Die aktuelle Story

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Die aktuelle Story: Benjamin, der Paratriathlet

Para-Triathlon, Para-Ski, Rollstuhlbasketball - Benjamin Lenatz aus Radevormwald führt eine lange Liste an Erfolgen. Er erzählt von einem Neubeginn mit ganz anderen Ziele nach seinem Unfall.

„Ich versuche, das Beste aus mir herauszuholen.“ Diese bescheidene Aussage verwendet Benjamin Lenatz für gewöhnlich, wenn er seine Leistungen beschreiben soll. Das „ich versuche“ betont er dabei ganz besonders. Die lange Liste an sportlichen Erfolgen des 34 Jahre alten Para-Sportlers spricht indes für sich.

Im Rollstuhlbasketball, wo er für zwei Vereine Körbe erzielte, spielte er sich von der Ober- und Regionalliga über die U22-Nationalmannschaft bis in die 1. Bundesliga. Nach ersten Monoski-Versuchen absolvierte er knapp zwei Jahre später ein Probetraining beim Ski Alpin-Team der Deutschen Paralympischen Mannschaft. Und seit seinem ersten Kontakt mit der Disziplin Paratriathlon erreicht er jedes Jahr in weltweiten Wettkämpfen Platzierungen vom neunten bis zum ersten Rang.

Zurückzuführen sind all diese Leistungen, so könnte man sagen, auf den Bruch seines ersten Lendenwirbels, der eine inkomplette Querschnittslähmung auslöste. Sein folgenschwerer Unfall im Jahr 2003 weckte bei Benjamin, der aus Radevormwald bei Remscheid stammt, diesen Ehrgeiz, den er seit dem ersten Tag der Reha an den Tag legte.

Sportbegeistert war der junge Mann schon immer. Zu seinen großen Leidenschaften gehörte 13 Jahre lang Enduro-Motocross, familiär bedingt, wie er es nennt. Von seinem Vater war der Funke übergesprungen, als Benjamin gerade fünf Jahre alt war. „Mit 18 Jahren bekam ich meinen Führerschein und durfte auf öffentlichen Straßen fahren. An einem Sonntag bei gutem Wetter wollte ich mit dem Quad die Bevertalsperre umrunden und war zu schnell.“ Er geriet in den Gegenverkehr und kollidierte frontal mit einem Pkw. Er erinnert sich deutlich an den Moment nach dem Aufprall:

„Ich war bei vollem Bewusstsein und spürte meine Beine nicht mehr.“

Das sagt er ganz sachlich, als seien ihm die Konsequenzen an jenem Frühlingstag bereits klar gewesen. Auch die Ärzte gingen vom Schlimmsten aus: Für immer im Rollstuhl. „Alles, was besser ist als das, ist nice to have“, sagt Benjamin. „Das ist in Fällen wie meinem eine übliche Aussage der Ärzte.“

Blick nach vorn

Durch seine spätere Gattin Frauke kam Benjamin Lenatz zum Paratriathlon.

Nahezu übergangslos nahm der damals 18-Jährige seine neue Situation an. „Damit hadere ich nicht“, sagt er über sein Leben vor dem Unfall. „Letztendlich ändert sich alles, es ist ein Neubeginn mit anderen Zielen. Wahrscheinlich habe ich durch diese Veränderung sogar viel mehr erlebt, als es sonst der Fall gewesen wäre.“ In der Physiotherapie waren es zunächst seine Angehörigen, die Benjamin unwillkürlich dazu animierten, schnell wieder fit zu werden. So fit, dass er sich bis zu seiner Entlassung frei bewegen können würde und nicht zu sehr auf andere angewiesen sei.

„Ich wusste, wie sehr alle um mich herum meinetwegen litten. Das war schlimmer als meine eigene Rolle.“ Während der Reha kam Benjamin mit Rollstuhlbasketball in Kontakt – und widmete sich diesem Mannschaftssport in den folgenden 13 Jahren jeden Tag. „Ich schaffte es in die Nationalmannschaft der Junioren und in den A-Kader, weiter leider nicht.“

Parallel schwenkte er von seiner vor dem Verkehrsunfall begonnenen Ausbildung zum Anlagenmechaniker auf Bürokaufmann um, zog 2007 von Radevormwald nach Stuttgart, um am dortigen Standort der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in der Studierendeninformation und als Ansprechpartner für den Hochschulsport zu arbeiten.

