Die aktuelle Story

Die aktuelle Story: Keshia, die Sprinterin

Die schnellen Beine hat Keshia Kwadwo vom Papa, den sportlichen Ehrgeiz lebten ihr ihre Geschwister vor. Die 17-Jährige vom TV Wattenscheid 01 gilt als eines der Top-Talente im deutschen Damen-Sprint. Doch die junge Sportlerin ist nicht nur flink mit den Beinen.

Flinke Beine: Ihre Sprintzeiten konnte Keshia zuletzt stetig verbessern. (Foto: TV Wattenscheid 01)

Vielseitig: Auch in den Staffelwettbewerben zeigte Keshia bereits ihre Stärke. (Foto: TV Wattenscheid 01)

Gruppenbild mit Damen: Preisträgerin Keshia Kwadwo (M.) im Kreise ihrer Eltern Sherry und Osam (l.), Gisela Hinnemann von der Sportstiftung NRW (3.v.r.), Michaela Noll, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, und Leonhard Kuckart, Landesvorsitzender der CDU-Senioren-Union NRW. (Foto: Axel vom Schemm)

Roter Teppich: Keshia beim Felix Award 2016, der Wahl zum NRW-Sportler des Jahres. Diesmal ging die noch leer aus. (Foto: Andrea Bowinkelmann)

(Foto: TV Wattenscheid 01)

Fokussiert: "Ich brauche vor dem Rennen Nervosität" sagt Keshia. Sie helfe ihr, Bestleistungen zu liefern. (Foto: TV Wattenscheid 01)

Als es sportliches Talent regnete, stand Osam Kwadwo offenbar genau unter der Wolke – angesichts der Top-Athleten, die Familie Kwadwo immer wieder hervorbringt. Vater Osam selbst, der 1980 aus Ghana nach Deutschland kam, galt in den 1980er-Jahren als schnellster Fußballer der Oberliga Westfalen. Der Legende nach lief er die 100 Meter unter 11 Sekunden. Fragt man ihn heute danach, nickt er eifrig und lächelt etwas stolz.

Vererbt hat er das Sprinter-Gen unzweifelhaft seinen Kindern. Sohn Leory spielt, wie der Papa, Fußball, in der Regionalliga. Seine Töchter Yasmin und Keshia sind als Sprinterinnen extrem schnell unterwegs. Um Keshia, der mit knapp 18 Jahren Jüngsten im Kwadwo-Klan, soll es in dieser Geschichte gehen.

Wäre da nicht die neun Jahre ältere Schwester, die als Ersatzläuferin der Vier-mal-100-Meter-Staffel der Damen bei den Olympischen Spielen in London dabei war – wer weiß, ob Keshia überhaupt den Weg zur Leichtathletik gefunden hätte. Denn zunächst war das Wasser ihr Element, als Schwimmerin machte sie mit ihrem Talent auf sich aufmerksam. Mit neun Jahren – und angesichts der starken Leistungen von Yasmin – wurde der Reiz dann aber offenbar zu groß, ihrer Schwester nachzueifern. Dem Wechsel vom Becken auf die Tartanbahn folgten schnell erste Erfolge, die ersten Schritte der noch jungen Karriere legte sie, wie soll es anders sein, im Sprinttempo zurück.

Beim Thema Geschwindigkeit funkeln die Augen

„Ich liebe Geschwindigkeit“, sagte die Athletin des TV Wattenscheid 01 einmal in einem Interview. Und wer mit ihr über die Leichtathletik im Allgemeinen und das Sprinten im Besonderen spricht, blickt in Augen, die vor Begeisterung funkeln. Keshia entwickelte sich in den folgenden Jahren unter ihrem Trainer Slawomir Filipowski zu einer der großen deutschen Sprinthoffnungen und kann auf eine respektable Erfolgsgeschichte zurückschauen (vgl. Kasten  „Zur Person“).

Schon mit 15 Jahren startete sie bei der U18-DM als Mitglied der siegreichen 4x100 Meter-Staffel. Und holte sich die U16-Titel über 100 Meter und 4x100 Meter. Es folgten weitere nationale Meistertitel im Einzelrennen und in der Staffel, bei der U18-WM in Cali schaffte sie es in den Endlauf. Vorläufiger Höhepunkt war die Teilnahme an der U18-Europameisterschaft 2016 in Tiflis/Georgien. Dort ließ die 17-Jährige ihre Konkurrenz in 11,76 Sekunden über die 100 Meter hauchdünn hinter sich und holte die Goldmedaille.

Ein Sprint in die Sport-Geschichtsbücher

Ganz nebenbei ersprintete sie sich einen Platz in den Leichtathletik-Geschichtsbüchern. Denn da es die erste U18-EM überhaupt war, ist sie auch auf ewig die erste U18-Europameisterin in dieser Disziplin. Dass Keshia auch kurz kann, zeigte sie in diesem Jahr. Über 60 Meter hält mit 7,36 Sekunden den Rekord in der Kategorie U18. „Ich brauchte nach Tiflis ein paar Tage, um das zu realisieren“, erinnert sich die Teenagerin, die im Juli volljährig wird. Dass sie vor dem Rennen, zu dem sie leicht favorisiert angetreten war, nach eigener Aussage „total nervös“ im Startblock stand, sieht sie in der Rückschau auffallend gelassen. „Nervosität ist gut für mich. Ich brauche das, um meine Topleistung bringen zu können“, sagt sie und lächelt dabei.

