Die aktuelle Story

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Die aktuelle Story: Aline, die Ringerin

Aline Focken ist Weltmeisterin im Ringen - und "Zwilling" der Sportstiftung NRW. Wie die inzwischen 24-Jährige Sport, Studium und Beruf unter einen Hut bringt und zugleich noch den Nachwuchs ausbildet, ist unsere "Story des Monats".

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Aline in ihrem "Wohnzimmer", Foto: Sandra Karsch

Ein Strahlen für die Medaille

Manchmal verraten wenige Sekunden sehr viel über den Charakter eines Sportlers. Bei Ringerin Aline Focken waren es genau elf. Elf Sekunden vor Ende ihres ersten Weltmeisterschaftsfinales holt sie sich gegen die Japanerin Sara Dosh im Frühjahr 2014 zwei Punkte zum 5:4.  Aber jetzt gilt es, die verzweifelten Versuche der Japanerin abzuwehren. Kampfunterbrechung. Noch sieben Sekunden im WM-Finale in Taschkent in der Klasse bis 69 kg.

Aline Focken hat viel gewonnen in ihrem Sport in den vergangenen Jahren. Deutsche Meistertitel, Europameisterschaften, Medaillen bei Weltkämpfen. Erst im Nachwuchsbereich, dann bei den Erwachsenen. Aber noch früher hat sie gelernt, wie es ist, zu verlieren. Drei lange Jahre bis zu ihrem zehnten Lebensjahr hat sie auf Turnieren keinen einzigen Kampf gewonnen. "Ich war kein Talent, bei mir ist alles antrainiert", sagt die nun 24 Jahre alte Fitnesstrainerin und Studentin heute rückblickend. "Ich wollte damals schon aufhören, aber meine Eltern haben mich überredet weiterzumachen." Schließlich ist die Familie Focken so etwas wie eine Ringerdynastie. Vater Hans-Georg trainierte sie von Beginn an. Bruder Tim kämpft selbst. Und Opa Hans war in den 6oer Jahren deutscher Vizemeister und zeitweise zweiter Mann im griechisch-römischen Stil hinter der deutschen Legende Wilfried Dittrich, dem "Kran von Schiffstadt". Für Aline ging es irgendwann ganz schnell - und die Krefelderin aus dem Ortsteil Hüls machte die Matten der Republik unsicher und gewann. Nicht nur Kämpfe sondern gleich Turniere.

Ganz früh auf ihrem Weg hat sie so zwei wesentliche Elemente für sich und ihren Sport verinnerlicht: Es lohnt sich, sich durchzubeißen, um irgendwann dort anzukommen, wo man hin möchte. Und dass es geht. Schritt für Schritt. Sie hat gelernt, aus ihren Möglichkeiten das Optimale herauszuholen. Kampfgeist entwickelt. Das macht stark. In den Beinen, in den Armen, im Kopf. Eigentlich ist sie eine offensive Kämpferin, doch hier und jetzt in Taschkent muss sie sich entschlossen wehren. Muss den Sieg festhalten, unbedingt. Wie im Rausch vergehen die letzten Sekunden. Ein, zwei Attacken der Gegnerin, dann ist es vorbei. "Ich wusste, dass ich das schaffen kann. Ich war ganz ruhig und konzentriert." Das Vertrauen hatte sie sich im Halbfinale geholt, als sie mit einer defensiven Meisterleistung die Lettin Laura Skujina bezwang. "Ich habe nur auf die Trainer gehört und taktisch alles gemacht, was sie sich überlegt hatten. Immer abgewartet und reagiert, obwohl ich eine Angriffsringerin bin, die gerne sehr viel nach vorne springt und aktiv ist."

Aline wurde die erste deutsche Weltmeisterin seit 2002.  So war der Jubel im deutschen Ringerlager entsprechend groß. Natürlich auch in ihrem Verein KSV Germania Krefeld und bei ihren Trainern: Vater Hans-Georg als Heim- und Landestrainer,  Patrick Loes als  Bundestrainer. Doch auch in der Sportstiftung NRW wurde mitgejubelt. Denn Aline ist nicht nur eine zupackende Athletin, sondern auch ein Musterbeispiel für ein gelungenes Zusammenspiel aus sportlicher und beruflicher Förderung.

Begonnen hat alles mit dem Vorsprechen im Olympiastützpunkt bei Laufbahnberater Horst Schlüter. Danach ging es weiter zur Sportstiftung NRW ins Duale-Karriere-Projekt "Zwilling".  Immer wieder wurden Möglichkeiten gefunden, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Erst absolvierte Aline den Bachelor of Arts im Fitnesstraining, gerade steckt sie mitten im Masterstudiengang "Prävention- und Gesundheitsmanagement" mit Präsenztagen in Saarbrücken. "Ich brauche das für meinen Kopf, ich muss mich auch geistig fordern. Nur Sport reicht mir nicht. Je mehr Stress, desto besser. Aber ich habe auch perfekte Bedingungen bei meinem Arbeitgeber" beschreibt Aline ihre Situation. So hat die Sportstiftung für Focken den Kontakt hergestellt zu Medicoreha mit dem Geschäftsführenden Gesellschafter und ehemaligen Kanu-Weltmeister Dieter Welsink an der Spitze. Sein Therapeutischer Geschäftsleiter in Neuss, Rüdiger Hübbers-Lüking, betreut die Ringerin als Mentor und steht ihr bei allen Entscheidungen beratend zur Seite.  "Hier haben alle ganz viel Verständnis für den Sport und seine speziellen Herausforderungen. So kann ich die Arbeit in Neuss,  das Training in Dormagen und in Krefeld sowie das Studium bestens unter einen Hut bringen."

Training heißt in dem Fall nicht nur ihres, sondern auch das ihrer Kinder- und Jugendgruppe. "Fanatisch" nennt Mutter Ulrike ihre Ringer manchmal. "Hallensüchtig", umschreibt es Aline. Schließlich haben ihre Athleten bereits einige Landestitel gewonnen - und Ringen schult fürs Leben. "Wir haben so manchen "Straßenköter" aus Hüls in unseren Reihen. Aber bei uns lernen sie Respekt und Disziplin, sind aufmerksam und strengen sich an. Bei uns können Sie zum Ringer werden. Denn wenn es einen packt, dann zu 100 Prozent." So wie die Familie Focken.