Die aktuelle Story

Die aktuelle Story: Isabelle, die Freiwasserschwimmerin

Den Traum von der Olympiaqualifikation konnte sich Schwimmerin Isabelle Härle bereits erfüllen – wenngleich sie dafür aus dem geliebten Becken ins Freiwasser wechseln musste. Parallel dazu schwimmt sie sich derzeit auch im Berufsleben frei: Im Zuge des Bausteins „Zwillingskarriere“ der Sportstiftung NRW hat sie beim Landessportbund NRW angedockt.

Auch, weil's wärmer ist: Das Hallenbecken mag Isabelle eigentlich lieber als das Freiwasser. (Foto: Frank Dursthoff)

Einer Meinung: Isabelle Härle hat ihre berufliche Zukunft selbst in die Hand genommen - ganz im Sinne des früheren Schwimmweltmeisters und Sportstiftung-Botschafters Christian Keller, mit dem sie gemeinsam in Essen trainiert.

Neues Terrain: Isabelle an ihrem (noch) Teilzeitarbeitsplatz im Referat Leistungssport des Landessportbundes NRW.

Isabelles Bruder im Geiste: NFL-Star Nate Ebner von den New England Patriots wechselt zeitweise zum Rugby - um bei den Olympischen Spielen in Rio dabei sein zu können. (Foto: New England Patriots)

Spitzensportler sind meist sehr pragmatische Menschen, wenn es darum geht, den eigenen Zielen nachzueifern. So überraschte NFL-Football-Star Nate Ebner von den New England Patriots kürzlich mit der Nachricht, sich einen lange gehegten Traum zu erfüllen – er startet bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Allerdings als Mitglied des US-amerikanischen 7er-Rugby-Teams. Was soll man auch machen, wenn die Paradesportart derzeit noch nicht olympisch ist? Sein NFL-Team hatte jedenfalls nichts gegen Ebners geplanten Ausflug in die andere Sportart.

Schwimmerin Isabelle Härle hat sicherlich geschmunzelt, als die Nachricht, die in den USA hohe Wellen schlug, über den Ticker kam. Mag sie Ebners ungewöhnlicher Plan doch ein wenig an die eigene Karriere erinnert haben. Musste doch auch sie für Olympia die Disziplin wechseln, wobei sie zumindest in ihrem Element bleiben konnte – und das im wahrsten Wortsinn.

Im Freiwasser deutlich besser

2011 verließ die heute 28-Jährige das heißgeliebte Hallenbecken und wechselte ins Freiwasser. „Das war kein leichter Schritt für mich. Freiwasserschwimmen ist schließlich etwas völlig anderes“, sagt die Bad Saulgauerin, die nach einer Zwischenstation in Heidelberg seit 2012 für die SG Essen startet und auch vor Ort lebt. „Aber ich musste mir eingestehen, dass ich im Freiwasser deutlich besser bin. Und grundsätzlich macht man lieber das, worin man erfolgreich ist“, sagt Isabelle Härle.

Zwar schwamm sie auch im Becken zu mehreren nationalen Titeln – 2010 wurde sie in 8:38,02 Minuten deutsche Meisterin über 800 Meter und legte über 1.500 Meter Freistil in 16:22,05 Minuten nach. Bei den Deutschen Schwimmmeisterschaften schaffte sie im Jahr darauf über 400 (4:12,81 Minuten), 800 (8:34,83 Minuten) und 1500 Meter Freistil (16:20,17 Minuten) sogar ein inoffizielles Triple. Doch zur Qualifikation für die Beckenwettbewerbe der Schwimmweltmeisterschaften in Shanghai reichte es leider nicht – und auch der Traum von der Olympiateilnahme schien einer zu bleiben. Bis ihr Stefan Lurz, Bundestrainer für das Freiwasserschwimmen, einen Platz in seinem WM-Dreier-Team für die Fünf-Kilometer-Distanz schmackhaft machte. Härle sagte zu. Und kraulte auf Anhieb zu Bronze.

Fehlt ihr im Becken laut Bundestrainer Henning Lambertz ein wenig die Grundschnelligkeit, so sei sie im Freiwasser eine der Schnellsten. Und nach dem deutlich verpassten Olympiaticket für London 2012 sah auch Isabelle ein, dass der Weg nach Rio für sie nur übers Freiwasser führen konnte. Und ihre gezeigten Leistungen bestätigen das: Bei der Schwimm-WM 2013 in Barcelona sollte sie gemeinsam mit Thomas Lurz und Christian Reichert Gold im Team-Wettbewerb, bei der EM in Berlin siegte sie im Einzelwettbewerb über fünf Kilometer in 57:55,7 Min. In Rio peilt sie die 10-Kilometer-Strecke im Einzel an. „Das ist vergleichbar mit einem Marathonlauf – ganz schön anstrengend“, sagt die Felix-Award-Gewinnerin von 2014 lächelnd.

