Die aktuelle Story

Die aktuelle Story

Die aktuelle Story: Falk, der Hochspringer

Die Geschichte von Hochspringer Falk Wendrich ist mehr als die Story eines außergewöhnlichen Sportlers. Natürlich gehören der fulminante Karrierestart und der folgende Absturz mit jahrelanger Leistungsstagnation untrennbar zu ihm. Doch sie sind nur Spiegelbild einer weit höher liegenden Latte, die er im übertragenen Sinne überwinden musste. Falk war an einer Depression erkrankt – aber er hat den Weg zurück ins Leben geschafft. Und sportlich? Da scheint inzwischen nur der Himmel das Limit zu sein.

Newcomer des Jahres in NRW 2017: Ute Schäfer (r.), Vorsitzende des Vorstands der Sportstiftung NRW, ehrte Falk beim Festakt in Düsseldorf. Zu den zahlreichen Gratulanten gehörte auch Andrea Milz, NRW-Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt.

Hat sein Lachen wiedergefunden: Falk Wendrich fühlt sich nach seiner Depression wieder "gut und gesund".

Triumph: Bei der Universiade 2017 siegte Falk Wendrich mit persönlicher Bestmarke von 2,29 Metern.

Millimetersache: Bei der Universiade 2017 scheiterte Falk an 2,31 Metern äußerst knapp. Für 2018 hat er die magische 2,30-Meter-Grenze aber fest im Blick.

Was die Planung von Küchen mit professionellem Hochsprung zu tun hat? Für Falk Wendrich eine ganze Menge. Der ehrgeizige Hochspringer aus Soest mit einem sympathischen Faible für Perfektion weiß, dass es in beiden Bereichen auf Details – konkret: auf Millimeter – ankommt, damit alles passt.

„Ich habe einmal eine zu kurze Arbeitsplatte bestellt, das hat mich mächtig geärgert. Schließlich kann ich nur zufrieden sein, wenn es der Kunde auch ist“, schildert der 22-Jährige, der sich im elterlichen Küchenstudio erste berufliche Meriten verdient. Im Sport ist das nicht anders. Auch beim Rückblick auf die Universiade im August 2017 in Taiwans Hauptstadt Taipeh hadert Falk ein wenig. „An 2,31 Metern bin ich sehr knapp gescheitert. Als ich mir die Bilder nachher im TV angeschaut habe, konnte ich es kaum glauben“, sagt der Soester. Der, wohlgemerkt, im gleichen Wettkampf mit 2,29 Metern gerade seine persönliche Bestleistung aufgestellt hatte. Ein Perfektionist eben …

Comeback mit einer Super-Saison 2017

Aber der 22-Jährige, der in Bochum seinen Bachelor in Management and Economics anstrebt, ist trotz seiner jungen Jahre reflektiert und realistisch genug, um zu wissen, dass eine gewisse Demut im Sport ein guter Begleiter ist. „Natürlich bin ich sehr zufrieden mit meiner Leistung. Im Grunde ist es dort perfekt gelaufen.“ Wie seine komplette Saison 2017. Wenn der mitunter inflationär benutzte Begriff Leistungsexplosion einmal passt, dann auf Falks jüngstes Wettkampfjahr. Acht Mal sprang er 2,20 Meter und höher, im Jahr davor waren gerade einmal 2,16 Meter als Bestwert drin gewesen.

Kontinuierliches und qualitativ gutes Training waren sicher die Basis für die neuerlichen Topleistungen. „Ich habe die Hallensaison 2016 ausfallen lassen und bin stattdessen im März 2017 ins dreiwöchige Trainingslager nach Südafrika gefahren. Das Gesamtpaket dort stimmt. Der Geist kann sich erholen, zugleich ist tolles Training möglich“, sagt der Sportler vom LAZ Soest. „Und es hat mir wieder richtig Spaß gemacht, zu trainieren“, erinnert sich Falk an die Zeit.

