Die aktuelle Story

Die aktuelle Story: Franzi, die Kugelstoßerin

Franziska Liebhardts kurze paralympische Karriere ist eine der beeindruckenden Geschichten im deutschen Behindertensport. Im Gespräch mit der Sportstiftung NRW berichtete die 34-Jährige von erstaunlichen Erfolgen im Bankdrücken, ihrer Abkehr vom Schwellentraining und warum sie ihre Trainingspartner in Leverkusen trotz des Paralympics-Gold manchmal necken.

Der Moment des Triumphs: Gleich stößt Franziska Liebhardt die Drei-Kilogramm-Kugel auf die Weltrekordweite von 13,96 Meter. Die Chinesin konnte nicht mehr nachlegen, das bedeutete Gold. (Foto: Ralf Kuckuck, DBS-Akademie)

Ehrenrunde: Mit Deutschland-Flagge feierte die Paralympicssiegerin im Stadionrund von Rio. (Foto: Ralf Kuckuck, DBS-Akademie)

Hart aber fair: Trainerin Steffi Nerius (stehend) hat gut Lachen – sie muss die Langhantel ja nicht stemmen. "Steffi ist klar in der Ansprache, man weiß bei ihr immer, woran man ist", sagt Liebhardt über Nerius. "Wir haben uns super verstanden."

Erfolgsduo Nerius-Liebhardt: die Speerwurf-Weltmeisterin von 2009 führte die Kugelstoßerin und Weitspringerin 2016 zu Gold und Silber.

Zweites Wohnzimmer: In der Leichtathletikhalle am Bundesstützpunkt in Leverkusen verbrachte Franziska Liebhardt in den vergangenen zwei Jahren viel Zeit.

Geht nicht? Gibt’s nicht! Viel treffender lässt sich Franziska Liebhardt nicht beschreiben. Der Blick auf die sportlichen Leistungen der 34 Jahre alten Medaillengewinnerin im Kugelstoßen und Weitsprung bei den Paralympics 2016 zeigt, was mit eisernem Willen und einem großen Ziel möglich ist. Natürlich nicht, ohne jede Menge Schweiß im Kraftraum vergossen zu haben. Denn Wunder gibt es freilich nicht, nur Training. Wenngleich die Tatsache, dass Franziska – die auf der Leichtathletikanlage ihres Vereins TSV Bayer 04 Leverkusen alle nur Franzi rufen – die Kugel in Rio auf Goldweite stieß, zumindest ein kleines medizinisches Wunder ist.

Seit 2005 weiß Franzi, dass sie an einer systemischen Autoimmunerkrankung leidet, welche fortschreitend ihre Organe befällt. Lunge und Nieren mussten bereits transplantiert werden. Die kühnsten Optimisten hätten nach der Lungen-OP 2009 nicht gedacht, dass sie es in Rio aufs Treppchen schaffen könnte. „Solche Dinge haben damals gar keine Rolle gespielt. Ich brachte vielleicht noch 50 Kilogramm auf die Waage, war völlig ausgemergelt. Für mich hieß es nur: überleben und gesund werden“, erinnert sich Franziska, die sehr offen über ihre Leidensgeschichte spricht. „Ich habe nach dem Eingriff wieder angefangen, mich körperlich zu betätigen, um fit für den Alltag zu werden. Der Sport hat mich zurück ins Leben geführt. Aber an Leistungssport habe ich ganz sicher nicht gedacht“, berichtet sie schmunzelnd.

Plötzlich Kugelstoßerin

Das änderte sich, als sie in der Freizeitsportgruppe ihres Heimatvereins in Würzburg einen Übungsleiter hatte, der von Hause aus Kugelstoßer war. „Ich machte körperlich gute Fortschritte und entwickelte den Ehrgeiz, die Belastung Schritt für Schritt zu steigern. Und mein Trainer hat mich ermutigt, mehr zu machen. Irgendwann fragte er, ob ich nicht Lust hätte, einmal Kugelstoßen zu probieren“, erinnert sie sich. So fing es an.

Warum ihr damaliger Trainer ihr ausgerechnet die Stoßdisziplin schmackhaft machen wollte, weiß Franzi bis heute nicht. „Vermutlich nur, weil er Spaß an der Sportart hatte. Die typische Kugelstoßerin bin ich ja nicht“, sagt die sehr schlanke Athletin, die optisch tatsächlich eher als Langstreckenläuferin durchgehen würde. Je mehr sich Franziska erholte, desto größer wurde ihr Ansporn, besser zu werden. Und als Wettkampfsportlerin – bis 2007 hat sie in der dritthöchsten Liga Volleyball gespielt – reichte es ihr irgendwann nicht mehr, nur zu trainieren. Sie startete bei den Europa- und Weltmeisterschaften der Organtransplantierten, und das sehr erfolgreich.

