaschek

Studium: Bachelor in Biologie und Master in Neurowissenschaften in Bremen, Promotion in Köln

Sportliche Erfolge:

  • WM-Bronze in Astana (2016)
  • 2014 WM-Teilnahme
  • 2017 EU-Meisterin
  • 2014 EM-Teilnahme
  • Deutsche Meisterin 2011, 2012, 2013, 2016 und 2017