 

Erneute Wende

Mit seiner beruflich bedingten Rückkehr ins Bergische Land vor etwa fünf Jahren begann wieder ein neues Kapitel in Benjamins Leben – diesmal war die Wende allerdings rundum positiv: Bei einem Probetraining im Fitnessstudio lernte er die Mitarbeiterin Frauke Seidel kennen, mit der er sich vier Jahre später das Ja-Wort gab. Und durch sie kam er zum Paratriathlon.

Als er Frauke 2013 auf den Hamburg Triathlon begleitete, begegnete er einigen Paratriathleten. „Ich hatte damals schon mit dem Gedanken gespielt, etwas anderes als Rollstuhlbasketball zu machen, um etwas Neues kennenzulernen“, sagt er. Kurz darauf startete er das erste Mal selbst, in Hückeswagen, mit Kniebike, Rollstuhl – und Frauke an seiner Seite. Bis heute begleitet die 32-Jährige, die Triathlon als ambitionierte Hobby-Athletin betreibt, ihren Mann. Sowohl bei den Wettkämpfen als auch bei der Suche nach Sponsoren. Ihr Arbeitgeber, ein Unternehmen für Zeitabnahme und Veranstaltungsservice, sei sehr verständnisvoll, sagt die Buchhalterin. Er verschaffe ihr Freiräume, in denen sie ihren Mann unterstützen könne.

Die Sportstiftung NRW unterstützt den talentierten Paratriathleten abseits der Sportstätten mit einem individuell zugeschnittenen Konzept.

Denn die Stiftung hat einen Förderschwerpunkt im Paralympischen Leistungssport in NRW. Bereits zum Jahreswechsel 2018 hatte Benjamin Lenatz seine Arbeitszeit aus seiner Vollzeitstelle um zehn Stunden reduziert, um sich intensiver dem zeitaufwendigen Triathlontraining widmen zu können. Da es sportlich so gut läuft, wird er ab 2019 erneut um zehn Stunden verkürzen. Da aber auch der Paraathlet Miete und Essen bezahlen muss, unterstützt ihn die Stiftung und kompensiert mit einem finanziellen Zuschuss fast vollständig die weniger gearbeiteten Stunden. So kann sich Benjamin Lenatz voll auf seine sportlichen Ziele konzentrieren.

"Wir verstehen uns ohne Worte."

Neben dieser wichtigen finanziellen Stütze stimmt aber auch das private Umfeld. Ohne Frauke würde Benjamin seinen Leistungssport auch nicht so intensiv betreiben können, sagt er. „Gerade im Paratriathlon ist es unheimlich schwierig, alleine zu reisen, weil man so viel Sondergepäck hat.“ Doch auch über sämtliche Organisation und Logistik hinaus, bei den Wettkämpfen selbst, sind der Paratriathlet und seine Frau ein perfekt eingespieltes Team. „Sie verschafft mir zum Teil einen deutlichen Vorsprung in der Wechselzone vom Wasser aufs Land. Wir verstehen uns ohne Worte. Damit haben wir einen großen Vorteil gegenüber anderen Teilnehmern, die mit vom Veranstalter gestellten und dadurch wechselnden Helfern arbeiten“, sagt Benjamin. Auch die Umstiege vom Alltagsrollstuhl in den Neoprenanzug, aus dem Neo ans Handbike und schließlich vom Handbike in den Rennrollstuhl unterstütze ihn seine Frau besser als jeder andere.

Ein Leben nach Zeitplan

Eine ähnliche Disziplin bringen die beiden im heimischen Alltag auf. Benjamins Woche ist bis ins Detail durchorganisiert, genauso strikt hält er sich daran. Jeder seiner Tage beginnt um 6 Uhr morgens und endet um 23 Uhr. Neben seinem – derzeit – 30-Stunden-Job in Bergisch Gladbach stehen Handbike-, Rennrollstuhl-, Schwimm- und Krafttraining, Physiotherapie und Stabilisierungsübungen auf seinem Stundenplan. „Ich trainiere in der Woche zwischen 20 und 30 Stunden, zehn Stunden gehen für Fahrzeit zu Trainingsstätten drauf. Abzüglich schlafen und essen bleibt nicht mehr viel Zeit für anderes“, sagt Benjamin.