Grund zum Lächeln hat auch Trainer Filipowski, der Keshia seit zwei Jahren betreut. Aber er weiß auch, dass sich Keshia mit dem Schritt in die Erwachsenenwettbewerbe noch einmal hinten anstellen muss. „Sie bringt sehr viel Talent mit. Aber wir planen alles Schritt für Schritt“, sagt der Coach. „Deswegen bleiben wir derzeit noch beim allgemeinen Grundlagentraining. Der Weg wird noch steinig werden, und Erfolge im Wettkampf sind nicht planbar“, mahnt Filipowski. Wenngleich er um eine besondere Qualität seines Top-Talents weiß: „Sie geht im Wettbewerb an ihre Grenzen und darüber hinaus. Das unterscheidet auf lange Sicht die Besten von den Guten.“

Und wann überholt Keshia ihre Schwester Yasmin, die es inzwischen nach Mannheim verschlagen hat? „Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie Yasmin besiegt“, sagt ihr Trainer. Körperlich sei sie mit 15 Jahren schon deutlich weiter gewesen, was sich nun auszahle. Keshia selbst hält sich bei dem Thema bedeckt. „Yasmin ist nach wir vor mein großes Vorbild und was sie erreicht hat, muss ich erst schaffen“, sagt Keshia. Vor allem bei gemeinsamen Wettkämpfen – 2015 trat Keshia bei den Deutschen Meisterschaften in der Staffel das erste Mal gegen ihre Schwester an – ist es ehr ein Mit- statt ein Gegeneinander. „Sie gibt mir viele Tipps, wie ich Dinge besser machen kann. Vor allem wenn der Trainer nicht da ist, ist das schon eine sehr gute Situation“, sagte Keshia kürzlich in einem Pressebericht.

Bei aller Bescheidenheit weiß Keshia aber genau, wohin sie sportlich will. „Sie ist sehr selbstbewusst und zielgerichtet. Und sie schaut sich von anderen Athleten etwas ab“, lobt sie ihr Trainer. Keshia unterstreicht das. Und sagt, wie gern sie trainiere – derzeit rund 12 Stunden pro Woche an sechs Tagen – und wie sehr sie von ihrer Trainingsgruppe profitiere, in der sie sich mit etablierten Olympioniken wie Diskusriese Daniel Jasinski oder Hürden-Ass Pamela Dutkiewicz austauschen kann. Um zu ergänzen: „Mein klares Ziel ist, 2020 nach Tokio zu fahren. Die drei Jahre bis dorthin gehen schnell vorbei.“ So kann man Schritt für Schritt auch interpretieren …

Bei allem Talent: Möglich ist eine solch positive Entwicklung wohl nur mit einem entsprechend leistungssportfördernden Umfeld. Da ist die Familie, die im positiven Sinn sportverrückt ist und den Töchtern das Training am Bundesstützpunkt ermöglichte. Da ist ein gut aufgestellter Verein, der beste Trainingsbedingungen bietet. Nicht zu vergessen das nahegelegene Hellweg-Gymnasium, eine von 18 NRW-Sportschulen und Eliteschule des Leistungssports, wo Keshia Sport und Schule unter einen Hut bringen kann. Dass ihr das gelingt, zeigen die herausragenden Zeugnisnoten. Nicht zufällig kürte sie der Deutsche Olympische Sportbund 2015 zur „Eliteschülerin des Jahres“.

Erfolgreich auch abseits der Tartanbahn

Einen Berufswunsch hat sie auch schon: Zur Bundespolizei zieht es die Sprinterin. „Die Sportstiftung NRW betrachtet Leistungssport und Bildung als untrennbare Einheit. Umso mehr freut es mich zu sehen, dass eine junge Sportlerin wie Keshia in beiden Bereichen tolle Leistungen zeigt“, sagt Gisela Hinnemann. Die stellvertretende Vorsitzende der Sportstiftung NRW sprach kürzlich die Laudatio auf Keshia Kwadwo. Die CDU Senioren-Union NRW hatte das große Talent auf Vorschlag der Stiftung mit dem Sportförderpreis 2017 ausgezeichnet und mit 5000 Euro bedacht. „Der Preis bedeutet mit sehr viel. Das ist eine tolle Anerkennung und eine große Motivation, genau so weiterzumachen“, sagte die 17-Jährige in ihren Dankesworten bei der festlichen Preisverleihung in Schloss Benrath. Und wer genau hinschaute, konnte wieder die leuchtenden Augen sehen.


Zur Person: Keshia Kwadwo

Persönliches

Keshia Kwadwo kam am 10. Juli 1999 zur Welt. Sie ist das jüngste von drei Kindern, Bruder Leroy (geboren am 15. August 1996) spielt Fußball, Schwester Yasmin (geboren am 9. November 1990) ist ebenfalls eine erfolgreiche Sprinterin. Ihre Eltern Osam und Sherry stammen aus Ghana und leben seit 1980 in Deutschland.

Sportliches

Keshia trainiert beim TV Wattenscheid 01. Ihre Erfolge in Zahlen:

  • Gold U18-EM 2016 (100 Meter)
  • Bronze U20-WM 2016 (4x100 Meter)
  • Gold U18-DM 2016 und 2015 (100 Meter)
  • Silber DM 2016 (4x100 Meter)
  • Gold U18-DM 2015 (4x100 Meter)
  • Bronze U20-Hallen-DM 2015 (4x200 Meter)
  • Gold U16-DM 2014 (100 Meter)
  • Gold U16-DM 2014 (4x100 Meter)