Die aktuelle Story

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Die aktuelle Story: Léon, der Leichtathlet

Léon Schäfer ist eines der größten Talente in der Behinderten-Leichtathletik und auf dem beste Weg, seinen Vorbildern Heinrich Popow und Markus Rehm erfolgreich nachzueifern.

Léon Schäfer trainiert aktuell folgende Disziplinen: 100m, 200m, Weitsprung und Hochsprung

Der Junioren-Weltrekordler im Hochsprung startet für die Behindertensport-Abteilung des TSV Bayer 04 Leverkusen

Anke Feller, Vorsitzende der Sportstiftung NRW und Moderator Claus Lufen zeichnen Léon Schäfer mit dem felix-Award aus.

„Heinrich!“, sein sportliches Vorbild sei Heinrich, sagt Léon Schäfer. Dann stutzt der talentierte Behindertensportler und denkt noch mal nach. „Heinrich und Markus.“ Er meint damit Heinrich Popow und Markus Rehm. Zwei herausragende paralympische Akteure der vergangenen Jahre und seine Vereinskollegen beim TSV Bayer 04 Leverkusen. Mit beiden fühlt sich der 1997 in Großburgwedel bei Hannover geborene Schüler verbunden – jeweils auf eine andere Weise.

Mit Popow teilt er die Schadensklasse für oberschenkelamputierte Leichtathleten, T42. Er hält den Weltrekord über 100 Meter in 12,11 Sekunden. Auch Léon Schäfer ist schon Weltrekordler – bei den Junioren. Im Hochsprung mit 1,65 Metern. Bei einem kleinen Sportfest in seiner Heimat Bremen ist er sogar einmal über 1,70 Meter gesprungen, aber das war nicht international und daher keine neue Rekordmarke. Ist eh’ nicht so wichtig. Léon denkt über andere Herausforderungen nach. „Unter zwölf Sekunden die 100 Meter. Das ist mein Ziel. Und den Heinrich schlagen! Irgendwann ...“

Noch steht seine Bestmarke knapp über 13,5 Sekunden. Aber bei zwei- bis dreimal Training die Woche mit seinem Heimtrainer Roman Fricke ist da noch Luft nach oben. „Da geht noch einiges im Umfang und in der Technik“, ist sich Schäfer sicher. Er ist ja noch nicht lange dabei: Erst 2010 wurde aus Léon, dem Flügelflitzer und talentierten Fußballer mit Einladungen ins DFB-Stützpunkt-Training, ein junger Mann mit amputiertem Oberschenkel.

In der Uni-Klinik Münster mussten sie ihm den rechten Unterschenkel und das Knie abnehmen, um sein vom Krebs bedrohtes Leben zu retten. Als Alternative war noch eine Prothese als Knochenersatz im Gespräch, aber Sport wäre dann unmöglich gewesen. „Es war auf jeden Fall besser so.“ Die Krankheit und die Operationen haben Léon danach schnell erwachsen werden lassen. Reifer. Entschlossener. In der Schule ist er inzwischen ein Jahr zurückgegangen. Trotz eines Notendurchschnitts von 2,8. Er will ein noch besseres Abitur machen. Zum Sportmanagement zieht es ihn – und zum Vollzeitsport. Gerade NRW bietet für diese Kombination beste Voraussetzungen. „Ich setze mir meine eigenen Ziele. Und wenn ich ein Ziel erreichen will, dann gebe ich alles.“ Das verstehen seine meist älteren Freunde besser als viele Gleichaltrige. Vor allem aber seine Familie, seine Mutter Andrea, die ihn und seine drei Geschwister allein großzieht. Der älteste Bruder ist schon 34 und aus dem Haus. Mit der Mutter, den Schwestern Jasmin (22) und Cathérine (14) verbindet ihn viel. „Wir haben einen starken Zusammenhalt“. Vielleicht gerade weil das Geld oft knapp ist, helfen sie sich gegenseitig, auch „wenn Mama viel zu viel Angst um mich hat. Das nervt manchmal“.

Reife und Entschlossenheit. Das normale Gehen mit der Prothese lernte er schnell, aber schnell laufen ist nochmal eine ganz andere Nummer, ein sich stetig entwickelnder Prozess. Zudem meldet sich der Stumpf regelmäßig mit Haarwurzelentzündungen und verhindert auch schon mal das Training. Lästig, aber paralympische Normalität. „Ich treffe mich nicht immer“, erklärt Léon. „Ich bringe die Kraft nicht immer exakt auf die Prothese.“ Und dann sucht sich die Kraft andere Wege und nicht den in die gewünschte Laufrichtung. Noch nicht, womit wir zu Markus Rehm kommen.

In der Reha im Klinikum Bremen Mitte hatten die Patienten jeweils einen Wunsch frei. Léon Schäfer wünschte sich ein Treffen mit Markus Rehm. Schadensklasse T44. Inspiriert hatte ihn die Informationen aus der Behindertensportabteilung vom TSV Bayer 04 Leverkusen, die später auch den Kontakt zu Trainer Fricke vermittelte. Fricke war Athlet in Leverkusen und hatte vor einiger Zeit die elterliche Tischlerei im Norden übernommen. Mit Rehm, dem unterschenkelamputierten Star des Behindertensports, dem 8,24 Meter-Weitspringer und paralympischen Sieger verbrachte er ein Wochenende – und so wurde er Leon, der Leichtathlet. Und was für einer ...

Junioren-Weltrekordler im Hochsprung, mehrfacher Junioren-Weltmeister. Mehrfacher Medaillengewinner über 100 Meter, 200 Meter und im Weitsprung. 2014 für den NRW-Sportpreis Felix in der Kategorie Nachwuchs nominiert. Ein Athlet der Sportstiftung NRW. „Auch wenn ich mich erst an die Umstellung von Mannschaftssport auf Einzelsport gewöhnen musste, die Leichtathletik ist jetzt mein Ding.“ Seine sportlichen Ziele sind klar gesteckt: 2015 geht es zu den nächsten Junioren-Weltmeisterschaften in die Niederlande, immer mit seinem Vereinskameraden und Lieblingsgegner Philipp Waßenberg an der Seite. „Unsere Konkurrenz bringt uns weiter.“ Erst zur Erwachsenen-WM und vielleicht sogar bis zu den Paralympischen Spielen 2016 nach Rio. Und dort dann als frischgebackener Abiturient den Heinrich schlagen...