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Para-Leichtathletik WM: NRW-Sportler zeigen überragende Leistungen

Auf die Athleten der Deutschen Paralympischen Mannschaft ist Verlass. Bei der Para-Leichtathletik-WM  im Londoner Olympiastadion (14. bis 23. Juli) zeigen die Sportler wieder Top-Leistungen, gekrönt mit zahlreichen Medaillengewinnen. Besonders erfreulich aus NRW-Sicht ist die große Zahl von Sportlern von Rhein und Ruhr, darunter der Leverkusener Johannes Floors Johannes Floors, der nach seinem phänomenalen WM-Gold-Triple als neuer König der Prothesen-Sprinter schon auf die nächsten großen Ziele blickt.

König der Prothesen-Sprinter: Johannes Floors vom TSV Bayer 04 Leverkusen holte dreimal Gold und einmal Silber. (Foto: Beautiful Sports)

Sprung aufs Treppchen: Léon Schäfer sicherte sich mit 6,25 Metern Bronze im Weitsprung der Klasse T42. Mehr als ein Trostpflaster für die beiden vierten Plätze über 100 und 200 Meter. (Foto: Beautiful Sports)

Schnelle Gold-Jungs aus Leverkusen: die 4x100-Meter-Staffel mit (v.l.) Tom-Sengua Malutedi, Léon Schäfer, Markus Rehm und Johannes Floors. Foto: Beautifulsports/Axel Kohring

Eine Weltmeisterschaft als NRW-Festspiele – so kann man die Para-Leichtathletik-WM in London augenzwinkernd bezeichnen. Von den insgesamt 21 deutschen Teammitgliedern starten nur sieben nicht für einen NRW-Verein. Auch zur Freude der Sportstiftung NRW, die den Behindertensport im Land finanziell unterstützt.

Léon Schäfer (TSV Bayer 04 Leverkusen), Sportstudent in Köln, belegte am zweiten Wettkamptag über 200 Meter der Klasse T42 Rang fünf, lief dabei in 25,14 Sekunden aber persönliche Bestzeit und stellte einen Deutschen Rekord auf. Großes Pech hatte hingegen David Behre, der seinen WM-Start aufgrund einer Verletzung absagen musste. Der 30-Jährige vom TSV Bayer 04 Leverkusen hätte über 100, 200 und 400 Meter sowie in der 4x100 Meter-Staffel zu den sicheren Medaillenkandidaten gehört.

Magischer Sonntag: Medaillensatz in 51 Minuten

Als magischen Sonntag werden die Para-Sportler den dritten Wettkampftag in Erinnerung behalten. In nur 51 Minuten gab es einen ganzen Medaillensatz für die Deutsche Paralympische Mannschaft. Johannes Floors (TSV Bayer 04 Leverkusen) gewann Silber über 100 Meter der Klasse T44. Der 22-Jährige musste sich nur dem britischen Publikumsliebling Jonnie Peacock mit 10,89 Sekunden knapp geschlagen geben.

Irmgard Bensusan (TSV Bayer 04 Leverkusen) krönte ihr starkes 400-Meter-Finale der Klasse T44 mit der Goldmedaille. In 1:02,33 Minuten hatte die 26-Jährige die Italienerin Federica Maspero und die Spanierin Sara Andres Barrio um mehr als eine halbe Sekunde hinter sich gelassen.

Baldé schafft im Schlussspurt Platz 3

Etwas überraschend sicherte sich Alhassane Baldé (SSF Bonn) Bronze über 1500 Meter der Klasse T54. Im Zielsprint kämpfte sich der 31-Jährige auf Rang drei hinter den Schweizer Marcel Hug und den Tunesier Yassine Gharbi. In 3:04,61 Minuten fehlten sogar nur drei Hundertstel zu Silber – ein Wimpernschlag. Für den Rennrollstuhlfahrer ist Bronze dennoch der größte Erfolg seiner Karriere und die erste internationale Medaille.

Dreimal Gold am Montag

Dem magischen Sonntag folgte der goldene Montag. Am vierten Wettkampftag machte Kugelstoßer Sebastian Dietz (BSG Bad Oyenhausen) den Auftakt, als er Gold in der Klasse F36 gewann. 15,28 Metern bedeuteten WM-Rekord. Weitspringer Markus Rehm (TSV Bayer Leverkusen) holte das zweite Gold für Deutschland und bleibt in seiner Startklasse T44 das Maß aller Dinge. Der 28-jährige distanzierte erneut die internationale Konkurrenz und sicherte sich mit 8,00 Metern seine insgesamt vierte WM-Medaille. Seine Konkurrenten Ronald Hertog (6,94 Meter/Niederlande) und Jean-Baptiste Alaize (6,82 Meter/Frankreich) hatten keine Chance.

Kurz nach seinem Gold-Sprung feuerte Rehm seinen Vereinskollegen Johannes Floors an, der über die 400 Meter in der Klasse T43 antrat – und die Unterstützung sollte helfen. Der 21-Jährige lief in 46,67 Sekunden WM-Rekord und sicherte sich ebenfalls Gold.

Der Münsteraner Mathias Mester, der für den 1. FC Kaiserslautern startet, freute sich sichtlich über sein  Speerwurf-Bronze der Klasse F41. Mit dem letzten Wurf sicherte er sich das Edelmetall – in Europarekord-Weite von 40,54 Metern.

Pech hatten hingegen Léon Schäfer und Irmgard Bensuan. Schäfer wurde über 100 Meter (T42) auf der Ziellinie noch von Richard Whitehead abgefangen – trotz neuer persönlicher Bestzeit von 12,43 Sekunden. Irmgard Bensusan fehlten über 100 Meter (T44) in 13,35 Sekunden zehn Hundertstel für Bronze.