Mindestens zwei Einheiten absolviert er an Werktagen im heimeigenen Fitnessraum, an Wochenenden drei, von einer bis vier Stunden Dauer. Drei Wochen Belastung, eine Woche Entlastung mit weniger intensiven, aber genauso umfangreichen Einheiten: mit diesem Rhythmus hält er seinen Körper im Trainingsmodus.

Die Ziele des Paratriathleten passen zu seinem großen Ehrgeiz auf Wettkampfebene, den er, wie er sagt, während seiner Zeit im Rollstuhlbasketball kontinuierlich steigerte. „2014 habe ich das Ganze eher auf mich zukommen lassen. 2015 wurde es konkret, seit 2016 betreibe ich Paratriathlon sehr professionell“, sagt Benjamin. 2017 setzte ihn eine Infektion außer Gefecht – ausgerechnet einen Tag vor den Triathlon-Europameisterschaften in Kitzbühel. „Mitten in der Saison war ich fünf Wochen lang raus. Zur WM in Rotterdam war ich zwar wieder fit, aber mir fehlten die Punkte, um starten zu dürfen. Beim World Cup in Sarasota holte ich dann den ersten Platz – alle um mich herum haben mir dabei geholfen, den Verlust optimal wieder aufzuholen.“

Tokio 2020 im Visier

Sein nächster avisierter Meilenstein: die Paralympischen Spiele 2020 in Tokio. Dieser Vorsatz prangt in großen grünen Lettern auf den schwarzen Team-Trikots von Benjamin, seinen beiden Trainern und seiner Frau. Im Home-Gym bedecken darauf gerichtete Motivationssprüche, erstellt von Triathlon-Coach Oliver Jan Quittmann, einen beachtlichen Teil der Wand direkt neben Benjamins Trainings-Handbike. Und auch sein Inneres ist ganz von diesem Vorsatz erfüllt. „Der paralympische Gedanke ist auf jeden Fall da, aber ich kann schwer einschätzen, was möglich ist“, sagt Benjamin bescheiden.

Tatsächlich liegt der 34-Jährige aktuell auf Weltranglistenplatz 11. „Neun werden mit nach Tokio genommen“, sagt er. „Jetzt kommt es auf die nächsten beiden Winter an, auf gutes Training und gute Rennergebnisse.“ Ab Qualifizierungsbeginn Ende Juni 2019 will Benjamin sein komplettes Leistungsspektrum abrufen können, das er sich seit Trainingsbeginn für den Paratriathlon erarbeitet hat.

„Schwierig ist, dass ich parallel arbeiten gehe. Voll-Profis haben im Vergleich zu mir einen essentiellen Vorteil: Sie können sich voll auf den Sport konzentrieren und haben ganz andere Möglichkeiten, Regenerationsphasen einzubauen.“

Einige Profis hat er mit Blick auf seine Rennzeiten zwar bereits hinter sich gelassen und sei Einzelsportlern – Handbikern, Rennrollstuhlfahrern, Schwimmern – mit Blick auf deren Ergebnisse sehr nahe gekommen. Aber um das große Ziel Tokio 2020 zu erreichen, müsse er eine Schippe drauflegen. „Es wäre schön, bei den Paralympischen Spielen unter die Top 5 zu kommen. Aber als Halb-Professioneller muss ich Realist bleiben und schauen, was möglich ist. Dieses Jahr sind alle dicht zusammengerückt. Da schenkt sich keiner mehr was.“

Leistungen im Namen der Freundschaft

Neben der Unterstützung seines unmittelbaren Teams und der Sportstiftung NRW ist Benjamin dennoch auf Sponsoren angewiesen, um sein Leistungsniveau weiter steigern zu können. Der Deutsche Behindertensportverband trägt nur einen Teil der Kosten für seine Reisen zu den Events, die natürlich auch für seine Frau und mitunter seine beiden Coaches anfallen. Auf der anderen Seite stehen Anschaffung, Wartung, Adaption und Reparatur seiner Sportgeräte. „Ein Handbike kostet rund 15.000 Euro, ein Rennrolli 10.000 bis 11.000 Euro. Das braucht einen großen Teil des Budgets auf“, sagt Benjamin, der zu Beginn seiner Athletenlaufbahn oft finanziell in Vorleistung gehen musste und sich wünscht, seine Coaches eines Tages für ihre Arbeit bezahlen zu können. Bisher leisten sie diese ehrenamtlich, im Namen der Freundschaft, die sich mit den Jahren entwickelte.

