Die aktuelle Story

Die aktuelle Story: Helge, Mr. Speerwurf

Nerius, Stahl oder Molitor: Unter der Anleitung von Trainer Helge Zöllkau gelang vielen Top-Athletinnen am Speer im wahrsten Wortsinn der große Wurf. Was kaum einer ahnt: Der Weg des 54-Jährigen zum Erfolgstrainer war lang und steinig – und führte ihn sogar auf die Arabische Halbinsel.

Trainer des Jahres 2015: Erfolgscoach Helge Zöllkau (r.) bei der Ehrung im Rahmen des Felix Award 2015. Links Moderator Claus Lufen.

Sie führte Zöllkau in die Weltspitze: Speerwerferin Linda Stahl (Bestleistung: 67,32 Meter, 2014). Der Sportstiftung ist die studierte Medizinierin im Rahmen der Zwillingskarriere verbunden.

Auf die Frage, warum er sich für den Trainerberuf entschieden hat, hält Helge Zöllkau eine überraschende Antwort parat. „Auf ein Mathestudium hatte ich keine Lust und für Medizin reichte der Abiturschnitt nicht“, sagt er nicht ohne sein typisches Schmunzeln. Tatsächlich sei ihm mit Beginn seines Sportstudiums Ende der 1970er-Jahre an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig bald klar geworden, dass ihn das Trainerdasein sehr reizt. Die eigene Speerwurfkarriere (Bestweite 66,04 Meter) fortzusetzen, stand für ihn zu dieser Zeit schon nicht mehr zur Debatte. „Mir wurde zwar nachgesagt, dass ich sehr trainingsfleißig war. Für ganz oben hat es aber leider nicht gereicht. Daher war ein Studium sinnvoller. Und Sport war das, was mir am meisten Spaß gemacht hat“, sagt Zöllkau.

Mischung aus Disziplin und Spaß

Spaß, den er bei aller nötigen Disziplin und Härte als Trainer offenbar auch immer seinen Athleten vermitteln konnte. Heute ist Zöllkau bereits im 17. Jahr Wurftrainer beim TSV Bayer 04 Leverkusen und kann auf viele internationale Erfolge zurückblicken, die er unter anderem mit Weltklasseathletinnen wie Steffi Nerius, Linda Stahl oder Katharina Molitor feierte (siehe Kasten). Dabei hatte alles recht beschaulich begonnen. Als Assistenztrainer von Bernd Thomas, der beim SC DHfK Leipzig unter anderem die DDR-Diskus-Olympiasiegerin von 1988, Martina Helga Opitz, trainierte, sammelte der gebürtige Gräfenthaler während des Studiums erste Erfahrungen. Beim SC Motor Jena arbeitete der Thüringer 1987 als Nachwuchstrainer erstmals in vorderster Reihe – allerdings noch auf bescheidenem Niveau. „Da habe ich durchschnittlich talentierte Jugendliche aus den 7. bis 9. Schulklassen angeleitet. Außerdem war ich Übergrößensichtungstrainer.“ Wer dabei einen Ausflug in die Modewelt vermutet, liegt daneben. Tatsächlich gehörte es zu Zöllkaus Aufgaben, alle Schüler in seinem Bezirk in Augenschein zu nehmen. „Jeder, der größer war als ich, wurde zum Sichtungstraining für die Wurfdisziplinen eingeladen“, erinnert sich der 1,85-Meter-Mann.

Dass Zöllkau, im Jahr 2015 zum NRW-Trainer des Jahres gekürt, einmal eine solche Karriere hinlegen würde, war damals noch nicht absehbar. Und der Erfolg kam auch nicht über Nacht, sondern ist das Ergebnis von Fleiß, Geduld und einer großen Portion Idealismus. Denn spätestens nachdem Zöllkau 1990 zusammen mit seiner Frau Antje – ebenfalls Speerwerferin – zur MTG Mannheim wechselte, lernte er die Schattenseiten des Trainerdaseins kennen. Sein persönliches Motto „Überwinden heißt siegen“ hat ihm in dieser Zeit sicherlich geholfen. Neun Jahre lang musste Zöllkau mit einer halben Stelle über die Runden kommen, finanziell stockte er als Honorartrainer beim Verband und als Privattrainer in regionalen Sportvereinen auf. Dass ihn sein Weg nach einem Intermezzo als DLV-Juniorentrainer für Kugelstoßen schließlich in den Katar führte, lag sicherlich nicht in erster Linie an der sportlichen Perspektive als Nationaltrainer auf der Arabischen Halbinsel. „Das erste Jahr dort war schon sehr exotisch, dennoch hätte ich meinen Fünf-Jahres-Vertrag dort erfüllt“, erinnert sich Wurftrainer. Doch als dann im Oktober 1999 eine Festanstellung beim TSV Bayer Leverkusen als Trainer für die Wurfdisziplinen lockte, war die Entscheidung zur Rückkehr nach Deutschland schnell getroffen.