Doch Schäfer musste nicht allzu lange hadern, denn einen Tag später gewann auch er endlich seine erste Medaille. Mit 6,25 Metern im Weitsprung der Klasse T42 Dritter wurde er Dritter hinter Daniel Wagner aus Dänemark und Atsushi Yamamoto aus Japan.

Große Freude auch bei Katrin Müller-Rottgardt (TV Wattenscheid 01). Gemeinsam mit ihrem neuen Guide Noel-Philippe Fiener sprintete die 35-Jährige zu Silber über 100 Meter der Klasse T12. Im Vorlauf konnte sie ihre persönliche Bestzeit auf 11,99 Sekunden steigern. Der Endlauf war mit 12,04 Sekunden nur unwesentlich langsamer, sodass es zu Platz zwei hinter der kubanischen Weltrekordhalterin Omara Durand reichte. Duplizität der Eriegnisse: Auch das 200-Meter-Finale hatte mit der gleichen Konstellation geendet. Mit 24,82 Sekunden war die sehbehinderte Athletin zu einer neuen Saisonbestleistung gelaufen, hatte Durand aber dennoch geschlagen geben müssen.

Rennrollstuhlfahrer Marc Schuh (TV Herkenrath) belegte Platz fünf im Finale über 400 Meter. Es war sein letzter Wettkampf,  der 27 Jahre alte Doktorand der Kernphysik und stellvertretender Aktivensprecher im DBS konzentriert sich auf seine berufliche Karriere.

Viel Platz im Medaillenschrank braucht  Johannes Floors nach den Wettkämpfen. Nach Silber über 100 Meter unterstrich er seine herausragende Form und deklassierte das Feld über 200 Meter in 21,50 Sekunden. Mit breiter Brust blickt Floors nun nach vorn in Richtung Tokio 2020: „Olympiasieger will jeder werden, ich natürlich auch“, wird er in der Tagespresse zitiert.

Remember Rio: USA im Pech, Deutschland darf jubeln

Für eine der größten Überraschungen aus deutscher Sicht sorgte Frederike Koleiski von Eintracht Duisburg: Mit persönlicher Bestleistung holte sie sich den Sieg in der Klasse F44. Dabei war die 29-Jährige zunächst verhalten in den Wettbewerb gestartet und lang mit mäßigen Weiten von 9,28, 10,17 und 10,47 Metern deutlich zurück – die Chinesinnen Juan Yao und Yue Yang hatten zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich über elf Meter gestoßen. Doch wie das bei Wurfdisziplinen eben ist: es reicht ein überragender Versuch, und den hatte Koleiski noch im Köcher. Im letzten Antritt schaffte sie sensationelle 11,53 Meter, verbesserte nicht nur ihre eigene Bestleistung um 28 Zentimeter, sondern sprang vom dritten auf den ersten Rang.

Dort landete auch die 4x100-Meter-Staffel der Männer mit Tom-Sengua Malutedi (TSV Bayer 04 Leverkusen), Léon Schäfer, Markus Rehm und Johannes Floors. Das Motto könnte lauten „Remember Rio“, denn nach dem Zieleinlauf in 42,81 Sekunden hinter den USA und vor Italien freute sich das Quartett zunächst über Silber. Wenig später fühlten sich dann alle plötzlich an die Paralympics 2016 erinnert: Wie schon im vergangenen Jahr war den USA ein Wechselfehler unterlaufen, der zur Disqualifikation führte und dem deutschen Team den Sieg bescherte. Somit verteidigte die Staffel in völlig neuer Besetzung den Titel, den sie 2015 in Doha, Katar, ersprintet hatte. Weil Felix Streng, David Behre und Ersatzmann Heinrich Popow verletzt fehlten, ging Léon Schäfer an den Start. Zudem stand mit dem früheren Boxer Tom-Sengua Malutedi ein nachnominierter Läufer auf der Bahn, der sein erstes internationales Rennen machte – und gleich mit Gold veredelte.

Auch Juliane Mogge und Frank Tinnemeier im Kugelstoßen konnten über Edelmetall jubeln. Die 27-jährige vom TV Wattenscheid 01 musste mit 9,44 Meter nur der favorisierten Chinesin Qing Wu (9,69 Meter) den Vortritt geben. Der 44 Jahre alte Tinnemeier (TSV Hillentrup) wuchtete die Kugel auf 13,87 Meter, was für  Bronze reichte.

Bei Regen, Blitz und Donner rundeten Irmgard Bensusan und Alhassane Baldé (Bonn) den letzten WM-Tag im Queen Elizabeth Olympic Park ab. Eine Woche nach ihrem Titelgewinn über 400 Meter sicherte sich Bensusan über 200 Meter Silber in 27,13 Sekunden. Baldé gewann über fünf Kilometer seine zweite Bronzemedaille in 11:11,92 Minuten und legte nach seinem dritten Platz über 1500 Meter erfolgreich nach.

Zahlen, Daten und Fakten

  • Insgesamt 22 Medaillen standen am Ende der Para-Leichtathletik-WM für das deutsche Team zu Buche, 18 davon errangen NRW-Athleten.
  • Diese verteilten sich auf 8 Gold-, 7 Silber- und 7 Bronzemedaillen (NRW-Bilanz: 7/6/5).
  • Mit dreimal Gold und einmal Silber avancierte Johannes Floors (TSV Bayer 04 Leverkusen) zum erfolgreichsten Deutschen und zu einem der besten WM-Athleten.
  • 14 der insgesamt 22 Athleten – also statistisch zwei von drei – der deutschen Mannschaft starten für einen NRW-Verein oder kommen aus NRW.