„Es dauert seine Zeit, bis einem ein potenzieller Förderer sein Vertrauen schenkt. Das Verzwickte ist, dass viele erst einmal Topleistungen sehen wollen, bevor sie sich für ein Sponsoring entscheiden.“ Diese Anforderungen zu erfüllen, gelinge aber im Zweifel erst mit entsprechender Rückendeckung. „Manchmal machen wir Listen, mit welchem Platz Benny sich um wie viele Punkte verbessern und wieviel das kosten würde. Ab und an verzichten wir aus Kostengründen darauf und fokussieren uns stattdessen aufs Trainingslager“, schildert Frauke.

"Die Sportstiftung glaubt an mich. Das hilft ungemein."

Auch mentaler Zuspruch hilft enorm. Im Augenblick kann Benjamin auf zwölf überwiegend lokal angesiedelte Sponsoren zählen, die ihn teils finanziell, teils unter anderem mit Material, Versicherungen und medizinischer Versorgung unterstützen. Zudem zählt die Sportstiftung NRW als offizieller Sportförderer seit 2017 dazu. „Der Zuspruch ist mir eine absolute Hilfe“, sagt Benjamin und meint damit neben dem monetären Aspekt den moralischen. „Die Stiftung glaubt an mich und mein Konzept und möchte mich in der Erreichung meiner Ziele unterstützen. Das hilft ungemein.“ Sein Traumszenario: die Zeit bis zu den Paralympischen Spielen in Tokio als Vollprofi zu trainieren.

Und danach? Benjamin wagt einen Blick ins Jahr 2024: „Die Paralympischen Spiele in Paris reizen mich sehr. Und der Ironman auf Hawaii würde dem Ganzen die Krone aufsetzen. Aber man muss auch darauf schauen, was Köper und Angehörige dazu sagen.“ Denn auch die Familienplanung des Ehepaars spielt eine Rolle, auch wenn sich die beiden einig sind, dass Sport wohl immer einen Platz in ihrem Leben haben wird.

Was für Benjamin der bisher schönster Erfolg war, kann er spontan nicht beantworten. Es ist kein einzelner Moment, keine Medaille, keine Bestzeit. Es ist sein gesamtes Team, das ihn immer wieder zum Lächeln bringt. Es sind die sehr guten Sponsorenkontakte. Die Freundschaften, die sich aus dem Sport entwickelt haben, seine Coaches, die ihn anspornen – und seine eigene Entwicklung. Das alles macht für ihn das große Glück aus. „Die Menschen, die mich auf meinem Weg begleiten, sind auch dann noch für mich da, wenn ich etwas einmal nicht mehr machen kann“, sagt er. „Und das ist das Wertvollste von allem.“

Zur Person: Benjamin Lenatz

Paratriathlet Benjamin Lenatz

Geboren: 7. Oktober 1984

Wohnort: Hückeswagen

Familienstand: verheiratet

Größe: 1,84 Meter

Vereine: RBC Köln 99ers, später Mainhatten Skywheelers (Frankfurt a. M.), SV-Reha Augsburg

Trainer: Für den Schwerpunkt Triathlon: Oliver Jan Quittmann, Deutsche Sporthochschule Köln; für den Schwerpunkt Gesundheit/Athletik: Patrick Bartsch, Diplom-Sportwissenschaftler im Gesundheits Zentrum Gektis, Radevormwald

Disziplin: Paratriathlon

Sportliche Erfolge:
Deutscher Meister Sprint und Supersprint Hamburg/Viernheim 2015 bis 2017
1. Platz ETU Aquathlon-Europameisterschaft, Köln, 2015
7. Platz Weltmeisterschaft Rotterdam, Niederlande, 2016
1. Platz Paratriathlon World Cup Sarasota, USA, 2017
3. Platz Paratriathlon World Cup Devonport, Australien, 2018
4. Platz World Paratriathlon Series Edmonton, Kanada, 2018
7. Platz Europameisterschaft Tartu, Estland, 2018

Zwillingskarriere: Bei der Stadt Bergisch Gladbach, Fachbereich Bewirtschaftung Städtischer Unterkünfte