Neue Perspektive Paralympics

Doch dann folgte der nächste Schicksalsschlag: „Die Erkrankung hat auch mein zentrales Nervensystem befallen und ich habe einen Schlaganfall gehabt. Seitdem ist meine rechte Körperhälfte teilweise gelähmt“, sagt Liebhardt. So bitter dieser erneute Krankheitsschub war – sportlich eröffnete er ihr eine Perspektive. „Ich durfte mit dieser Behinderung paralympisch starten. Und da ich mich leistungsmäßig noch einmal steigern wollte, wurde Rio 2016 zu meinem großen Ziel“, sagt Liebhardt. Bei der Organtransplantierten-WM in Südafrika bestritt sie dann offiziell ihren letzten Wettkampf in dieser Klasse – und holte sich die Titel über 100 Meter, im Weitsprung und im Kugelstoßen.     

Und auch im paralympischen Umfeld verschob die Würzburgerin ihre Limits immer weiter nach oben. Hatte sie mit der Drei-Kilogramm-Kugel bei den ersten Stoßversuchen in Würzburg rund sieben Meter geschafft, war sie 2013 bereits bei mehr als zehn Metern angekommen – und wurde prompt erstmals vom Deutschen Behindertensportverband für die IPC-Europameisterschaft nominiert. Ihr Schlüsselerlebnis hatte Liebhardt, als sie beim Vorbereitungslehrgang erstmals unter Steffi Nerius vom TSV Bayer 04 Leverkusen trainierte. „Dort war alles deutlich leistungsorientierter und professioneller, was Trainingsaufbau und -inhalte angeht“, erinnert sich Franzi. Aus Würzburg kannte  sie nur Schwellentraining, wie sie es scherzhaft nennt: Auf der Türschwelle zur Sporthalle überlegt sich der Trainer, was heute drankommt.

In Leverkusen sportlich durchgestartet

So wurde Franziska schnell klar: „Wenn ich meine Ziele erreichen will, muss ich nach Leverkusen wechseln“ – 2014 wagte sie den nicht nur räumlich großen Schritt nach NRW. Eine Entscheidung, die nicht nur Befürwortet fand – vor allem seitens einiger Ärzte, die ihr von der hohen Belastung abrieten. Das Risiko sei sehr groß, ferner seien das für Kugelstoßen so wichtige Krafttraining und ein effektiver Muskelaufbau aufgrund der unzähligen Medikamente, die sie seit den Organtransplantationen täglich nehmen muss, nicht möglich. Doch wie war das gleich: Geht nicht? Gibt’s nicht!

Und so startete Franziska Liebhardt in Leverkusen, wo man das Paralympicstalent mit offenen Armen empfing, noch einmal richtig durch. Ihre neue Trainerin Steffi Nerius erinnert sich: „Franzi war von Beginn an total aufnahmefähig. Ich musste sie gar nicht extra motivieren, sie war immer heiß und ehrgeizig und hat alles aufgesaugt. Das ist natürlich dankbar für jeden Trainer.“ Und für Liebhardt war der prominente Coach – die Speerwurf-Weltmeisterin von 2009 (67,30 Meter) – Motivation genug. „Es war für mich natürlich etwas Besonderes, mit so einer erfolgreichen Athletin trainieren zu dürfen. Steffi hat im Sport fast alles selbst einmal erlebt, ich wusste, dass ich von ihr viel lernen kann“, schildert Franzi. Und das schlug sich auch bald in ihren Leistungen nieder.

In der ersten Phase des Kennenlernens seien aber zunächst vor allem gesundheitliche Fragen aufs Tapet gekommen, sagt Nerius. „Wir haben uns verständigt, nur das zu tun, was ihr Körper zulässt. In diesem  Rahmen aber bis an die Grenzen zu gehen. Dennoch war ich natürlich manchmal erschrocken, wenn Franzi im Training schwer geatmet hat“, erinnert sich Nerius. Aber das Vertrauen zueinander sei schnell gewachsen, um mit solchen Situationen umgehen zu können, berichten beide.