Diese Jahre haben Zöllkaus Bild vom Trainerberuf in Deutschland geprägt. Schlecht bezahlt und chronisch überlastet sieht er viele Vertreter seiner Zunft, empfehlen würde er den Trainerjob heute niemandem mehr.

Neuer Schwung unterm Bayerkreuz

Seine eigene Karriere nahm unter dem Bayerkreuz noch einmal richtig Fahrt auf. Obwohl er auch Hammerwerfer wie Markus Esser zu vielfachen Deutschen Meistern machte, zahlten vor allem die Triumphe der Speerwerferinnen auf sein Image als Erfolgstrainer ein. Doch mit seinem Renommee beschäftigt sich der 54-Jährige nicht, in Titeln sieht er keinen Gradmesser für seine Arbeit. „Die positive Entwicklung eines weniger talentierten Sportlers ist für mich als Trainer die bemerkenswertere Leistung. Bringe ich ihn zu den Ergebnissen, die sein Leistungsvermögen maximal zulässt, ist das für mich der bessere Job, als wenn ich mit einem Top-Talent einen Wettkampf gewinne“, sagt Zöllkau.

Errungene oder nicht errungene Titel dermaßen entspannt einzuordnen, ist  sicher auch das Spiegelbild von Zöllkaus inzwischen langjähriger Erfahrung. Ob er heute ein anderer Trainer sei als vor 20 Jahren, könne er allerdings nicht einschätzen. „Meine ehemaligen Athleten sagen, dass ich viel netter geworden bin“, sagt Zöllkau und lacht, nicht ohne nachzuschieben: „Streng bin ich noch immer, ich bringe das aber heute vielleicht etwas besser rüber“.

Die Sportwissenschaft immer im Boot

Auf seine Erfahrung allein verlässt sich Helge Zöllkau im Training aber nicht. Ob Durchschnittsathlet oder Medaillenkandidat: Ohne die Hilfe der Sportswissenschaft, glaubt er, sind Topleistungen kaum noch zu erreichen. „Ich hole viele Expertenmeinungen ein – der Austausch mit Trainern, Leistungsdiagnostikern und Biomechanikern ist mir enorm wichtig. Auch die sportpsychologische Betreuung der Athleten sehe ich sehr positiv“, sagt Zöllkau. Mit Biomechaniker Dr. Falk Schade vom Olympiastützpunkt Rheinland beispielsweise arbeitet er seit Jahren eng zusammen. Auch die komplexen Leistungsdiagnostiken, für die er mit seinen Sportlern viermal pro Jahr für zwei Tage ans Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig fährt, „seien sehr sinnvoll für die Kaderathleten“. Den direkten Austausch zwischen Athlet und Wissenschaftler sieht Zöllkau allerdings nicht gern. „Der Experte muss mit mir besprechen, was wir im Training machen sollten, aber er muss nicht mit dem Sportler darüber diskutieren. Viele bringt das eher durcheinander“, sagt der Wurftrainer. Grundsätzlich wünscht er sich seitens der Forschung deutlich mehr und kontinuierlichen Input für seine tägliche Arbeit, punktuell gebe es dort nämlich großen Nachholbedarf: „Meines Wissens gab es in den vergangenen 20 Jahren zum Beispiel nur zwei relevante Veröffentlichungen zum Hammerwerfen. Das ist Stillstand“, klagt Zöllkau.

Und Stillstand ist nicht seine Sache. Trotz der großen Erfolge als Speerwurftrainer würde er seine Paradedisziplin einem Kollegen überlassen, so sich denn ein geeigneter Kandidat findet. „Im Erfolg lässt sich so etwas immer leichter regeln. Und wenn Linda und Katharina aufhören, könnten Diskus, Kugel und Hammer eine konzeptionelle Spezialisierung für mich werden“, sagt Zöllkau, der seit 2013 auch Bundestrainer der Hammerwerfer ist, vorausblickend. Schließlich machten ihm diese Disziplinen auch Spaß und seine Erfahrung als Speerwurftrainer gehe ja nicht verloren.

Zunächst stehen nun aber die Olympischen Spiele in Rio vor der Tür. Die Goldmedaille fehlt bislang in seiner gut gefüllten Titelsammlung. Im August wissen wir, ob Linda Stahl in Brasilien der ganz große Wurf gelungen ist. „Das wäre natürlich der Hammer“, sagt Zöllkau, dem Olympiagold in seiner Titelsammlung noch fehlt. Da ist es wieder, das typische Schmunzeln.

Zur Person

Geboren am 11. Juli 1961 in Gräfenthal, Thüringen
Als Speerwerfer aktiv bis 1978, Bestweite 66,04 Meter
Trainerstationen: Leipzig, Jena, Mannheim, Katar, Leverkusen

Seine Erfolge als Trainer

Eine kleine Auswahl:
Steffi Nerius: Olympia-Silber 2004 (64,84 m), WM-Gold 2009 (67,30 m)
Linda Stahl: EM-Gold 2010 (66,81 m); Olympia-Bronze 2012
Katharina Molitor: WM-Gold 2015 (67,69 m)