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Abi & Leistungssport: Linn hat Luft

Angefangen hat Linn beim kleinen Einmaleins und dem ABC. Das war vor etwa zwölfeinhalb Jahren. Gerade endet es mit Algebra, Gentechnik, Shakespeare und 200 Jahren deutscher Geschichte. Die 19-jährige Leistungssportlerin nähert sich großen Schrittes dem traumhaften Abitur-Notenschnitt 1,0.

Abiturientin Linn Kleine, 19, ist auf der Mittel- und Langstrecke zu Hause. Foto: Frank Zeising.

Die Schule ist Vergangenheit. Ende Mai hat Linn ihre letzte Abiturprüfung absolviert: Volle Punktzahl in Geschichte.

Bei der U18 EM in Györ brach Linn ihre persönliche Bestleistung über 3.000 Meter (9:27 Min.). Foto: Kai Peters.

Nach letzten Prüfungen in Bio, Englisch, Mathe und Geschichte setzt Linn zum Finish an. Übertragen auf die Laufbahn wäre die 5.000-Meter-Spezialistin nach zwölfeinhalb Runden schon im Ziel. Auch hier fing alles klein an mit dem Lauf-ABC. Sitzenbleiben war nie Thema. In der Schule lernte Linn die Uhr, im Sport den Wettlauf gegen selbige. Klasse um Klasse stieg sie auf und wurde auf der Langstrecke eine Klasse für sich. Ihre Bestzeit über die olympischen fünf Kilometer liegt bei 16:27 min.

Linn wohnt seit dreieinhalb Jahren im Sportinternat Dortmund und wird als herausragendes Talent von der Sportstiftung NRW gefördert. Neben Training und Schule blieb ihr meist wenig Zeit für andere Dinge. „Ich brauchte viel Disziplin, kann mich aber gut motivieren“, sagt sie.

Doppelter Bruch

Es kann fast kein Zufall sein, glaubt Linn. Mitte März bricht in Deutschland die Corona-Krise aus. Drei Wochen vor dem offiziellen Unterrichtsende für die Abiturjahrgänge machen in NRW die Schulen dicht. Zur gleichen Zeit hat die Athletin starke Schmerzen, die sie am Trainieren hindern. Sie kann nicht stehen, nicht liegen, geschweige laufen. Ein Ermüdungsbruch im Becken wird festgestellt und die strenge neue Order lautet Ruhe: null statt vier Stunden Training am Tag.

Für Linn ein Bruch im doppelten Sinne, andererseits jedoch eine perfekte Auszeit, um sich auf vollends fokussiert auf die Abi-Prüfungen vorzubereiten. „Ich glaube, mein Körper hat sich bewusst diesen Zeitpunkt ausgesucht und sich eine Pause verschafft“, sagt die Leichtathletin. Wegen Corona stehen keine Wettkämpfe im Kalender. Ihr nächstes Ziel, die U20 WM in Nairobi, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. So gilt: „Das Abi hat für mich oberste Priorität.“ Mit Spinning, Aquajogging und Yoga hält sie sich fit.

Laufen am Meer mit 1,0

Vor Wettkämpfen ist Linn ein „Nervenbündel“, ähnlich vor Prüfungen. Beim Lernen hielt sie es wie in einem Rennen: „Gleichmäßig und von vorne herein offensiv.“ Den Stoff der verlorenen drei Unterrichtswochen mussten sich die Abiturienten zu Hause weitestgehend selbst beibringen. Mit dem Verlauf ihrer Klausuren in Biologie und Englisch ist Linn dennoch sehr zufrieden, Mathematik hingegen sei schwer gewesen. „Ich habe noch nie so viele weinende Mitschüler nach einer Klassenarbeit erlebt“, erzählt Linn, die jedoch alle Aufgaben in der vorgegebenen Zeit geschafft hat. Gegen die Uhr arbeiten kann sie schließlich. Selbst wenn sie eine Prüfung in den Sand setzt, ist die 1,0 machbar. „Ich habe noch Luft“, sagt sie. Typisch Ausdauersportler.

Nach überstandener Geschichtsprüfung ist nun endgültig Schulschluss. „Klar möchten wir das feiern. Wegen Corona bangen wir aber noch um unseren Abi-Ball“, erklärt Linn. Zuvor zieht es die Sportlerin ans Meer, in die Niederlande, zum Ausspannen und Nichtstun – außer laufen, denn das klappt nach der Abi-Pause zum Glück wieder schmerzfrei.

Linn Kleine besucht das Goethe Gymnasium und wohnt im Sportinternat Dortmund. Als Leistungssportlerin konnte sie so ihr Abitur auf 13 Jahre strecken. Ab Oktober möchte sie ein naturwissenschaftliches Fernstudium beginnen. Seit 2017 die gebürtige Hammerin für LG Olympia Dortmund. 2019 errang sie bei den Deutsche U20-Meisterschaften zwei Vize-Titel (3000 m, 3x800 m Staffel) sowie einen 2. Platz bei den Langstreckenmeisterschaften über 5000 Meter. 2018 bei der U18 EM wurde Linn Vierte über 3.000 Meter und durfte deshalb an den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires teilnehmen. Gefördert wird die Nachwuchskader-Athletin von der Sportstiftung NRW.