Die aktuelle Story

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Brennen in der Werkstatt

Lisa hat drei Jahre alibimäßig studiert und wurde währenddessen Olympiasiegerin. Als Ruderin war sie schnurgerade Bahnen gewohnt. Sie erkannte, dass sie falsch abgebogen war. Erst mit Beginn ihrer Handwerksausbildung stellten sich auch der berufliche Erfolg und ein Gefühl der Befreiung ein.

Lisa Schmidla - Schlagfrau beim Olympiasieg des Doppelvierers und bald Handwerksmeisterin.

Lisa ist nicht oft stolz auf sich. Als sie mit der Sportstiftung telefoniert, ist einer dieser Momente. Noch ganz frisch fühlt es sich an, befreiend. Vor einem halben Jahr klang sie noch verbissen, war kurzangebunden. Die Selbstsicherheit fehlte. Dann hat Lisa geschafft, was vorher niemandem ihrer meist männlichen Vorgänger gelang - von ihrem Olympiasieg mal abgesehen. Die 28-Jährige hat den technischen Teil der theoretischen Meisterprüfung der Handwerkskammer Dortmund mit der bisher nie erreichten Bestnote 1 abgelegt. Wenn im April 2020 die Zylinder knallen und der Motor einwandfrei losbollert, wird Lisa nach der zweiten, praktischen Prüfung Zweiradmechatroniker-Meisterin sein. Lisa hat gefunden, wofür sie brennt.

„Durch den Sport habe ich den Ehrgeiz, immer die Beste zu sein“, sagt die Hernerin. „Das ist wie ein Feuerchen, das in mir lodert.“ Lisa war ein Jahrzehnt Leistungsruderin. Als Schlagfrau im deutschen Doppelvierer gewann sie zwischen 2014 und 2016 Gold bei der EM, bei der WM und bei den Olympischen Spielen in Rio. „Längst gegessen“, unterbindet sie jede Lobhudelei. Ihre Lehrer und Ausbilder werden allerdings nicht müde, „unsere Olympiasiegerin“ hervorzuheben. Die Jungs in der Meisterschule nehmen das zum Glück „unkompliziert und entspannt“ hin.

Falsch abgebogen in den Nebel

Im Frühjahr 2017 bestritt Lisa ihre letzte Regatta in Krefeld. Sie überquerte die Ziellinie als Erste, aber ihr Bauchgefühl sandte eine andere, eindeutige Botschaft: Du brauchst diesen Wettstreit mit anderen nicht mehr. „Krass“, dachte Lisa von sich selbst überrascht.

Bereits nach den Sommerspielen in Rio 2016 begann sich Ziellosigkeit breitzumachen. Der höchste sportliche Gipfel war erklommen. Die Zukunft nach der Leistungsportkarriere lag jedoch in Nebelschwaden. Womit sollte sie ihr Geld verdienen? Ruderer sind schnurgerade Bahnen gewohnt. Lisa wusste, sie war falsch abgebogen.

Keinen Plan nach dem Abi, also studieren

„Mit 18 Jahren haben wenige Athleten einen Plan, was sie beruflich machen wollen“, sagt Lisa. Sie reihte sich nahtlos ein. Auf Anraten ihrer Trainer und Betreuer am Olympiastützpunkt Westfalen schrieb sie sich zunächst an ihrem Trainingsstandort Dortmund für ein Studium ein. Das versprach größtmögliche Flexibilität für Trainingszeiten und Wettkampfreisen. „Es war ein Alibistudium“, gibt sie zu. „Mein Fokus lag nie darauf, damit beruflich erfolgreich zu werden. Ich war Leistungssportlerin. Ich habe nicht nach rechts, nicht nach links geschaut.“ Den Studiengang Jura brach sie bald ab und wechselte zur Journalistik. Das Gefühl der Verlorenheit blieb.