Depression erfolgreich überwunden

Es mag Zufall sein, dass er die Freude an der Bewegung am Kap der guten Hoffnung wiedergefunden hat. Selbstverständlich ist es nicht, denn es gab Zeiten, in den Falk zu gar nichts mehr Lust hatte. Denn Falk litt an einer Depression. Dabei hatte seine Karriere so unbeschwert begonnen: Das erste sportliche Ausrufezeichen setzte der damals 17-Jährige 2012 bei den U20-Weltmeisterschaften in Barcelona, wo er 2,24 Metern die deutsche U18-Bestleistung von Dietmar Mögenburg pulverisiert und Silber gewonnen hatte. Der Weg für die ganz große Karriere schien geebnet, auch die Sportstiftung NRW hatte ihn als Top-Talent längst auf dem Zettel.

Doch zusehends schwand die jugendliche Unbekümmertheit, auch die Höhen passten nicht mehr. „Sport ist mein Leben. Daher war es für mich zunächst nicht zu erklären, warum ich so oft schlechte Laune hatte und mich nicht mehr aufs Training freuen konnte“, erinnert sich Falk an 2013. Körperliche Probleme kamen hinzu. „Die habe ich für meine Missstimmung verantwortlich gemacht. Dass das Symptome einer Depression sein könnten, war für mich damals nicht vorstellbar.“

Neben der geistigen Frische ging auch die physische Kraft verloren. Die 25 Kilometer zum regelmäßigen Sprungtraining am Möhnesee, die er zuvor quasi zum Aufwärmen mit dem Rad gefahren war, wurden selbst im moderaten Tempo zur Tortur. Aber auch in der schlimmsten Zeit konnte sich Falk seinen Willen und sein Kämpferherz bewahren.

Also machte er sich auf, herauszufinden, was mit ihm los ist. Ein Depressions-Selbsttest im Internet war der erste Schritt in die richtige Richtung. „Ich bekam eine Ahnung davon, was es sein könnte.“ Doch es sollte noch anderthalb Jahre dauern, bis ihm wirklich geholfen werden konnte. „Ich war bei meinen Recherchen auf die die Robert-Enke-Stiftung aufmerksam geworden und habe dort angerufen. Danach ging alles recht schnell“, berichtet Falk. Die Stiftung wurde von der Witwe des Fußballtorwarts Robert Enke gegründet, der sich 2009 aufgrund von Depressionen das Leben genommen hat. Und die Experten, die sich unter anderem der Erforschung und Behandlung von Depressionskrankheiten widmen, konnten dem jungen NRW-Sportler einen Facharzt in seiner Nähe vermitteln.

Wahl zum Newcomer des Jahres war „ein besonderer Moment“

„Da habe ich das erste Mal die Diagnose Depression bekommen. Das war der Wendepunkt für mich.“ Heute, 2018, fühlt sich Falk Wendrich geheilt und gesund. Ob es schlussendlich die Therapie oder die Medikamente waren, die geholfen haben, ist ihm einerlei. „Mir geht es nun seit längerer Zeit wieder gut und das Thema Rückfall ist für mich keines“, sagt der 22-Jährige ebenso bedacht wie überzeugt. Der offene, ja öffentliche Umgang mit seiner Krankheit ist ein wichtiger Teil seines Wegs.

Als er im Dezember 2017 – zu, wie er sagt, seiner eigenen Überraschung – bei der NRW-Sportlerwahl des Jahres als bester Newcomer ausgezeichnet wurde, sprach er mit Moderator Claus Lufen offenherzig auch über seine Erkrankung. „Das vor 1.000 Gästen zu tun, war schon etwas Besonderes“, sagt Falk, der sich vor allem über den aufmunternden und anerkennenden Applaus gefreut hat. „Das war ein tolles Gefühl, das ich so schnell nicht vergessen werde.“

Und wie geht’s nun sportlich weiter? Als nächstes Zwischenziel haben Falk und seine langjährige Trainerin Brigitte Kurschilgen, zu der er eine sehr vertrauensvolle Verbindung hat, die 2,30 Meter im Fokus. „Damit würde ich sehr wahrscheinlich zur Heim-EM nach Berlin fahren. Das wäre eine super Sache.“ Natürlich sollen auch die Olympischen Spiele in Tokio 2020 eine herausragende Etappe seiner Karriere werden. Aber langfristig? Da scheint nur der Himmel Falks Limit zu sein.