Sechs Tage pro Woche trainiert

ranzi trainierte hart, in der Spitze bis zu sechs Tage die Woche. „Steffi hat viel allgemeines Athletiktraining gemacht, und auch im Ausdauerbereich ließ sie mich arbeiten“, sagt Liebhardt. Zweimal pro Woche übernahm Anja Löhr vom Olympiastützpunkt (OSP) Rheinland das Athletiktraining, OSP-Biomechaniker Ralf Müller lieferte mittels Videoanalysen und Leistungsdiagnostiken Daten für den Feinschliff. „An diese Trainingsumfänge musste ich mich erstmal gewöhnen, in Würzburg hatte ich zuvor fast ausschließlich mit der Kugel trainiert“, sagt Franzi schmunzelnd.

Der Trainingsfleiß trug bald Früchte, sie verbesserte sich in allen Bereichen. Beeindruckend ist vor allem ihr Kraftzuwachs, den die Mediziner für ausgeschlossen gehalten hatten. „Als Franzi hier anfing, schaffte sie beim Bankdrücken höchstens fünf, sechs Wiederholungen mit der 20-Kilo-Stange – ohne zusätzliche Gewichte. Vor den Paralympics waren zehn Wiederholungen mit 70 Kilogramm drin. Das war großartig“, berichtet Nerius. Ihre Weite konnte sie in den beiden Jahren unterm Bayerkreuz um unglaubliche drei Meter verbessern.

Wohl wissend, dass Franziskas Körper jederzeit streiken könnte, empfand die Trainerin schon Franzis Qualifikation für Rio als großen Erfolg. „Ich wollte das unbedingt mit ihr schaffen und erleben, wie sie ihren großen Traum erreicht“, sagt die TSV-Legende. Doch damit war Franziskas sportliches Märchen noch nicht zu Ende. In Rio galt es, die große Favoritin Mi Na zu schlagen – Paralympicssiegerin 2008 und 2012 sowie amtierende Weltmeisterin. „Sie hatte alle großen Wettbewerbe gewonnen. Aber ich bin im Laufe der vergangenen zwei Jahre immer näher an sie herangekommen, und bei der WM 2015 war es richtig knapp. Da wusste ich: Sie ist nicht besser als ich“, sagt Franziska Liebhardt. Sie sollte Recht behalten, obwohl sie sich in einer Sache irrte.

14 Meter nicht geschafft – und Gold gewonnen

„Ich dachte, 14 Meter müssen fallen, um sie schlagen zu können“, sagt die 34-Jährige. Tatsächlich reichten 13,96 Meter, die sie gleich im ersten Versuch stieß, um Gold zu holen – auch diese Weite bedeutete Weltrekord. Was dann kam, waren Freude und Stolz, und das nicht nur bei der Athletin. „Ich habe auf der Tribüne geheult wie ein Schlosshund, als sie es geschafft hatte“, gibt Steffi Nerius unumwunden zu. Und auch Franzis Familie war einfach nur glücklich, sagt Franzi. Ihre Trainingsbekanntschaften aus Leverkusen hatten neben Gratulationen aber auch die eine oder andere nicht ganz ernst gemeinte Frotzelei im Köcher: „Einige haben mich gefragt, warum ich die 14 Meter nicht geknackt habe“, berichtet Franzi lachend. Die Silbermedaille im Weitsprung, die sie am Folgetag einheimste, geriet fast zur Nebensache. „Meine Weite war nicht wirklich berauschend. Ganz klar, hier habe ich vom Ausschluss der russischen Sportler profitiert“, gesteht Liebhardt ein.

Nun ist Rio knapp drei Monate vorbei. Der kurzzeitige Ruhm, den ihr die Erfolge gebracht haben, hält noch an. „Ich habe noch bis April 2017 Terminanfragen“, sagt Liebhardt und freut sich, dass sie die derzeitige Popularität für ihre andere große Leidenschaft nutzen kann: Die Würzburgerin wirbt offensiv für das Thema Organspende, für das sie sich seit vielen Jahren engagiert. Ihre Leistungssportkarriere ist nun planmäßig zu Ende gegangen, die antrainierten Muskeln sind schon wieder weg. „Rund sieben Kilo Masse habe ich seit Rio verloren“, sagt sie mit etwas Wehmut in der Stimme.

Ihre Zelte in Leverkusen bricht sie in Kürze ab. Januar 2017 geht’s zurück nach Würzburg, wo die ausgebildete Physiotherapeutin ihren ruhenden Job wieder aufnehmen wird. Wie es gesundheitlich weitergeht, lässt sich kaum voraussagen, fest steht nur, dass die Krankheit fortschreitet. Das paralympische Gold kann Franziska Liebhardt aber keiner mehr nehmen. Das bleibt für immer.