Finales Fiasko in Rio

Einige Journalisten, die in Rio Bericht erstatteten, registrierten, dass Lisa ihr Metier studierte. Um sich vor der Kamera zeigen zu können, verschafften sie ihr ein Interview mit dem Doppelvierer der Männer. Für ihre Kommilitonen wäre das ein Sechser im Lotto. Für Lisa war es ein Fiasko: „Ich musste extrem über meinen Schatten springen. Als Journalist muss man anderen Menschen auch mal auf die Nerven gehen. Das kann ich nicht und möchte ich nicht.“

Es wurde Zeit für einen Schlussstrich unter dieses Kapitel. Aber was dann? Wieder lauschte sie auf ihr Bauchgefühl. „Ich liebe Motorradfahren und wollte schon immer wissen, wie diese feinfühlige Technik funktioniert.“ Ein Tag Praktikum in einer Kfz-Werkstatt, und sowohl der Meister als auch die Sportlerin waren voneinander überzeugt. Im Herbst 2017 machte Lisa Nägel mit Köpfen und begann eine Ausbildung zur Zweirad-Mechatronikerin. „Anders als im Studium, weißt du direkt, worum es geht.“ 

Vertrauen in Lisas Weg

Während dieser Findungsphase blieb Lisa im Förderteam der Sportstiftung NRW. „Uns zeichnet aus, dass wir Athleten nicht sofort fallen lassen, wenn sie nicht permanent Höchstleistungen zeigen“, erklärt Geschäftsführer Jürgen Brüggemann. „Wir sehen uns in der Verantwortung, Bundeskadersportler in eine berufliche Karriere nach der sportlichen Karriere zu begleiten.“

Fragt man Lisa, gelang das bei ihr: „Ich habe das Vertrauen der Sportstiftung gespürt, dass ich weiß, welcher der richtige Weg für mich ist. Das hat mich abgesichert, richtig entschieden zu haben.“ Auch Ihr Heimatverein, der Crefelder RC, leistete bis zum Karriereende einen kleinen Unterstützungsbeitrag.

Die Lehre war eine Befreiung, eine psychische Entlastung. Dank Abitur und guten Zwischenprüfungen konnte Lisa die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen. Das neue Leben mit 450 Euro im Monat bei 40 Stunden Wochenarbeitszeit trotzte ihr Disziplin ab – „das kann schon sehr demotivierend sein, aber als Azubi kannst du dir nicht viel rausnehmen.“ Ihre Eltern und besonders ihr Freund unterstützten Lisa bei der Miete für die gemeinsame Wohnung. „Außerdem brauche ich ohne den Kalorienverbrauch durch das Rudern nicht mehr dreimal täglich warm essen. Man entfernt sich schnell von der manchmal eintönigen Ruderwelt.“

Mehr Mut und gute Berufsberatung

Lisa hat drei Jahre studiert, weil das war der einfachste Weg war. „Aber es war für nichts“, weiß sie heute. Sie wollte den Anforderungen des Leistungssports bestmöglich gerecht werden. Sie spürte auch den Druck der Gesellschaft, sagt sie, mit Medaillen zu glänzen. Der Fokus war eindeutig, aber einförmig. „Mir fehlte damals, kurz nach dem Abitur, der Mut, den Weg einzuschlagen, der mir gefällt. Ich glaube, dass zwei bis drei Jahre Pause vom Leistungssport für die Ausbildung machbar gewesen wären. Das erfordert vorher jedoch eine gute Berufsberatung.“

 

Um den Fokus bei der berufliche Orientierung zu schärfen und die Persönlichkeitsentwicklung jugendlicher Leistungssportler zu fördern, hat die Sportstiftung NRW ein Pilotprojekt ins Leben gerufen. Das freiwillige Beratungsangebot richtet sich an alle Bewohnerinnen und Bewohner der Sportinternate in Nordrhein-Westfalen, die zwischen 2020 und 2022 das Abitur ablegen. Bei den Teilnehmern werden die Stärken, Verhaltenspräferenzen und Motive analysiert. Sie sollen objektiv reflektiert ihre persönlichen Möglichkeiten erkennen, um den Weg zu einem passenden Berufsbild zu finden.

Die zweijährige Pilotphase startete im Oktober 2019. Rund 40 Sportlerinnen und Sportler aus zehn Internaten haben bislang auf das Beratungsangebot zugegriffen (Stand Feb. 2020). Das Projekt ist Teil der Qualitätsoffensive in NRW-Sportinternaten.