Doch schon der Weg nach Brasilien sollte sich als unwegsam erweisen, denn beim Freiwasserschwimmen geht es um mehr als nur die persönliche Leistungsfähigkeit. „Das Gerangel auf der Strecke ist nicht zu unterschätzen. Das kannte ich aus dem Hallenbecken natürlich nicht, und damit musste ich umzugehen lernen“, sagt Härle. Und auch die Bedingungen sind nicht immer leicht: sehr kühles Wasser, Strömungen und tote Ratten oder Sperrmüll im Meer wie bei der WM im Hafenbecken von Barcelona – manches Rennen entpuppt sich als wahrer Abenteuertrip.

Wettkämpfe rund um den Globus

Doch wer sein „Wofür?“ kennt, blendet das „Wie?“ aus. Isabelle schwamm Wettkämpfe rund um den Globus, unter anderem in Hongkong, Ungarn und Abu Dhabi. Die Strapazen waren nicht ohne: Für zwei Stunden Wettkampfschwimmen ging es schon mal 19.000 Kilometer hin und zurück nach Mexiko – binnen vier Tagen. Doch der Aufwand sollte sich lohnen: Bei den Freiwasser-Weltmeisterschaften in Kazan kam sie über 10 Kilometer als siebte ins Ziel und hatte das Olympiaticket für Brasilien in der Tasche. Dort wartet mit dem Wettkampf direkt an der Copacabana ein weiteres Karrierehighlight – dank der touristischen Lage vermutlich ohne böse Überraschungen im Wasser.

Weinend vor Freude feierte sie in Russland mit ihrem langjährigen Freund Hendrik Feldwehr. Der ist bekanntlich ebenfalls Schwimmer, muss aber bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin im Mai nachziehen, will er seiner Partnerin nach Rio folgen. Sehr viel Zweisamkeit werden die beiden daher in den kommenden Wochen nicht genießen können. „Leider ist unsere Vorbereitung eine komplett andere. Hendrik wird mit der Mannschaft ins Trainingslager nach Florianopolis in Brasilien reisen, ich in die Türkei“, erklärt Isabelle. Und selbst, wenn auch Hendrik die Qualifikation schafft: Im Olympischen Dorf gibt’s getrennte Zimmer. „Das ist leider so. In den Apartments wohnen auch andere Schwimmerinnen, deshalb wären wir dort komplett getrennt“, sagt die 28-Jährige. Eine sportliche Prognose wagt Isabelle Härle übrigens nicht, Platz 25 sei genauso realistisch wie eine Medaille. „Zu viele Unwägbarkeiten“, sagt sie und zuckt lachend die Schultern.

Wie gut, dass sich das Leben außerhalb des Wassers etwas verlässlicher planen lässt. Derzeit schraubt Isabelle eifrig an ihrer Karriere nach dem Sport. Seit September 2015 arbeitet die angehende Masterstudentin der Bewegungs- und Gesundheitswissenschaft einmal wöchentlich im Referat Leistungssport beim Landessportbund in Duisburg. Die Sportstiftung  NRW hatte die 28-Jährige im Rahmen der „Zwillingskarriere“, einem eigens konzipierten Baustein der dualen Karriere im Sport, dort unterbringen können – auf ausdrücklichen Wunsch von LSB-Vorstand Christoph Niessen, der sich einen „Zwilling“ im eigenen Haus gewünscht hatte. Ein Anruf von Sportstiftung-Geschäftsführer Jürgen Brüggemann bei Peter Freyer, Leistungssportreferent beim Schwimmverband NRW, und der Kontakt war geknüpft.

Beim Landessportbund freigeschwommen

Ob ihre Schwimmkarriere nach Rio weitergeht? „Das hängt natürlich auch vom Ergebnis ab“, sagt Härle, die sich mit 28 Jahren aber natürlich im fortgeschrittenen Sportleralter weiß. In jedem Fall weitergehen soll der Job beim LSB. „Das Aufgabengebiet ist sehr spannend. Als aktive Sportler bekommen wir ja gar nicht mit, was alles um uns herum getan wird, damit wir Topleistungen bringen können. Und diesen ersten Eindruck möchte ich vertiefen“, sagt Härle. Außerdem sei der LSB sehr flexibel, was ihre Zeiteinteilung betrifft. „Wer Leistungssport treibt, braucht solche Rahmenbedingungen, weil jede Woche anders ist“, sagt Isabelle. Das sei natürlich auch für Unternehmen nicht so einfach.

Im Umkehrschluss glaube sie aber, dass Leistungssportler viele für den Arbeitgeber positive Eigenschaften mitbringen. Das sieht man beim LSB offenbar genauso. Man bemühe sich intensiv, so heißt es aus Duisburg, die 28-Jährige langfristig zu binden.

Und mit Langstrecken kennt sich Isabelle Härle ja bestens aus.