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Volle Zeiten

Flashback April 2020. Wegen Corona dauert ein typischer Tag von Wasserballerin Ronja nur noch 16 statt 18 Stunden. Das Trainingsverbot im Aquadome Krefeld und das Arbeiten im Homeoffice spart vor allem Fahrtzeit. Jetzt kehrt die Belastung geballt zurück. Die unterbrochene Saison soll fortgesetzt werden und im Job steigt die Werkstudentin zur Vollzeitkraft auf. Ronjas Tage werden voller als zuvor. Sie sagt: "Ich packe das!"

Ronja Kerßenbooms Auftritt bei der Sportlerbörse. Der Captains Day 2019 gab den Anstoß zur Zwillingskarriere.

Der Wecker klingt wieder um kurz nach halb sechs. Vor der Arbeit in Neuss fährt Ronja zum Frühtraining nach Krefeld. Bis zum ersten Pflichtspiel, dem Pokalhalbfinale in Berlin, hat die Mannschaft des SV Bayer Uerdingen eineinhalb Monate, um in Form zu kommen. „Die aktuellen Defizite im Zusammenspiel und im taktischen Bereich waren unvermeidbar“, erklärt Ronja.

Wegen Corona und Chamorro: Die Spielzeit steht in Frage

Nach dem Lockdown durften die Spielerinnen im Mai zunächst vereinzelt das Schwimmtraining wiederaufnehmen. Im Juli bekam jede einen Ball, Passspiel oder Würfe auf den Kasten von Torfrau Ronja blieben aber verboten. „Wir mussten unsere Bälle sogar vor dem Training im Wasser desinfizieren.“ Inzwischen ist Körperkontakt wieder erlaubt. Geduscht wird aber immer noch auf Abstand.

„Wir halten uns strikt an die Hygieneregeln des Vereins. Mir ist das auch persönlich wichtig gegenüber meinem Umfeld. Wird eine von uns positiv auf Corona getestet, kann die gesamte Mannschaft ausgeschlossen werden. Der Spielbetrieb steht auf wackeligen Beinen“, sagt Ronja. Die Tests finden jeweils 48 Stunden vor einem Spiel statt.

Ob und wie lange Ronja tatsächlich spielt, ist aus einem weiteren Grund unsicher. Die deutsche Nationaltorhüterin hat starke Konkurrenz bekommen. Brasiliens Top-Torfrau, Victoria Chamorro, ist von Berlin nach NRW umgezogen und hat beim SV Bayer angeheuert. Klar ist, auch sie beansprucht Spielzeit. „Ich nehme das als Ansporn, im Training noch mehr Gas zu geben und will die Chance ergreifen, von ihr zu lernen“, gibt sich Ronja kämpferisch.

Der Aufstieg zu Vollzeit

Richtig reingehauen hat die 23-Jährige während der Corona-Pause als Werkstudentin eines Pharmaunternehmens. Dort stieg sie 2019 mit einem Praktikum ein, zu dem ihr die Sportstiftung NRW die Tür öffnete. Ab September wird Ronja unbefristet und in Vollzeit übernommen. Die Leistungssportlerin konnte sich über geraume Zeit empfehlen, auch beim jüngsten Projekt: Ronja bereitete wochenlang eine Anhörung vor, in der es um den Nutzen eines neuen Medikaments ging. „Ich bin mehr als dankbar für die Chance, daran teilnehmen zu dürfen, und für das Vertrauen, das mir meine Kollegen damit entgegengebracht haben.“

Spät Feierabend, aber mit der richtigen Planung geht alles

Nach dem erfolgreichen Abschluss nahm sich Ronja fünf Tage Urlaub. Nicht zum Relaxen, sondern um eine liegengebliebene Hausarbeit abzuschließen. Ihr Studium an der Uni Duisburg-Essen liegt in den letzten Zügen. „Durch das Deutschlandstipendium der Sportstiftung NRW hatte ich trotz Corona finanzielle Sicherheit für meine berufliche Ausbildung.“ Die Masterarbeit wird sie sich ab Oktober vornehmen, berufsbegleitend bei ihrem Arbeitgeber. Dann starten auch die Play-offs in der Wasserball-Bundesliga.

Ronja wird wieder öfter mit Muskelkater ins Büro kommen. Den Feierabend wird sie spät einläuten, nachdem auch der letzte Torschuss abgewehrt und die letzte Bahn geschwommen sein wird. „Durch Corona hatte ich in den vergangenen Monaten zwar mehr Zeit vom Tag, habe viel geschafft und konnte gefühlt auch einmal durchatmen“, resümiert die Athletin. „Ich packe aber auch Leistungssport und Beruf, weil ich mir sicher bin, dass mit der richtigen Planung Synergien entstehen, von denen ich und mein berufliches sowie sportliches Umfeld profitieren können.“