Thränhardts Deutscher Uralt-Rekord als großes Ziel

„Na klar träume ich noch immer davon, eines Tages den deutschen Freiluftrekord zu knacken.“ Carlo Thränhardts Uralt-Bestmarke von 2,37 Metern von 1984 – da war Falk noch gar nicht auf der Welt. Ob das realistisch ist? „Wer weiß das schon?“, sagt Falk lachend. Vielleicht kommt er, der Tag, an dem alles passt. Auf den Millimeter genau.

Zur Person: Falk Wendrich

Persönliches

  • Geboren am 12. Juni 1995, Soest
  • 1,93 Meter, 76 Kilogramm
  • Verein LAZ Soest
  • Trainerin: Brigitte Kurschilgen
  • Kaderstatus: Perspektivkader
  • Studium an der Uni Bochum, (9. Semester)

Sportliches

International

  • Sieger Universiade 2017
  • Fünfter U20-WM 2014
  • Fünfter U23-EM 2017
  • Zweiter U20-WM 2012

National

  • Vierter DM 2016
  • Deutscher U23-Meister 2017
  • Deutscher U20-Meister 2014
  • Deutscher U23-Vizemeister 2014
  • Deutscher U20-Hallenmeister 2013, 2012
  • Deutscher U18-Meister 2012

Depression? Hier gibt's Hilfe

Eine Depression ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung. Schwerwiegend deshalb, weil sie den ganzen Menschen betrifft, nicht nur ein Körperteil wie etwa das Bein bei einem Beinbruch, darüber hinaus den Alltag sowie das soziale und berufliche Leben gänzlich beeinträchtigt und nicht selten auch zum Tode führt, weil Betroffene diesen Zustand einfach nicht mehr aushalten und sich das Leben nehmen. Dies betrifft etwa 15 Prozent der Menschen mit einer schweren Verlaufsform der Depression. Das ist dramatisch, vor allem vor dem Hintergrund der guten Behandlungsmöglichkeiten (Quelle: robert-enke-stiftung.de).

Hilfesuchende können sich unter anderem wenden an:

mentaltalent.de: Die von der Sportstiftung NRW geförderte und im Psychologischen Institut der DSHS Köln verankerte Initiative mentaltalent.de ist in NRW verantwortlich für die sportpsychologische Betreuung im Nachwuchsleistungssport. Dabei zielt die Betreuung auf Sportler und Trainer gleichermaßen ab. Neben der mentalen Unterstützung zur Entwicklung und Entfaltung der sportlichen oder beruflichen Leistungsfähigkeit und der Persönlichkeit legt mentaltalent.de seinen Fokus auf die Aufrechterhaltung der körperlichen und psychischen Gesundheit. Ohne psychisches Wohlbefinden können Sportler und Trainer keine Spitzenleitungen erbringen.

Die Gefahr ständiger Überbelastung im Spannungsfeld der dualen Karriere (Leistungssport und Schule/Ausbildung/Studium sowie Privatleben) kann zu psychischen Störungsbildern (u.a. Depressionen) und schließlich dem Dropout führen. Um dieser Gefahr zu widerstehen, hilft mentaltalent.de Nachwuchssportlern und Trainern in präventiver Hinsicht dabei, Stressoren und Warnsignale frühzeitig zu erkennen, sie richtig zu interpretieren und entsprechende gesundheitsfördernde Maßnehmen einzuleiten. mentaltalent.de – sportpsychologische Betreuung für den Nachwuchsleistungssport in NRW Moritz Anderten, 0170/5565633, www.mentaltalent.de, E-Mail an mentaltalent(at)dshs-koeln.de

Robert-Enke-Stiftung Ruf 05105/77 55 55-0, E-Mail an info(at)robert-enke-stiftung.de; robert-enke-stiftung.de

Dr. med. Karsten Henkel Leiter des Referats „Sportpsychiatrie und -psychotherapie“ der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN), Uniklinik RWTH Aachen, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Pauwelsstraße 30, 52074 Aachen. Ruf 0241/80-35673 oder E-Mail an khenkel(at)ukaachen.de

Studenten der Deutschen Sporthochschule können sich an die Psychologische Beratung der Universität wenden: Anna Heese, Ruf 0221/49823-912 oder E-Mail an a.heese(at)dshs-koeln.de